Neben einem Transparent mit dem Porträt des toten Afrikaners Oury Jalloh bückt sich ein Polizist.
Bildrechte: dpa

Axel-Eggebrecht-Preis 2016 für Margot Overath "Sie hört hin, wo andere weghören"

Ihr Feature zum Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeidienstzelle sorgte für ein enormes Echo. Denn Margot Overath stellte darin die These der Staatsanwaltschaft, der Asylbewerber aus Sierra Leone habe sich selbst angezündet, ernsthaft in Frage. Der Fall lässt die Journalistin bis heute nicht los. Für ihr engagiertes Lebenswerk wird sie am 30. August in Leipzig mit dem Axel-Eggebrecht-Preis ausgezeichnet. Margot Overath in Porträt und Gespräch.

Neben einem Transparent mit dem Porträt des toten Afrikaners Oury Jalloh bückt sich ein Polizist.
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Elf Jahre ist es her, dass der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeidienstzelle verbrannte. Bis heute ist nicht geklärt, wie das Feuer am 7. Januar 2005 in der Zelle ausbrechen konnte. Oury Jalloh soll sich selbst angezündet haben, so lautet die These der Staatsanwaltschaft. Doch wie kann das ein Mensch, der an Händen und Füßen gefesselt ist und volltrunken auf einer schwer entflammbaren Matratze liegt? Selbstverschulden oder Mord? Diese Frage beschäftigt bis heute Öffentlichkeit und Justiz. Dass nach so langer Zeit überhaupt noch ermittelt wird, ist auch Margot Overath zu verdanken. Als einzige Journalistin verfolgte sie die juristische Aufarbeitung des Falles durch alle Instanzen, die Ermittlungen und die Prozesse gegen den Dienststellenleiter und einen weiteren Beamten, auch die Gutachten zum Brand. Sie stellte selber akribische Recherchen zum Tathergang an, befragte Gerichtsmediziner, Toxikologen, Krminalbeamte. In zwei mehrfach preisgekrönten Feature-Produktionen für den MDR-Hörfunk stellte sie 2010 und 2014 die bisherigen Ermittlungsergebnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft ernsthaft in Frage.

"Wie kann man da nicht empört sein?"

Jetzt wird die engagierte Journalistin mit dem Axel-Eggebrecht-Preis für ihr Lebenswerk geehrt. "Sie hört hin, wo andere weghören. Sie nimmt die Fäden scheinbar abgeschlossener Vorgänge und Entscheidungen auf, ordnet sie neu - und plötzlich ergeben sich neue Webmuster", heißt es in der Begründung. Die Jury beruft sich in ihrer Entscheidung auf den Pionier des Radiofeatures Axel Eggebrecht (1899-1991), der in seinen "10 Geboten" fordert, der Hörer müsse "den Druck einer lebendigen Gesinnung" spüren. "Eine lebendige Gesinnung wird man bei Margot Overath nie vermissen", erklären die Juroren und würdigen "die starke Persönlichkeit der Autorin", die "als gestaltender Intellekt immer spürbar" sei , "ohne die Themen zu dominieren". Dabei sei ihre Sprache "prägnant" und "die Handlung vorantreibend".

Ernsthafte Aufarbeitung statt neuerlicher Laborversuche

Bis heute hat Margot Overath der Fall Oury Jalloh nicht losgelassen. Sie empört sich, dass die Staatsanwaltschaft immer noch erklärt, es gebe keine Hinweise, dass sich Jalloh nicht selbst angezündet habe. Diese Formulierung findet sie absichtsvoll verdreht. Im Gespräch mit MDR KULTUR fordert sie ernsthafte Aufarbeitung statt neuerlicher Brandversuche im Labor wie dieser Tage in einem Institut in Dippoldiswalde. Immerhin trugen ihre Recherchen dazu bei, dass seit 2014 wegen Mordverdachts gegen Unbekannt ermittelt wird. Vor Gericht standen der Dienststellenleiter und ein weiterer Beamter wegen fahrlässiger Törung. Overrath bekam allerdings Hinweise auf einen dritten Mann ...

Die Mühlen der Justiz ...

Wie die Mühlen der Justiz mahlen, das beobachtete Margot Overath schon zu Beginn ihrer Laufbahn kritisch. Die studierte Sozialwissenschaftlerin, Jahrgang 1947, begann 1980 bei Radio Bremen als freie Reporterin im Jugendfunk. Es war die Zeit der Hausbesetzungen, der radikalen Proteste und der darauf folgenden Gerichtsverfahren, die sie von der Pressebank aus beobachtete. 1984 begann sie, Radiofeatures für verschiedene ARD-Anstalten zu realisieren. Parallel - von 1985 bis 1988 - war sie auch wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung. So lieferte sie fundierte Analysen zum Zeitgeschehen, aber auch zur deutschen Zeitgeschichte.

Für den Hörfunk entstanden Features über den RAF-Terrorismus mit Porträts über den Aussteiger Peter-Jürgen Boock und Gudrun Ensslin, in "Ausweglos" untersuchte sie Selbstmord-Fälle der Wendezeit und ließ so auch das Bild einer Zeitenwende entstehen. Mit den NS-Kriegsverbrechen beschäftigte sie sich in den Features "Es ist schwer, damit zu leben. Vom Trauma namens Auschwitz" und "Todesmarsch. Die Evakuierung der Konzentrationslager von Januar bis Mai 1945." Ihren wachen Blick auf die Gegenwart zeigen ihre beiden Features zu Flüchtlingsschicksalen aus den 1990er-Jahren: "Abgeschoben " und "Auf der Flucht. Wie der junge Koudjo aus Togo doch noch in Deutschland Asyl bekam", für die sie 1997 den CIVIS-Preis bekam. Auch ihr erstes Feature zum Tod von Oury Jalloh - "Verbrannt in Polizeizelle Nr. 5" - wurde mehrfach prämiert.

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2016, 08:34 Uhr

Stichwort Axel-Eggebrecht-Preis

Axel-Eggebrecht-Preis

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis der Medienstiftung der Leipziger Sparkasse wird in Erinnerung an den Radiopionier alle zwei Jahre für ein herausragendes Gesamtwerk im Bereich des Radiofeatures vergeben.