Skulptur - Giant Pool Balls - , Claes Oldenburg, 1977, Installation aus drei Kugeln
Skulptur Projekte: Permanente Installation "Giant Pool Balls" von Claes Oldenburg, 1977, am nördlichen Ufer des Aasees in Münster Bildrechte: IMAGO

Skulptur Projekte Münster 2017 Was heißt heute noch Skulptur?

Ähnlich überraschend, wie der weltweite Ruhm der 1955 gegründeten Documenta stetig zunahm, erging es den 1977 ins Leben gerufenen Skulptur Projekten in Münster. Das Rezept: Zwei übersichtliche Provinzstädte, zwei visionäre Profile. Und so lockt die nordhessische Stadt Kassel im Fünf-Jahres-Rhythmus die internationale Kunstwelt an, während alle zehn Jahre die westfälische Beamten-, Studenten- und Radfahrerstadt Münster zur wichtigsten Schau für Kunst im öffentlichen Raum wird.

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Kunstredakteur

Skulptur - Giant Pool Balls - , Claes Oldenburg, 1977, Installation aus drei Kugeln
Skulptur Projekte: Permanente Installation "Giant Pool Balls" von Claes Oldenburg, 1977, am nördlichen Ufer des Aasees in Münster Bildrechte: IMAGO

Vor 40 Jahren waren die Skulptur Projekte ein ebenso umstrittenes wie avantgardistisches Projekt. Denn damals verstand man gemeinhin noch unter einer Skulptur ein Werk, das im Atelier geschaffen und dann vom Bildhauer zu Ausstellungszwecken auf einen Sockel gestellt wird. In Münster wollte man neue Wege gehen, und so wurden im Vorfeld die Künstler eingeladen, um sich nach einem inspirierenden Ort für ihre Arbeit umzusehen.

Dieses Konzept der ortsbezogenen Skulptur war damals noch ziemlich neu und erregte weltweites Aufsehen, ebenso wie der wagemutige Zehn-Jahres-Rhythmus, in dem die Großausstellung nun zum fünften Mal über die Bühne geht: Als ein Langzeitprojekt zur permanenten Erweiterung des Skulpturbegriffs.

Der unbequeme Weg ist das Ziel

Ein 3-D-Bodyscan der Künstlerin Ayse Erkmen
3-D-Bodyscan der Künstlerin Ayse Erkmen, der 2008 teil der Ausstellung in der Kunstsammlung NRW war Bildrechte: dpa

Die vielleicht spektakulärste Arbeit bei der diesjährigen Großausstellung stammt von der türkischen Künstlerin Ayse Erkmen, die im Hafen von Münster einen unsichtbaren Steg – knapp unter der Wasseroberfläche – gebaut hat, worüber die Besucher von einem Ufer zum anderen gelangen und sich dabei allerdings nasse Füße holen. Der 60 Meter lange Weg ist das Ziel, doch alles andere als bequem. Und von Ferne grüßt die biblische Legende von Jesus, der ungleich müheloser über das Wasser geht.

Ähnlich aufsehenerregend war auch Erkmens Kunstaktion 1997, als sie Sandsteinskulpturen mit einem Hubschrauber über den Domplatz fliegen ließ. Das war eine nicht ganz vom Moment der Rache freie Reaktion darauf, dass die Katholische Kirche all ihre Vorschläge für die künstlerische Bespielung des Doms abgelehnt hatte.

"On Water" heißt die aktuelle Installation, die den Besucher in mythische Sphären versetzen soll. Und dieses begehbare Kunstwerk ist durchaus typisch für diese Skulptur Projekte. Denn es gibt auch zahlreiche Performances und Aktionen, bei denen die Besucher zusehen oder mitmachen können, wie etwa jene höchst zeitgeistigen Arbeiten von Aram Bartholl.

Ansätze, die der Skulptur neues Leben einhauchen

Künstler Aram Bartholl
Künstler Aram Bartholl vor seiner Installation "Keepalive", 2016 Bildrechte: dpa

Der 1972 geborene Bremer Bartholl war früher Computer-Hacker, bevor er Künstler wurde, und verbindet nun auf witzige Weise die virtuelle Welt mit der Wirklichkeit. Am Pumpenhaus in Münster verwandelt er eine Lagerfeuer-Situation in eine Handy-Auflade-Station für alle. Am Fernmeldeturm wiederum steht ein Garten-Grill, der Elektrizität für einen Intranet-Router liefert.

Neben diesen digitalen Serviceleistungen gibt es aber auch die guten alten analogen Kunst-Aktionen, die zudem auf spezielle Zielgruppen zugeschnitten sind. So vollendet der Engländer Jeremy Deller nun ein Projekt, das er 2007 gestartet hat. Bei der letzten Schau hatte er Notizbücher an Kleingärtnervereine in Münster verteilt, deren Mitglieder Tagebuch über die Veränderungen in ihrem Garten führen sollten, und diese Aufzeichnungen aus dem Kosmos der Schrebergärtner erblicken jetzt das Licht der Kunstwelt.

Der amerikanische Künstler Michael Smith wendet sich dagegen an die Zielgruppe der Rentner und setzt sich dabei mit den Klischees auseinander, die über dieses gesellschaftliche Segment kursieren. Aus diesem Grund hat er ein Tattoo-Studio eingerichtet, das auf die Bedürfnisse der Über-60-Jährigen spezialisiert sein soll.

Klassische Skulpturen mit ironischer Brechung

Thomas Bille
Bildrechte: MDR/Marco Prosch

MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille blickt auf die wichtigste Schau für zeitgenössische Skulptur in Münster, die seit 1977 alle zehn Jahre Kunstfreunde aus aller Welt anlockt.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 09.06.2017 12:10Uhr 03:29 min

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Neben diesen partizipativen Ausflügen in die Alltags- und Popkultur hat die klassische Skulptur durchaus noch einen Platz, wenn auch mit ironischer Brechung. So hat die Bildhauerin Nicole Eisenman einen Zierbrunnen geschaffen, bei dem die Brunnenfiguren nicht ganz so anmutig und graziös aussehen, wie beim klassischen Vorbild. Im Gegenteil: Ihre Protagonisten sind eher Anti-Helden und kommen ziemlich unbeholfen und tollpatschig daher. Cosima von Bonin wiederum verfremdet sprichwörtlich eine Ikone der klassischen Moderne: Sie hat eine Skulptur von Henry Moore von ihrem angestammten Ort vor dem Landesmuseum entfernt und auf einen Tieflader verfrachtet. Auf diese Weise bringt sie diesen Klassiker in Bewegung und verschafft ihm wieder Sichtbarkeit.

Insgesamt 35 Künstler suchen so nach neuen Ansätzen, wie sie der Skulptur neues Leben einhauchen können – eingedenk des Diktums des großen Avantgardisten Robert Musil, das auch im Jahr 2017 noch wie in Marmor gemeißelt scheint:

Nichts ist unsichtbarer als ein Denkmal.

Robert Musil, Avantgardist

Informationen zur Schau Skulptur Projekte Münster
10. Juni bis 1. Oktober 2017

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Beitrag | 09.06.2017 | 12:10 Uhr
MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille blickt auf die wichtigste Schau für zeitgenössische Skulptur in Münster, die seit 1977 alle zehn Jahre Kunstfreunde aus aller Welt anlockt.

Gespräch | 10.06.2017 | 12:15 Uhr
MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über die weltweit wichtigste Schau für Bildhauerei und Kunst im öffentlichen Raum, die seit 1977 im Dekadenrhythmus stattfindet.

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2017, 13:43 Uhr

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