Peng! macht mobil im "Häuserkampf" Aktionskünstler geben die Rächer der Entmieteten

Großstädte wie Berlin, Frankfurt am Main oder Leipzig boomen: Allerorten wird gebaut, zugleich wird bezahlbarer Wohnraum immer knapper, und Mieter fühlen sich verdrängt. Das Künstlerkollektiv Peng! startete nun eine Aktion, die wieder die Frage aufwirft: Ist das jetzt Kunst? Und: Dürfen die das?

Demo gegen Luxussanierungen
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artour Do 07.12.2017 22:05Uhr 05:17 min

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Das Künstlerkollektiv Peng! will verdrängten Mietern eine Stimme geben: Mit der Aktion unter dem Titel "Haunted Landlord" ("Heimgesuchter Vermieter") sorgen die Aktivisten dafür, dass sich "besonders skrupellose" Vermieter anhören müssen, wie ihre Methoden wirken. Dazu klingeln bei Hauseigentümern und Hausverwaltungen in Berlin, Frankfurt am Main oder Leipzig seit Montag die Telefone. So kehrten "die Entmieteten" zurück wie "Geister aus der Vergangenheit", "um diejenigen zu plagen, die sie auf die Straße gesetzt haben", erklärt die Koordinatorin bei Peng!, die unter dem Pseudonym Nora Moll auftritt, im Gespräch mit MDR KULTUR.

Künstlerkollektiv dokumentiert 38 Fälle ...

Aktion des Berliner Künstlerkollektivs Peng!
Auf der begleitenden Webseite zur Aktion werden Fälle dokumentiert. Bildrechte: Berliner Künstlerkollektivs Peng!

Angerufen würden Büro- aber auch Privatkontakte der Vermieter, bis zu 20 Mal pro Tag und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ein Bot starte die Anrufe unter immer neuen Nummern, deswegen ließen sie sich nicht blockieren. Eine Woche lang soll die Aktion laufen. Auf der eigens eingerichteten Webseite hauntedlandlord.de würden begleitend 38 ausgewählte Fälle von Entmietung mit Foto und Anschrift der Immobilie dokumentiert. Die Betroffenen stellten dem Künstlerkollektiv den Schriftwechsel mit ihren Vermietern zur Verfügung, die Kurzfassungen ihrer Geschichten sind - eingesprochen von Schauspielern - auf der Seite nachzuhören. Einsehbar sei zudem die Zahl der Anrufe, heißt es von Seiten des Künstlerkollektivs.

... und Methoden im "Häuserkampf"

Neubauten - Bild aus dem artour-Beitrag zu Peng! und Die Rückkehr der Entmieteten
Bauboom allerorten, aber bezahlbarer Wohnraum fehlt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Idee zu der Aktion hatte Peng! schon lange. Das Problem, sagt Noll, sei schließlich überall in den großen Städten seit einigen Jahren präsent. Nicht nur private Mieter seien betroffen, auch Kiezläden und Sozialeinrichtungen müssten inzwischen aus angestammten Vierteln weichen, weil dort die Mieten stiegen. Was die Aktivisten bei ihren Fall-Recherchen verblüffte, war, wie sich die Methoden zur Verdrängung glichen:

Es geht teilweise eine kriminelle Energie darein, sich diese Methoden auszudenken, um die Leute da rauszukriegen. Und es ist wirklich verblüffend, wie ähnlich die sich sind über die Stadtgrenzen hinweg.

Nora Moll, Peng!-Künstlerkollektiv

Da würden Heizung oder Wasser abgestellt, Toilette oder Badewanne abmontiert, Schäden nicht mehr beseitigt, Häuser mit Planen verhüllt, dafür Kameras zur Überwachung in Hausfluren angebracht. Immer neue Schreiben, die am Ende mit Klage oder Räumung drohten, oder plötzliche "Hausbesuche" erzeugten Anspannung und Angst bei den Betroffenen, die sich plötzlich in teure anwaltliche Auseinandersetzungen verstrickt sähen. Manch einer öffne nur noch mit zitternden Händen den Briefkasten oder gehe nicht mehr zur Tür, wenn es klingele. Getrieben sei der "Häuserkampf" von dem Motiv, Mieter aus Verträgen zu zwingen, um die Immobilien aufwändig sanieren und danach teuer vermieten oder weiterverkaufen zu können. Um Druck zu machen, erscheine ein Vermieter auch schon mal am Heiligabend, um die Kündigungen persönlich unter den Wohnungstüren durchzuschieben.

Peng!
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Nora Moll gibt Auskunft über die Aktion von Peng! und will anonym bleiben, denn die Anrufe bei den Vermietern könnten als unerlaubte Eingriffe in die Privatsphäre gedeutet werden.

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Peng!
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Sind nächtliche Anrufe bei skrupellosen Vermietern Kunst? Via Lewandowsky, Performance- und Installationskünstler, begrüßt die Grenzüberschreitung der jungen Kollegen. Warum?

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Die Frage nach der Kunst, dem Zweck und den Mitteln

Viele dieser "Entmietungen" gingen ungehindert und unbemerkt von der Öffentlichkeit vonstatten, erklärt Moll. Die Verantwortlichen bereicherten sich, während die Betroffenen mit ihrer Wut und Not, eine neue Wohnung zu finden, alleine blieben. Die Aktion ziele darauf, sie "sichtbar" zu machen und zu zeigen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um einen gesellschaftlichen Prozess, so die Koordinatorin weiter. Ob es sich dabei um Kunst handelt, hält sie für zweitrangig:

Was ist Kunst? Wir machen Kunst oder Nichtkunst, je nachdem, wer das bewertet. Viele Leute, die betroffen sind, sagten: 'Das ist ein wirksames Mittel, danke, dass ihr mir eine Stimme gebt.' (...) Für uns ist es nicht so wichtig, ein Etikett zu haben. Aber die Kunst(freiheit) bedeutet einen gewissen rechtlichen Schutz.

Nora Moll, Peng!-Künstlerkollektiv
Haus in der Leipziger Jahn-Alleee - Einer der Fälle, die Peng! in der Aktion "Die Rückkehr der Entmieteten" benennt
Dokumentiert werden Fälle aus Berlin und Frankfurt am Main, aber auch aus Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt, in diesem Falle "Telefonterror", kontert Moll mit der Gegenfrage nach der Verhältnismäßigkeit: "Wenn es nicht rechtens ist, jemanden 20 Mal am Tag anzurufen, was ist es, wenn jemand Planen um ein Haus wickelt, ohne dass er überhaupt Bauarbeiten plant." Eine der "Entmieteten" aus der Leipziger Jahnallee lebte sieben Monate ohne Heizung in einer teilweise auf sechs Grad runtergekühlten Wohnung. Inzwischen wechselte der Vemieter, rückblickend meint sie:

Ich glaube, wenn man das auf die Waage legt mit dem, was uns als Mieter angetan wurde, denke ich, sind ein paar Anrufe, eine Woche lang, schon zu verkraften.

Alix Bouteleux, ehemalige Mieterin

"Die Gesellschaft ins künstlerische Spiel einbeziehen"

Peng! und Die Rückkehr der Entmieteten - Auch Hacken gehört zur Aktionskunst
Mit einem Bot startet Peng! die Anrufe an die Vermieter. Auch Hacking gehört zum "Kampf gegen die Barbarei". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Performance-Künstler Via Lewandowsky, Jahrgang 1963, findet die Aktionen von Peng! oder dem Zentrum für Politische Schönheit begrüßenswert, weil sie nicht in der "Kunstwolke", also beispielsweise im Museum, sondern draußen in der Realität stattfänden. Wie sie die "Gesellschaft ins künstlerische Spiel einbeziehen", das sei neu und darüber hinaus völlig in Ordnung, sie unter dem Schutzschild der Kunstfreiheit zu veranstalten. Schließlich ginge es Lewandowsky zufolge in unserer Medienwelt ja darum, mit seinen Anliegen überhaupt noch wahrgenommen zu werden.

Wenn Künstler solche Strategien praktizieren, ist es immer eine Gratwanderung. Tabus zu brechen, ist immer heikel. Das heißt aber nicht, dass man es nicht machen sollte. Denn die Kunst ist der einzige Raum, indem man das auch tun kann.

Via Lewandowsky, Maler, Installations- und Performance-Künstler

Nora Moll vom Künstlerkollektiv Peng! erwartet nicht, dass nächste Woche das Spekulieren mit Immobilien aufhören würde. Aus ihrer Sicht kehrt die Aktion das Machtverhältnis aber für einen kurzen Moment um: Diejenigen, die von ihren Vermietern massiv unter Druck gesetzt würden, müssten nun gehört werden. Statt nur Ohnmacht zu empfinden, sollten die Entmieteten merken: Okay, man kann sich wehren.

War das jetzt Kunst oder nicht, das würde ich jetzt Kunstexperten entscheiden lassen.

Nora Moll, Peng!-Künstlerkollektiv

Stichwort: Peng! "Peng!" ist nach eigenen Angaben eine Gruppe von Künstlern, Aktivisten, Handwerkern und Wissenschaftlern aus Berlin, die subversive Aktionskunst mit dem Ziel entwickeln, die Zivilgesellschaft aufzurütteln.

In vergangenen Aktionen riefen sie Touristen im Videoclip dazu auf, Flüchtlinge auf der Heimreise mit nach Deutschland zu bringen. Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch bekam von Peng! eine Torte ins Gesicht. Und dem Rüstungskonzern Rheinmetall verliehen die Künstler einen fiktiven Friedenspreis, als Protest gegen die Waffenindustrie. Mit ihrer Kunst wollen sich die Aktivisten ganz konkret in gesellschaftliche Debatten einmischen.

Am Montag starteten sie "Die Rückkehr der Entmieteten". Betroffene Hausbesitzer, die finden, dass die Fallgeschichten nicht den Tatsachen entsprechen, könnten sich bei dem Künsterkollektiv beschweren. Man werde die Stellungnahme prüfen, heißt es. Bisher seien aber keine eingegangen. Nur einer der vermeintlich skrupellosen Vermieter habe sich mit der Beschwerde gemeldet, er werde zu Unrecht angeprangert.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 07. Dezember 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2017, 10:02 Uhr

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