Auf einem Werbeplakat steht neben einer Frau in einem Bikini die Werbebotschaft "Unsere Preise sind so knapp wie dieser Bikini".
Werbung, bei der die Frau mit dem Produkt nichts zu tun hat Bildrechte: IMAGO

Werbemelder.in Online-Pranger gegen Sexismus in der Werbung

Sexistische Werbung ist überhaupt nicht zeitgemäß und sollte schleunigst verschwinden, fordern die Betreiber der Internetseite pinkstinks seit einigen Jahren. Um das zu erreichen, haben sie zusammen mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nun die Plattform werbemelder.in ins Leben gerufen, die sich gegen sexistische Werbung einsetzt.

von Juliane Neubauer, MDR KULTUR

Auf einem Werbeplakat steht neben einer Frau in einem Bikini die Werbebotschaft "Unsere Preise sind so knapp wie dieser Bikini".
Werbung, bei der die Frau mit dem Produkt nichts zu tun hat Bildrechte: IMAGO

Eine nackte Frau, überlebensgroß, ziert die Seite eines Kleintransporters. "Schauen sie nur auf das Auto", rät ein Hallenser Autohändler in einem witzig gemeinten Werbespruch und liefert mit dieser Werbung für sein Geschäft ein Paradebeispiel für sexistische Werbung. Die Frau hat mit dem Produkt nämlich gar nichts zu tun und soll nur die Aufmerksamkeit der Passanten gewinnen. Die Werbung des Autohändlers hat in Halle jemand fotografiert und auf der Webseite werbemelder.in hochgeladen. Die Seite ist seit ein paar Tagen online, um der Initiative Pinkstinks zu helfen, sexistische Werbung dauerhaft einzuschränken. Etwa hundert Bilder kommen seitdem täglich an.

Auswertbare Zahlen für einen Gesetzentwurf

Schaufenster mit der Abbildung mehrerer Frauen im Bikini und der Aufschrift Nicht gucken - Sondern mieten!
Seximus gibt es in regionaler und überregionaler Werbung Bildrechte: dpa

Vor ein paar Monaten hat die Initiative einen Gesetzentwurf zur Regulierung von sexistischer Werbung vorgelegt. Bevor dieser allerdings im Bundestag berücksichtiget werden könne, möchte das Ministerium Zahlen, die zeigen, wie relevant das Problem in Deutschland ist, erklärt Marcel Wicker, einer der Betreiber der Webseite.

"Deswegen haben wir dieses Monitoring gestartet und sagen: Schickt uns die Werbung, die ihr beanstanden möchtet, und wir schauen uns die an, ob die nach unseren Kriterien sexistisch, stereotyp oder nicht sind." Auf der Webseite werden sie auf einer Karte dargestellt.

Nach zwei Jahren haben wir die Möglichkeit auszuwerten, wo, in welchen Unternehmensbereichen, aber auch in welchen regionalen Bereichen die sexistische Werbung liegt, wo sensibilisiert werden muss und inwiefern wir das möglicherweise regulieren können.

Marcel Wicker

Je mehr Leute sich an dieser Bildersammlung beteiligen, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Gesetzentwurf schließlich auch im Bundestag auf die Tagesordnung gesetzt wird.

Unterstützung des Familienministeriums

Pinkstinks organisierte die weltweit erste Demo gegen Sexismus in der Werbung.
Bildrechte: IMAGO

Für ihren Kampf gegen Geschlechterklischees bekommen pinkstinks den Leipziger Louise-Otto-Peters-Preis 2017. Im Gespräch: Nils Pickert vom pinkstinks e.V.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.10.2017 06:15Uhr 06:38 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Unterstützt wird die nicht-Regierungs-Organisation Pinkstinks finanziell vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das ermöglicht nicht nur das Monitoring der Werbung, sondern auch die Durchführung von deutschlandweiter Plakatkampagnen, Workshops in Schulen oder von Theaterprojekten zum Thema. Für Elke Ferner vom Bundesministerium ist es wichtig, vor allem in die regionale Werbewirtschaft einen Einblick zu bekommen, erklärt sie.

"Da es häufig nicht die bekannten Kampagnen sind, die wir alle aus Zeitungen oder von Plakatwänden kennen, sondern eher regionale Geschichten, ist es wichtig, die interessierte Öffentlichkeit mit einzubeziehen,", erklärt sie, "damit man, wenn einem sexistische Werbung begegnet, die auch irgendwo melden und sich einen Überblick verschaffen kann, was gerade läuft und wo es besonders schlimm ist."

Nicht nur nackte Haut ist sexistisch

In einer anderen Werbung ist auf dem Steuerrad in einem Auto "links" und "rechts" extra mit einem Zettel ausgewiesen. "Damit kommen auch Frauen zurecht", lautet der Spruch dazu. Sexistische Werbung gehe über ein zur Schau stellen des weiblichen Körpers noch hinaus, erklärt Marcel Wicker.

Sexistisch muss nicht unbedingt was mit nackter Haut zu tun haben. Es geht immer darum, ob einem Geschlecht bestimmte Eigenschaften zu oder abgesprochen werden – einfach nur auf Grund des Geschlechtes.

Marcel Wicker

"Nicht Aufgabe des Werberats"

Wer jetzt einwendet, anstößige Werbung könne man schon seit Jahrzehnten an den deutschen Werberat melden, der hat Recht – und hat es nicht. Denn der deutsche Werberat sieht keinen Bedarf, die Gesetze zu verschärfen, sagt Julia Busse, die Presseprecherin: "Durchaus sehr renommierte Juristinnen und Juristen sind der Meinung, dass es nicht die Aufgabe des Wettbewerbsrechts sei, eine sexbetonte Werbung zu unterbinden oder einem bestimmten Rollenverständnis der Geschlechter auf die Sprünge zu helfen."

Und so gibt es sie nach wie vor. Pinkstinks möchte, dass sich das ändert.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 09. November 2017 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 15:34 Uhr