Einstürzende-Neubauten-Sänger im Gespräch Blixa Bargeld: "Ich kann nicht leben, ohne auf der Bühne zu stehen"

Blixa Bargeld, der Frontmann der Einstürzenden Neubauten, war schon immer ein zynisch-ehrlicher Kommentator der Lebenswelt. Im Gespräch bei MDR KULTUR spricht er u.a. über seine künstlerischen Vorstellungen, seine Lebensphasen in Los Angeles und Peking sowie seine Zeit im kreativen Westberliner Inseldasein der Achtziger Jahre.

von Hendryk Proske, MDR KULTUR-Musikredaktion

Blixa Bargeld ist entspannt. Gerade ist er mit seiner Band, den Einstürzenden Neubauten wieder auf Tour gegangen. Sie feiern "Greatest Hits". So heißt die Tour und die aktuelle CD, das eine bedingt das andere. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, dass eine Band, die seit über 30 Jahren zusammen Musik macht und immer wieder die Bühnen der Welt bespielt, mit so einer "Hits"-Idee spielt. Und doch wäre man bei dieser Band nicht darauf gekommen. Hatten die Neubauten Hits? Lief ihre Musik in den Radios? Standen Songs aus dem "Haus der Lüge" oder von "Ende Neu" in den Charts? Sicher nicht.

Und doch gibt es diese Stücke, bekannt für die, die das musikalische Treiben der Einstürzenden Neubauten schon länger verfolgen. Eine Art Anker für die, denen sich dieser Kosmos erst gerade eröffnet. So fiel Bargeld die Auswahl für diese "Greatest Hits"-CD nicht schwer. Eigentlich seien das ohnehin die Songs, die sie immer spielen. Und wenn dann einer fragt, auf welcher Platte dieser oder jener Song drauf ist, lässt sich nun antworten: DA ist er jetzt drauf! Alles schön sortiert und kompakt.

Neubau-Neubautenkonzert

Blixa Bargeld ist tatsächlich sehr entspannt. Auch wenn er über die Hamburger Elbphilharmonie spricht. Dort haben die Neutauten kurz nach der Eröffnung gespielt. Mitten drin in der öffentlich und teilweise bizarr geführten Debatte um deren Klang, deren Akustik.

Ich steh ja auf der Bühne und kann mir nicht selber zuhören. Aber soweit ich das von den anderen gehört habe, war die Akustik wirklich gut.

Blixa Bargeld über die Akustik der Elbphilharmonie

Ohnehin sei das nicht vergleichbar: "Wir spielen ja elektrisch verstärkt." Alles kein Problem. Er kann sich arrangieren mit verschiedenen Sälen und Hallen und Räumen. Hauptsache live spielen. Mit den Neubauten. Oder seinem Freund Teho Teardo.

Ich kann durchaus leben ohne noch mehr Platten zu machen. Aber ich kann nicht wirklich leben ohne weiter auf der Bühne zu stehen.

Blixa Bargeld

Möglichkeiten einer Insel

Einstürzende Neubauten live auf der Documenta 7, 1982
Auftritt der Einstürzenden Neubauten 1982 auf der Documenta 7 Bildrechte: IMAGO

Und Platten haben sie eine Menge gemacht. Auch darüber spricht Blixa Bargeld ausgesprochen entspannt. Auch wenn man merkt, dass er die Geschichten zum Teil schon sehr oft erzählt hat. Von den Anfängen in den Achtzigern in Westberlin. Davon, dass er früher immer gesagt hat, dass die Stadt eigentlich egal gewesen sei. Das etwas wie die Neubauten, eine Band, die bewusst Konventionen, Gewohnheiten, Strukturen von Musik nicht nur hinterfragen sondern sprichwörtlich zerstören wollte, dass so etwas hätte überall entstehen können. Heute sagt er: "Eigentlich hat das nur in Westberlin funktioniert. Das ist weniger dem Inselcharakter der Stadt geschuldet. Die Geschichte, besonders der Zweite Weltkrieg war in Westberlin damals immer noch präsent. Es gab genug Ruinen, Es gab genug technischen Detritus, den man wegfinden konnte um sich so ein Neubauten-Equipment zusammenzusuchen. Das war so in einer anderen Stadt nicht gegeben."

Ja, auch die Geschichte seines Partner N.U. Unruh stimmt. Der musste damals sein Schlagzeug verkaufen um die Miete zu zahlen. Und erst da wurde klar: Natürlich, man kann auch auf ganz anderen Dingen herumtrommeln, Musik machen.

Ein permanenter Innovationsmotor

Blixa Bargeld erklärt gern ausführlich und geduldig, wie sie das gemacht haben - sich immer wieder sprichwörtlich neu zu erfinden. Zu verhindern, dass sie, die gegen popmusikalische Routinen anspielten, nicht selber in solchen stecken blieben.

Blixa Bargeld und Hendryk Proske
Blixa Bargeld ist im Gespräch mit MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske Bildrechte: MDR/Hendryk Proske

So arbeiteten sie mit hunderten Karten, auf denen Worte standen, die dann geheim verteilt von jedem Bandmitglied für sich in Musik übersetzt werden mussten. So sagten sie sich von Plattenfirmen los und holten sich das Geld und die Unterstützung als einer der ersten Künstler Anfang des Jahrtausends bei ihrem Publikum. Crowdfunding nennt man das heute. Fast schon ein alter Hut, damals Neuland. Und mit jedem neuen Schritt auch eine neue Aufgabe an seine Mitmusiker, wie Bargeld lächelnd erzählt: "Dann kommt Blixa wieder mit einer wilden Idee und dann stöhnen alle. Natürlich. Klar, aber meistens funktioniert's dann doch."

Der Wandelbare

Blixa Bargeld ist um die Welt gereist. Er war Vegetarier, war es dann, als er zeitweise in Peking lebte, nicht mehr. Er hat ein Buch über den sich immer wiederholenden Touralltag geschrieben ("Europa Kreuzweise") und hinterher erklärt: alles nur Fiktion! Und er ist wieder nach Berlin gezogen. Er hatte ein Haus in Peking, eins in San Franzisco. Und ist nun, da alle von der brummenden Metropole an der Spree schwärmen, schlicht aus praktischen Gründen zurückgekommen. Seine Tochter soll hier zur Schule gehen ("In San Francisco ist es absurd jemanden zur Schule zu schicken").

Aus dem 58-Jährigen strömt eine bemerkenswerte Ruhe. Blixa Bargeld hat mit all dem was er tat immer wieder die Musik, die Kunst, den Pop revolutioniert. So viele nach ihm haben sich auf die Neubauten berufen. Nennen sie als Inspiration. Nur das. Anders als bei vielen wegweisenden Bands gibt es keine Kopie. Die Einstürzenden Neubauten sind im wahrsten Sinne einmalig. Blixa Bargeld nimmt das alles zur Kenntnis. Und bleibt gelassen:

Ab und zu hab ich mich mal wieder neu erfunden. Und das war's.

Blixa Bargeld

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: MDR KULTUR-Café | 04.06.2017 | 12:05-13:00 Uhr

Redaktion und Moderation: Hendryk Proske

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2017, 20:47 Uhr

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