Reclam-Karree in Leipzig
Das Reclam-Karree in Leipzig ist das ehemalige Geschäftshaus des Verlages. Bildrechte: MDR/Wolfgang Leyn

150 Jahre Universalbibliothek Reclam Reclam in der DDR

von Katrin Wenzel, MDR KULTUR

Reclam-Karree in Leipzig
Das Reclam-Karree in Leipzig ist das ehemalige Geschäftshaus des Verlages. Bildrechte: MDR/Wolfgang Leyn

Reiner Kunze: Meditieren "Was das sei, tochter?

Gegen morgen
noch am schreibtisch sitzen, am hosenbein

einen nachtfalter der
schläft

Und keiner weiß vom anderen"

Raritäten in hoher Auflage

Für seine Leser in der DDR waren Reiner Kunzes Texte bis zu deren Ende im Herbst 1989 so etwas wie Überlebensmittel. Sie wanderten im sogenannten "Leseland" von Hand zu Hand. Seine Gedichtauswahl "Brief mit blauem Siegel" erschien als Band 553 in Reclams Universalbibliothek. Für DDR-Verhältnisse gedruckt in unglaublicher Dimension: 1973 und 1974 in zwei Auflagen zu jeweils 15.000 Exemplaren. Nach ihrem Erscheinen waren die Gedichte sofort vergriffen und wurden als Rarität verborgt oder abgeschrieben.

Besucher der Leipziger Buchmesse in Leipzig (Sachsen) betrachten am 24.03.2017 Bücher am Stand von Reclam.
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Die kleinen Gelben haben zwar 150 Jahre auf dem Buckel, trotzdem liefern sie bis heute Lesestoff für Schüler und Studenten. Im Gespräch ist dazu der Vertriebs- und Marketing-Chef des Verlages, Karl-Heinz Fallbacher.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 10.11.2017 18:05Uhr 08:12 min

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Bücher von Relcam stehen am 03.02.2017 in Ditzingen (Baden-Württemberg) in einem Regal am Hauptsitz des Verlages.
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Mehr als 40 Jahre gab es den Reclam Verlag in Deutschland West wie Ost. Eine Dokumentation im Berliner Links Verlag erzählt von den aufregenden Auseinandersetzungen um begehrten Lesestoff. Katrin Wenzel stellt sie vor.

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Bekannt auf der "falschen" Seite

Bevor Kunzes "Brief mit blauem Siegel" erschien, waren Gedichte von ihm offiziell zuletzt 1968 zu lesen: In einem der schmalen Heftchen der ebenfalls legendär zu nennenden Lyrik-Reihe "Poesiealbum". In dem Jahr also, in dem Kunze mit seinem Austritt aus der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag protestierte.

Was diese Form des dezidierten Aufbegehrens nach sich zog, dürfte keinem DDR-Bürger unbekannt sein: Auftritt- und Publikationsverbot für Kunze waren die Folge. Im Westen des Landes jedoch erschienen seine Arbeiten. Und der Greizer Schriftsteller war dabei, bekannt zu werden – nur eben auf der "falschen" Seite des geteilten Landes. Die "richtige" Seite setzte alle Hebel in Bewegung, um das zu korrigieren. Partei und Regierung regelten die Dinge auf ihre Weise und sogar der mächtigste Mann im Staat war in die Geschichte um Kunzes "Brief mit blauem Siegel" verwickelt.

"Am 15. März 1972 erhielt die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel beim Ministerium für Kultur einen Anruf. Am Apparat war Erich Honecker. Honecker erkundigte sich, 'warum trotz seiner Befürwortung die Übersetzungsgenehmigung für R. Kunze nicht erteilt worden ist'. Die Genehmigung sei hiermit erteilt und Reiner Kunze 'sowie Genosse Hoffmann über die Erledigung der Angelegenheit ebenfalls' bitte zu informieren."
Klaus Michael: "Wohl des Maximum des Möglichen".
In Ingrid Sonntag (Hg.): "An den Grenzen des Möglichen"

Recherche im Reclam-Kosmos

Tragbare Feldbücherei
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Heute, so behaupten pessimistische Stimmen, ist Lesen als Kulturtechnik in Gefahr. Zu Gründungszeiten der Universal-Bibliothek aber war Lektüre die angesagteste Freizeitbeschäftigung. Im Gespräch dazu: Thomas Keiderling.

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Was damals, Anfang der 70er-Jahre, genau passierte, hat Klaus Michael akribisch recherchiert – für ein Kapitel des Bandes "An den Grenzen des Möglichen". Eine Verlagsgeschichte des Leipziger Reclam-Verlages zwischen 1945 und 1991. Die einzelnen Autoren konnten sich auf ganz besonderes Material stützen, das trotz der Schließung des Leipziger Reclam-Verlags zur Verfügung stand. Zwar war der Archiv-Besitz aus Leipzig nach Ditzingen geholt worden, kam aber bereits zwei Jahre später wieder in die Messestadt zurück – für ein Pilotprojekt der Leipziger Buchwissenschaft.

"Das hatte damit zu tun, dass wir dieses Archiv zur Digitalisierung und zur wissenschaftlichen Erschließung auf unbestimmte Zeit, solange wie dieses Projekt lief, zur Verfügung hatten. Und in einen Kosmos eintauchen konnten, den wir auch so nicht erwartet hatten, weil das außerordentlich gut sortiert war – mit Findbuch auch leicht alles auffindbar. Und wir loslegen konnten vom ersten Tag an."
Ingrid Sonntag, Herausgeberin des Bandes "An den Grenzen des Möglichen"

Bücher der Universal-Bibliothek von Relcam stehen am 03.02.2017 in Ditzingen (Baden-Württemberg) in einem Regal am Hauptsitz des Verlages.
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150 Jahre Reclams Universal-Bibliothek Umfrage: Lesen Sie Reclam?

Umfrage: Lesen Sie Reclam?

Wir haben Passanten gefragt, ob sie die kleinen, handlichen Reclam-Bücher gelesen haben und welcher Erinnerungen sie damit verbinden.

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Reclams Verlags- wie Wirtschaftsgeschichte zu Zeiten der DDR – aus den unterschiedlichsten Perspektiven erzählt – ist spannend wie ein Krimi. Darüber hinaus aber hält das Buch "An den Grenzen des Möglichen" die Geschichte und den Alltag eines experimentierfreudigen DDR-Verlages unter den Bedingungen einer Diktatur fest, erzählt von seinen Spielräumen und Grenzen. Und es ruft so manches Abenteuer ins Gedächtnis, das im Kampf um für die DDR so überlebenswichtige Bücher zu erleben war – längst nicht immer erfolgreich – und nicht nur, aber auch in Reclams Universalbibliothek.

Lektüre-Empfehlung "An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945 – 1991"
Herausgegen von Ingrid Sonntag
Ch. Links Verlag
50,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 10. November 2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 21:06 Uhr

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