Das Wartburgfest 1848, Holzstich, ca. 1880
Darstellung des Wartburgfestes von 1848, Holzstich, ca. 1880 Bildrechte: imago/imagebroker

19. Oktober 1817: Wartburgfest in Eisenach Die erste nationale Kundgebung in Deutschland

Die Regierenden sind unzufrieden mit dem Volk und umgekehrt. Nach den blutigen Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 will man mehr Rechte und Mitsprache. Aber die siegreichen Monarchen Zar Alexander, Kaiser Franz und Preußenkönig Friedrich Wilhelm wollen zurück zum unumschränkten Gottesgnadentum. Hinter jedem größeren Treffen wittern sie eine Verschwörung. Und so schrillen die Alarmglocken als sich am 18. und 19. Oktober 500 Studenten aus ganz Deutschland in Eisenach versammeln. Offizieller Anlass: 300 Jahre Thesenanschlag und vier Jahre Völkerschlacht.

von Hartmut Schade

Das Wartburgfest 1848, Holzstich, ca. 1880
Darstellung des Wartburgfestes von 1848, Holzstich, ca. 1880 Bildrechte: imago/imagebroker

Die Preußen schicken eigens einen gräflichen Gesandten und auch das "Königlich Großbritannisch Hannoversche Cabinets-Ministerium" warnt Weimars Herzog Carl-August, dass das Studententreffen "politische Zwecke zu verfolgen scheint, die den bestehenden Regierungen schädlich zu werden drohen". Die Weimarischen Behörden lassen die Bedenkenträger abblitzen: "Uns erscheint das Vorhaben ganz einfach und ungefährlich. [...] Endlich dürfte es von bedenklichen Folgen seyn, den Ausbruch jugendliches Enthusiasmus für an sich löbliche [...] Zwecke gewaltsam unterdrücken zu wollen." Stattdessen wolle man die Räume der Wartburg öffnen, gutes Bier und Holz für die Feuer bereitstellen.

Sittsam in Zweierreihe, die Häupter eichenlaubumkränzt, schreiten die Studiosi am Vormittag des 18. Oktober 1817 zur Wartburg empor. Dass sie dort "Eine feste Burg ist unser Gott singen" reicht den preußischen Polizeispitzeln als Beleg für ihre "staatsverräterische Gesinnung". Dabei kommen die politischen Forderungen erst noch, zuerst die nach der deutschen Einheit. Weiter heißt es:

Der Wille des Fürsten ist nicht das Gesetz des Volkes, sondern das Gesetz des Volkes soll der Wille des Fürsten sein.

Jeder, von welchem der Staat Bürgerpflichten fordert, muss auch Bürgerrechte haben.

Das erste und heiligste Menschenrecht, unverlierbar und unveräußerlich, ist die persönliche Freiheit.

Grundsätze und Beschlüsse des 18.10.1817

Abends zieht man auf den Wartenberg: Ein Volksfest mit Bierbuden und Verkaufsständen. Die großherzogliche Holzspende verbrennt in zahlreichen Siegesfeuern. Und noch mehr brennt an diesem Abend: Ein Korporalstock, ein Soldatenzopf, ein Ulanenschnürleib und Bücher. So wie es Martin Luther mit der Bannbulle vorgemacht hat und wie es das preußische "Allgemeine Landrecht" als Strafe für missliebige Werke vorsieht.

Kostenbewusst verbrennen die Studenten nicht die teuren Bücher, sondern Stapel von Makulaturpapier, auf deren Vorderseite sie handschriftlich die Titel schreiben. Ins Feuer fliegen die Schriften des Dramatikers August von Kotzebue, Karl Ludwig Hallers "Restauration der Staatswissenschaft" und der "Kodex der Gendarmerie" von Albrecht von Kamptz. Er beschwert sich bei Carl-August, dies sei "ein terroristisches Verfahren gegen die Denk- und Preßfreiheit".

Nach der großen Feier und einer kurzen Nacht treffen sich die Studenten noch einmal im Rittersaal der Wartburg, hinter verschlossenen Türen. Ein Spitzel weiß trotzdem, über was gesprochen wurde:

Man sprach von Verschwörungen, welche nichts weniger als den Großherzog von Weimar zum Deutschen Kaiser ausrufen wollten.

Schilderung eines Spitzels

Nicht nur Adressat Metternich ist alarmiert. In allen deutschen Staaten beginnt die Jagd auf angebliche "Wartburgverschwörer". Auch Großherzog Carl August gerät als Unterstützer der Burschenschaftler unter Druck und muss seine liberale Haltung aufgeben. Die Restaurationszeit beginnt, benannt nach jener Schrift Karl Ludwig Hallers, die die Studenten ins Feuer warfen.

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2017, 00:00 Uhr

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