Ein Kameramann filmt am 24.07.2003 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin das Gemälde «Die Ausgezeichnete» von dem DDR-Künstler Wolfgang Mattheuer.
Eine der Ikonen der DDR-Kunst: "Die Ausgezeichnete" von Wolfgang Mattheuer Bildrechte: dpa

Bilderstreit in Dresden Ist die Debatte um DDR-Kunst ein alter Hut?

Die Debatte in Dresden über den angemessenen Umgang mit Kunst aus der DDR - sie wird von allen Seiten mit großer Heftigkeit geführt - und das 28 Jahre nach dem Fall der Mauer. Nach dieser langen Zeit stellt sich die Frage, wie kommt es dazu und ist diese Debatte nicht langsam ein alter Hut? MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll erinnert uns an den Beginn, an Höhe- und Tiefpunkte der Auseinandersetzung, die ein Beobachter als Ausdruck des Aufbegehrens gegen "kulturellen Kolonialismus" wertete.

Ein Kameramann filmt am 24.07.2003 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin das Gemälde «Die Ausgezeichnete» von dem DDR-Künstler Wolfgang Mattheuer.
Eine der Ikonen der DDR-Kunst: "Die Ausgezeichnete" von Wolfgang Mattheuer Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Wie ist man nach dem Mauerfall in den ostdeutschen Museen mit der Kunst aus der DDR umgegangen?

Andreas Höll: Da verschwand zunächst einmal ein Großteil der DDR-Kunst in den Depots - darüber gab es zunächst keine großen Diskussionen und keine erregten Debatten, denn es gab überall das dringende Bedürfnis nach einem Neuanfang. Man wollte endlich einmal jene Kunstwerke aus dem Westen sehen, die einem bislang vorenthalten wurden. So begannen ostdeutsche Museen, Arbeiten aus dem Westen zu erwerben, um zu informieren über die kunsthistorische Entwicklung im anderen Landesteil.

Andreas Höll
MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll verfolgte die Debatte Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

Parallel ging es aber auch darum, die unangepassten Künstler und Dissidenten zu rehabilitieren, z.B. schon 1990 in der Schau "Ausgebürgert" im Dresdner Albertinum - da wurden Künstler gezeigt wie A.R. Penck, die in den 80er-Jahren die DDR verlassen mussten. Desweiteren kamen Positionen ins Blickfeld, die von der offiziellen Kunstpolitik der DDR  ausgegrenzt wurden wie z.B. Gerhard Altenbourg oder der große Avantgardist Carlfriedrich Claus aus Chemnitz.

Die Aushängeschilder der DDR-Kunst wie z.B. die Maler der Leipziger Schule oder auch Willi Sitte, die wurden damals durchaus kritisch beäugt.

Die offiziellen Repräsentanten der DDR wurden kritisch beäugt in den 90er-Jahren sagen Sie, wie hat sich das denn im Diskurs über die Ost-Kunst geäußert?

Es begann eine Auseinandersetzung über die Frage, welche Rolle die Künstler eigentlich in der DDR gespielt haben. Waren die prominenten Maler einfach nur Auftragskünstler, die den Staat verherrlicht haben? Oder waren es vielmehr eigensinnige Ästheten, die auf subversive Weise die staatlichen Vorgaben unterlaufen haben – wie z.B. Werner Tübke mit seinem grandiosen Bauernkriegs-Panorama in Bad Frankenhausen

Die zentralen Frage lautete: Wie unabhängig, wie interessant und damit, wie eigenständig sind die Werke der Ost-Künstler? Dieser Diskurs bekam damals den Titel "Bilderstreit" - und dabei ging es auch höchst polemisch zu - wenn man nur an Georg Baselitz denkt, der ja selbst in den 60er-Jahren in den Westen gegangen war. Ja, und Baselitz hat dann in den 90er-Jahren die Ost-Künstler generell als "Arschlöcher" beschimpft.

Ja und diese aggressive Generalabrechnung mit der Kunst aus der DDR, die fand dann ihren Höhepunkt im Jahr 1999 mit einer skandalumwitterten Ausstellung in Weimar und die trug den Titel "Aufstieg und Fall der Moderne".

Lange ist es her, deshalb nochmals zur Erinnerung: Was war anno 1999 das Skandalöse bei dieser Schau in Weimar im Europäischen Kulturstadtjahr?

Einige Besucher sind am 28.05.1999 in Weimar im umstrittenen DDR-Teil der Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" zu sehen.
Im umstrittenen DDR-Teil der Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" im Europäischen Kulturstadtjahr in Weimar 1999 Bildrechte: dpa

Der Skandal bestand zunächst einmal in der Inszenierung der DDR-Bilder - sie wurden nämlich auf schäbigen Plastesäcken präsentiert - und dazu auch noch massenweise zusammengehängt - wie im Depot oder im Kaufhaus. Da war ganz klar eine denunzierende Absicht zu spüren. Alles wurde pauschal verunglimpft, ohne sich um ästhetische Qualitäten, Handschriften oder politische Haltungen zu scheren. Und der Gipfel bei diesem Trash-Event - das war die Tatsache, dass die DDR-Bilder zusammen präsentiert wurden mit Kunst aus der NS-Zeit. Ja und diese Skandal-Schau, die wurde damals einhellig verrissen - auch im westdeutschen Feuilleton. Und diese Zäsur, die hat dann den Boden bereitet für differenzierte Auseinandersetzungen mit dem Thema Kunst aus der DDR.

Wie sah diese differenziertere Auseinandersetzung aus in Sachen DDR-Kunst?

Ja, kurz nach der Skandal-Schau in Weimar, da gab es eine Schau in Apolda, die wurde kuratiert von dem ostdeutschen Kunsthistoriker Matthias Flügge. Der ist heute übrigens der Rektor der Dresdner Kunsthochschule. Und Flügge hat sich bei dieser Schau ganz auf das einzelne Werk konzentriert, und zwar wollte er so die Vielfalt zeigen der künstlerischen Handschriften, die entstanden sind im SED-Staat. Auch die große Schau in der Westberliner Nationalgalerie im Jahr 2003 war bemüht um ästhetische Differenzierung. Das zeigte sich schon zum Auftakt der Schau. Das wurde nämlich der Staatskünstler Werner Tübke gezeigt im Verein mit dem als Formalisten  verschrieenen Außenseiter Hermann Glöckner und mit dem Staatsfeind A.R. Penck. Diese Ausstellungen wurden trotz Kritik im Detail doch gewürdigt als wichtiger Beitrag zum Umgang mit der vielfältigen Kunst aus der DDR

Sonderausstellungen zur DDR-Kunst - das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt, der gerade in Dresden diskutiert wurde, das ist die Gestaltung von Dauerausstellungen in den Museen. Hat es denn zu diesem Thema ausführlichere Debatten gegeben in der Vergangenheit?

Ja, in den 2000er-Jahren wurde dieses Thema immer mal wieder diskutiert - aber nach meiner Erinnerung stand das Ganze nicht so sehr im Vordergrund. Dennoch hat sich damals schon abgezeichnet, dass es ostdeutsche Künstler sehr schwer haben als Teil der gesamtdeutschen Kunstgeschichte wahrgenommen zu werden. Denn in den großen westdeutschen Museen wie im Museum Ludwig in Köln - da waren Künstler aus dem Osten kaum präsent - und das ist schon ziemlich seltsam. Denn der Namensgeber und Museumsgründer - der Schokoladenfabrikant Peter Ludwig, der hat seit den 70er-Jahren Ost-Kunst gesammelt im allergrößten Stil. Doch die Direktoren in Köln, die wollten das nicht zeigen und so war das Museum Ludwig in Oberhausen zuständig für die Malerei aus der DDR.

Dann aber kam es im Jahr 2009 zu einem Super-GAU in Sachen einer gesamtdeutschen Kunstgeschichtsschreibung. Denn im Jahr 2009 - da haben die Oberhausener Museumschefs die Ost-Kunst nach Leipzig verschenkt - und zwar mit der fragwürdigen Begründung, dass Kunst aus der DDR nicht mehr zum Profil des Hauses passe. So kam die DDR-Kunst im Westpaket in den Osten zurück. Jetzt befindet sich die Sammlung im Leipziger Museum der bildenden Künste. Diesen Vorgang muss man eigentlich schon als Tiefpunkt werten in der gesamtdeutschen Kunstentwicklung betrachten.

Woran liegt es denn, dass es kaum eine Lobby gibt im Westen für die Kunst aus der DDR?

Es gibt in den westdeutschen Museen immer noch große Widerstände in Sachen einer ganzheitlichen Kunstgeschichtsbetrachtung. Kunst aus der DDR scheint vielfach eher als regionale Spezialität zu gelten denn als Teil der gemeinsamen Geschichte. Dazu kommt, dass es kaum Galeristen gibt, die das Werk der Künstler pushen. Aber ohne die Macht des Marktes sind internationale Museums-Karrieren eigentlich nicht zu machen. So steht zu befürchten, dass 28 Jahre nach dem Mauerfall die Kunst aus der DDR weiter als Sonderfall behandelt wird. Es gibt zwar ab und zu mal Ausstellungen wie gerade in Potsdam im Museum Barberini.

Ansonsten fristet diese Kunst ihr Dasein hauptsächlich in ostdeutschen Museen - und nur dort scheint derzeit die Frage diskutiert zu werden, ob denn genügend DDR-Kunst gezeigt wird im Museum. 

 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. November 2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 08:11 Uhr

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