Ein Waldstück mit Sonne.
Musik kann Trost spenden - in den Winkeln der Welt klingt das jeweils unterschiedlich Bildrechte: colourbox

Neue Alben | 11.09.2017 Die Trauer der Welt in Tönen

Über die Bedeutung von Trauermusiken bei der Verarbeitung des Schmerzes ist man sich einig. Doch wie klingt diese Musik weltweit? Das Album "Funeralissimo" von Matthias Well gibt einen Einblick. Weitere Neuvorstellungen: Ragna Schirmer spielt Clara Wieck, das L’Orfeo Barockorchester interpretiert Mendelssohn, Jack Johnson ist gut wie immer, The Waterboys zeigen sich vielfältig und der im Mai verstorbene Gregg Allman mit seinem letzten Album.

von Isabel Roth und Tobias Kluge

Ein Waldstück mit Sonne.
Musik kann Trost spenden - in den Winkeln der Welt klingt das jeweils unterschiedlich Bildrechte: colourbox

Matthias Well: "Funeralissimo"

Funeralissimo  -  Matthias Well - Maria Well - Zdravko Zivkovic
Matthias Well: "Funeralissimo"
Matthias Well, Violine
CD-Bestellnummer: GEN 17486
Label: Genuin Classics
Bildrechte: Genuin Classics

Trauermusiken aus verschiedenen Ländern und Kulturen hat der junge Münchner Geiger Matthias Well für seine Debüt-CD "Funeralissimo" zusammengestellt. Als Spross einer weitverzweigten Musikantendynastie lernte er früh, was es heißt, bei Begräbnissen Trost zu spenden und mittels der Musik Emotionen zu lösen. Für die Bewerbung zum Fanny-Mendelssohn-Förderpreis entwickelte er ein tragfähiges Konzept zum Thema Trauermusik, recherchierte und notierte traditionelle Begräbnismelodien aus der ganzen Welt, die er zum Teil für die Besetzung Violine, Akkordeon und Violoncello arrangierte.

Was auf den ersten Blick deprimierend klingt, erweist sich als überaus spannend und abwechslungsreich, noch dazu, wenn so virtuos, empathisch und mit Verve gespielt wie in vorliegender Aufnahme. Vom "Allenseeler Jodler" über irische, schottische und amerikanische Volkslieder finden sich hier Totentänze vom Balkan, aus Indonesien und Afrika bis hin zu indischen Ragas oder Astor Piazzollas "Oblivion". Funeralissimo - eine höchst lebendige Hommage an die Trauermusik! (ir)


Ragna Schirmer: "Clara"

Clara  -  Ragna Schirmer  -  Staatskapelle Halle, Ariane Matiakh
Ragna Schirmer: "Clara"
Ragna Schirmer, Klavier
Staatskapelle Halle
Leitung: Ariane Matiakh
CD-Bestellnummer: 0300928 BC
Label: Berlin Classics
Bildrechte: Berlin Classics

Seit langem beschäftigt sich die Pianistin Ragna Schirmer mit der Pianistin und Komponistin Clara Wieck, der späteren Ehefrau von Robert Schumann. Sie las ihre Briefe und Tagebücher, schrieb Aufsätze über sie, der einst eine Zukunft als "weiblicher Mozart" prophezeit wurde, die ihre Karriere für Robert unterbrach und nach seinem Tod als Konzertpianistin in ganz Europa gefeiert wurde.

Dass Clara auch selbst komponierte und improvisierte, geriet etwas in den Hintergrund. Mit der vorliegenden CD möchte Ragna Schirmer die unglaublichen Fähigkeiten ihrer Protagonistin neu beleuchten. Ihrem frühen Klavierkonzert a-Moll op. 7, das mit der 15-jährigen Clara Wieck am Klavier unter Leitung von Mendelssohn 1835 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt wurde, stellt sie Beethovens 4. Klavierkonzert gegenüber. Clara spielte es mehr als 50 Mal auf ihren Tourneen und komponierte im dritten Satz eine eigene Kadenz dazu. Dass Schirmer sich dabei, obwohl auf dem modernen Steinway interpretiert, in Anschlag und Spielkultur am Instrumentarium der Schumann-Zeit orientierte, kommt der Aufnahme sehr zugute. (ir)


"Felix Mendelssohn Bartholdy - String Symphonies, Vol. 2"

Felix Mendelssohn Bartholdy - String Symphonies Vol. 2 - L'Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg
"Felix Mendelssohn Bartholdy - String Symphonies, Vol. 2"
L’Orfeo Barockorchester
Leitung: Michi Gaigg
CD-Bestellnummer: cpo 555047-2
Label: Classic Produktion Osnabrück
Bildrechte: Classic Produktion Osnabrück

Seit langem gehört das in Linz beheimatete L’Orfeo Barockorchester unter seiner Leiterin Michi Gaigg zu den wichtigsten Alte-Musik-Ensembles in Europa. Inspiriert von Nikolaus Harnoncourt, formt Gaigg Musik in großer Kontinuität lebendig und historisch informiert als Klangrede. Wobei sich das Repertoire ihres Ensembles in den 20 Jahren seines Bestehens über die Barockliteratur hinaus bis zur Klassik und Romantik, auch im Bereich von Oper und Oratorium, stetig erweiterte.

Nach Vol. 1 mit den ersten sechs Streichersinfonien des jungen Mendelssohn erscheint nun Vol. 2 der jüngst erschienenen CD des L’Orfeo Barockorchesters. Neben den Sinfonien Nr. 7, 10 und 12 enthält es sinfonische Fragmente des 12-jährigen Mendelssohn, die er auf Wunsch von "Minerva", seiner Schwester und Mentorin Fanny, oder aus eigenem Erwägen später wieder verwarf. Sie geben aber aufschlussreiche Erkenntnisse über seine weitere Entwicklung als Komponist.

Aufführungspraktisch orientiert sich das L’Orfeo Barockorchester an den räumlichen Gegebenheiten der Uraufführung. So könnte es einst bei den Sonntagsmusiken im Hause Mendelssohn in ihrem ersten Berliner Domizil, in der Spandauer Vorstadt, Neue Promenade 7, zugegangen sein! (ir)


Jack Johnson: “All The Light Above It Too”

Jack Johnson - All The Light Above It Too
Jack Johnson: “All The Light Above It Too”
CD-Bestellnummer: 5782774
Label: Universal
Bildrechte: UNIVERSAL

Jack Johnson sollte bloß nicht von seinem Erfolgskonzept abweichen. Er wäre wahnsinnig. Auch auf seinem siebten Studioalbum hat er wieder einfach alles richtig. Johnson lebt auf Hawaii. Und auf der großen Insel scheint, durchs Jack Johnson Fernrohr betrachtet, immer heiter Sonnenschein zu sein. So liefert seine Musik den fluffigen, meist auf Akustikgitarren basierenden Sound einer wunderbaren Welt. Johnson sieht auch auf seinem neuen Album unterm Strich das Gute im Menschen. Er ist dafür zu jenem minimalistischen Ansatz zurückgekehrt, der schon seine Vierspuraufnahmen ausmachte, mit denen er seine Karriere vor inzwischen gut 17 Jahren begonnen hatte. Er macht Aufnahmen seiner Ideen sofort dort, wo er gerade geht und steht und hält jeden Gedanken fest.

Ein wichtiger Einfluss während der Entstehung des siebten Albums war ein Hochsee-Segeltörn durch den Nordatlantik. Johnson war unterwegs mit fünf Leuten einer Nonprofit-Organisation, die sich dem Kampf gegen Plastikmüll in den Weltmeeren verschrieben hat. Dies hat auch seine Weltsicht verändert. Ganz nebenbei hat ihm diese abgeschiedene Situation auf dem Ozean einen perfekten Schreibprozess verschafft.

Johnsons Sound lässt die Gedanken oft zu sich selbst fließen, da die Musik immer ein wenig entspannt an einem vorbeirauscht. Dieses Album sollte es daher schaffen, die Probleme des Alltags für einen Moment zu vergessen. (tk)


The Waterboys: “Out Of All This Blue“

"Out Of All This Blue" wurde in Dublin und Tokio aufgenommen und von Sänger Mike Scott produziert. Der Mann gibt das Ruder ungern aus der Hand. The Waterboys kommen mit einem Doppelalbum, das den Anschein erweckt, viel mitteilen zu müssen. Es soll wieder regelrecht aus ihm herausgesprudelt sein, wie Scott im Vorfeld des Albums mitteilen ließ.

'Out Of All This Blue‘ besteht zu zwei Dritteln aus Liebe und Romantik und zu einem Drittel aus Geschichten und Beobachtungen.

Mike Scott

Fest steht, dass der schottische Musiker Mike Scott jede Menge kann. Für viele ist er ein exzellenter Folkmusiker, für andere der Inbegriff für prägende Rocksounds, für wieder andere schreibt er 1A-Popsongs und auch Country und Soul sind ihm keine fremden Klangfarben.

The Waterboys - Out Of All This Blue
The Waterboys: “Out Of All This Blue“
CD-Bestellnummer: 538292454
Label: BMG Rights Management
Bildrechte: BMG RIGHTS MANAGEMENT

Ohne Übertreibung könnte man behaupten, dass dieses Album das Innovativste ist, was die schottisch/irische Band bisher gemacht hat. Scott ist ein Alleskönner, der vielleicht ein wenig übers Ziel hinausschießt. Auf diesem Album wird auch mit Funk, R’n‘B und Hip Hop experimentiert. Nur leider wird es zuweilen schwierig sein, dies auf Doppelalbumlänge zu ertragen. Auf älteren The-Waterboys-Scheiben war eine klare Linie erkennbar.

Doch Positiv formuliert: Es wird dem Zuhörer bei dieser Einspielung zumindest nicht langweilig. Mal groovt es stark, dann rockt es wieder so heftig, dass der eine oder andere den nächsten Track anwählen wird, plötzlich fährt Scott mit Streicherparts auf und kommt fast Hymnisch daher. Ein paar Renaissancen gibt es auch, die an alte The-Waterboys-Erfolge aus den frühen Phasen der Band erinnern. Ein überraschendes Album, das leider ausufert. Dafür gibt es aber einige ganz großartige Glanzlichter. (tk)


Gregg Allman: “Southern Blood”

Gregg Allman starb am 27. Mai 2017 und wusste schon vorher, dass "Southern Blood" sein letztes Album werden wird. Er wusste auch, dass er nicht mehr viel Zeit dafür haben wird, als er im letzten Jahr in den Fame-Studios in Alabama aufschlug, um seine Lieder aufzunehmen. Er ging bewusst an den Ort, an dem sein Bruder Duane als Sessiongast die Basis schaffte für die später berühmten Allman-Brothers.

Gregg Allman - Southern Blood
Gregg Allman: “Southern Blood”
CD-Bestellnummer: 0888072004849
Label: Concord
Bildrechte: CONCORD

"Southern Blood" ist zugleich Gregg Allmans erstes Studioalbum mit neuem Material, seit er 2011 das Grammy-gekrönten Soloalbum "Low Country Blues" vorlegte. Er kehrt damit zu seinen Wurzeln zurück und schnappt sich Songs großer Songwriter wie Dylan, Tim Buckley, Willie Dixon, Jackson Browne und anderer, um sie in seinen vermehrt Countryverliebten Sound zu pressen. Allman liebt diese Songs einfach und man spürt dies auch durchweg auf den Aufnahmen. Manchmal scheint es, dass er die eine oder andere Textzeile schon fast ein wenig geheult hat und dann setzen sogar noch punktgenau die Bläserfragmente dazu ein. Das Arrangement sitzt.

Einige Stücke wie das Jackson-Brown-Stück "Song for Adam" oder Bob Dylans Song "Going Going Gone" gehen dem Hörer echt nah. Ein Abschiedsgruß eines Allstars, den die meisten mit der Allman-Brothers-Band in Erinnerung behalten werden. Sein letztes Solowerk ist zum Glück nicht übermäßig melancholisch sondern einfach nur würdevoll im Abgang. Mit Grüßen in den Rockerhimmel: Daumen hoch für "Southern Blood". (tk)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 11. September 2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 12:00 Uhr

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