Ein Mann macht mit seinem Hund ein Selfie auf der grünen Wiese.
Das "Selfie" ist aus den sozialen Netzwerken nicht mehr wegzudenken. Und mit tierischem Freund bekommt es gleich noch mehr Likes. Bildrechte: IMAGO

Zehn Jahre Smartphones Wie die Bilder zu Sprache wurden

Als Steve Jobs im Januar 2007 das erste iPhone vorstellte, startete damit nicht nur eine Technikrevolution. Die Einführung und Verbreitung der Smartphones hat auch unsere Kommunikation nachhaltig verändert - und beschäftigt Künstler und Wissenschaftler.

von Claudia Bleibaum, Redakteurin Digitale Welt

Ein Mann macht mit seinem Hund ein Selfie auf der grünen Wiese.
Das "Selfie" ist aus den sozialen Netzwerken nicht mehr wegzudenken. Und mit tierischem Freund bekommt es gleich noch mehr Likes. Bildrechte: IMAGO

Ob ein leckeres Stück Torte, der Sonnenuntergang im Urlaub oder das berühmte "Selfie" – das Bild ist durch das Smartphone und mobile Internet zu einem wichtigen Kommunikationsmittel geworden. Und in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram machen sich die zahlreichen Handyfotos wie eine Dokumentationsepidemie breit.

"Hamster-Hipster-Handy. Im Bann des Mobiltelefons" hieß eine Schau in Frankfurt am Main, die sich bereits 2015 mit den Auswirkungen der smarten Welt auf uns und unsere Kommunikation beschäftigt hat. Dabei steht der Hamster für die negative Seite und nimmt Bezug auf Tierversuche an Nagetieren, um die Wirkung von Handystrahlen zu erforschen. Der Hipster steht für den technikaffinen und selbstverliebten Menschen, für den das Handy Statussymbol und Selfie-Automat zugleich ist.

Das Handy gerät zur Dystopie

Kunstwerk
"Menschentracks" von Florian Mehnert Bildrechte: dpa

Eines der ausgestellten Kunstprojekte stammte von Florian Mehnert. Unter dem Titel "Menschentracks" zeigte es Videosequenzen aus gehackten Smartphones, deren Kameras und Mikrofone ferngesteuert wurden. Das Handy als Überwachungswerkzeug gerät zur Dystopie. Die menschliche Vergänglichkeit machte J. K. Keller mit seinem Langzeitprojekt sichtbar, in dem er seit Jahren jeden Tag ein Handyfoto von sich macht.

Wolfgang Ullrich, einer der Kuratoren der Ausstellung, ist Kulturwissenschaftler an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Er findet, dass das Smartphone durchaus künstlerisches Potential hat.

Das Leben hat sich in gewisser Weise schon multipliziert. Das ist sicher etwas, was für Künstler wiederum interessant ist, weil Kunst insgesamt schon immer darauf aus war, das Hier und Jetzt zu transzendieren und virtuelle Räume, fiktionale Räume zu erschließen, zu erschaffen, zu erobern, und in gewisser Weise passiert das heute im täglichen Leben von uns allen.

Wolfgang Ullrich, Kulturwissenschaftler

Bilder werden durch das Smartphone neben der Sprache zu einem zweiten Kommunikationsmittel meint Ullrich. Denn inzwischen könnten wir Bilder genauso schnell Hin- und Herschicken wie Worte:

Wir können Bilder, die es schon gibt auch dank diverser Apps in Sekundenschnelle beliebig verwandeln, verändern, unterschiedlichen Situationen, Adressaten, eigenen Empfindungen anpassen. Und insofern sind Bilder inzwischen so etwas wie Redewendungen geworden.

Wolfgang Ullrich, Kulturwissenschaftler

Fotos sind mehr als eine Abbildung

"Fotografie als Sendung" heißt das Buch des Medienwissenschaftlers Gunnar Schmidt und des ehemalige Fotografen Frank Wache. Beide kommunizierten miteinander und schickten sich Handyfotos. Heraus kam eine Korrespondenz durch Bilderpaare, die in Beziehung zueinander stehen. Gunnar Schmidt beschreibt die Besonderheit der Handybilder so:

Wenn ich durch das Fenster des Smartphones schaue, verliert sich das alte Gewicht des Bildermachens. Alles wird  beiläufiger, leichter, spielerischer, auch weil man vielleicht weiß, dass man die Fotos gleich wieder löschen kann.

Gunnar Schmidt, Medienwissenschaftler

Was wie eine Entwertung des Bildermachens klinge, so Schmidt weiter, beinhalte aber auch eine Chance. Denn man werde nicht mehr "von der Bildkultur der Professionals mit ihren technischen und gestalterischen Maßstäben bedrängt". Die Einfachheit des Handyfotos hat Gunnar Schmidt und Frank Wache für das Projekt zusammengeführt. Der ehemalige Profifotograf Wache hat die Lust am Fotografieren dank des Smartphones wiedergefunden. Und Bildtheoretiker Schmidt, der sich selbst als "Knipser" bezeichnet, empfindet das Handy viel weniger als technischen Apparat, der zwischen ihm und der Welt steht.

Das Smartphone ist kaum mehr als eine Scheibe. Man könnte auch sagen, die Fortsetzung der Handfläche, mit der man über Oberflächen streicht. Oder anders gesagt, das Smartphone ist keine 'Kamera Obscura' mehr.

Gunnar Schmidt, Buchautor

Dialog statt Hochglanzbilder

Hinzu kommt der Aspekt des Teilens. Und durch das Bannen der digitalen Kommunikation ins analoge Buch wird das Dialogprojekt auch auf eine andere Ebene gebracht. Für Gunnar Schmidt ein Vorteil, da das Medium Buch den "Appell zur Konzentration und Ruhe aussendet". Das sei bei einer Bildschirmdarstellung so nicht gegeben.

Gunnar Schmidt und Frank Wache:
Cover des Buches "Fotografie als Sendung" Bildrechte: Edition Imorde

Das Buch "Fotografie als Sendung" hat nichts mit den selbstdarstellerischen und scheinbar perfekten Hochglanzfotos zu tun, wie wir sie millionenfach auf Instagram oder in anderen sozialen Netzwerken finden. Der smarte Dialog zeigt das große Potential, das in der Kommunikation mit Bildern steckt, meint Gunnar Schmidt und verweist auf den Sprachwissenschaftler Roman Jakobson und die von ihm definierte poetische Funktion:

Das ist meine These oder meine Hoffnung, dass diese Funktion mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Diese Funktion besagt, dass die Botschaft – das Bild in diesem Fall – in ihrer Gemachtheit erkannt wird. Nicht das Abgebildete steht im Vordergrund, sondern die Abbildung mit ihren formalen Eigenheiten.

Gunnar Schmidt

Die Tretmühle der Kommunikation, in die wir uns mit dem Smartphone begeben, kann also auch zur Spielwiese werden und bietet uns die Möglichkeit, der Welt und unserem Gegenüber anders zu begegnen.

Angaben zum Spezial "Die ganze Welt in der Hosentasche" In einem Spezial geht MDR KULTUR der Frage nach, wie das mobile Netz unser Leben verändert hat und worin der Segen und gleichzeitig der Fluch liegen, mit dem Smartphone jederzeit auf alles zugreifen zu können.

Die Themen der Sendung:

* Wie uns das mobile Netz verändert hat: Gespräch mit Medienwissenschaftler Matthias Berg

* Das Dilemma mit dem Netz: Wir brauchen leistungsfähige Netze, aber gibt es die auch überall? Eine Bestandsaufnahme.

* Lieben und Hassen: Das mobile Internet ist Segen und Fluch. Autorin Christine Reißing hat persönliche Momente eingefangen.

* Die Kunst des Kommunizierens: Wie das Smartphone Künstler inspiriert hat. Claudia Bleibaum berichtet.

* Was ist das nächste große Ding? Vor zehn Jahren brachte das iPhone den Durchbruch für das mobile Internet. Was erwartet uns noch? Gespräch mit Zukunftsforscher Marco Maas.

Sendung:
Do, 05.01.2017 | 18:05-19:00 Uhr

Redaktion Claudia Bleibaum

Zuletzt aktualisiert: 05. Januar 2017, 12:08 Uhr

Gunnar Schmidt und Frank Wache:
Bildrechte: Edition Imorde

Angaben zum Buch Gunnar Schmidt und Frank Wache: "Fotografie als Sendung: Ein Dialog"

Gunnar Schmidt und Frank Wache: "Fotografie als Sendung: Ein Dialog"

97 Seiten, Broschur
mit 60 Abbildungen
Edition Imorde, 2016
ISBN: 978-3-942810-33-3
19,80 Euro

Digitale Welt

Auf einem iPhone wird im App-Store das Logo von
Bildrechte: dpa

Twitter und das liebe Geld. Gesellschaftlich relevant sucht die Plattform nach einem machbaren Geschäftsmodell. Kais Harrabi berichtet über die Misere des Kurznachrichtendienstes und potentielle Lösungsansätze.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 22.05.2017 12:10Uhr 07:11 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Ein Mädchen schaut auf ein Mobiltelefon, dass auf einem Schulheft liegt
Bildrechte: Colourbox.de

aktuelle Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing Cybermobbing - mehr als Lästern im Netz

Cybermobbing - mehr als Lästern im Netz

Cybermobbing ist mehr als harmloses Beleidigen. Die Hassspirale kann bei Opfern bis zu Selbstmordgedanken führen. Michael Littger, Geschäftsführer von "Deutschland sicher im Netz e.V." über Ursachen und Abwehrstrategien.

MDR KULTUR - Das Radio Di 16.05.2017 12:40Uhr 06:43 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio