Oper Halle
Die Oper in Halle Bildrechte: dpa

Vor der Aufsichtsratssitzung Was wird aus den Bühnen Halle?

Stefan Rosinski hat als Geschäftsführer der Bühnen Halle viel zu tun. Das Theater hat akute Finanzprobleme. Um die Liquidität zu sichern, laufen Gespräche mit der Stadt über zusätzliches Geld. Zudem fehlen noch ein genehmigter Wirtschaftsplan und ein neuer, angepasster Strukturplan für die nächsten Jahre. Außerdem gibt es einen schwelenden Streit, nachdem interne Betriebszahlen öffentlich wurden. Die Zusammenarbeit zwischen der künstlerischen Leitung und der Geschäftsführung scheint gestört.

von MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky

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Stefan Rosinski
Stefan Rosinski, Geschäftsführer der Bühnen Halle Bildrechte: dpa

"Die Situation der Bühnen Halle ist außerordentlich komplex und kompliziert", erklärt Stefan Rosinski auf der Spielzeitpressekonferenz Ende Mai: "Der Aufsichtsrat hat sich noch nicht daran gewöhnt, aber muss sich mit Konzeptteilen beschäftigen, die sind 70, 80 Seiten lang; mit vielen Tabellen." Mit diesen Sätzen beschreibt Rosinski das, was er in Halle zu leisten hat.

Es ist offenkundig viel zu tun angesichts der akuten Finanzierungsprobleme. Rosinski findet aber auch Zeit, eine Koproduktion des Puppentheaters am Theater Halle mit der Oper in Lyon mit auszuhandeln, der "zweitgrößten in Frankreich", wie Rosinski betont. Ebenfalls als Koproduzent beteiligt: "La Fura dels Baus". Die Gruppe sei eine der "wichtigsten und bedeutendsten freien Gruppen Europas". Einst trat sie bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Barcelona auf. Jüngst war sie beim "Theater der Welt"-Festival in Hamburg zu Gast. "Champions League" nennt Rosinski das. Für Halle geht es um Strawinskys "Geschichte vom Soldaten". Die Koproduktion mit Lyon und "La Fura dels Baus" sei allerdings "noch nicht final verhandelt", also unterschrieben. Für "andere große, internationale Produktionen" würden schon "für die nächsten zwei, drei, vier Jahre Gespräche geführt". Rosinski ist ein Geschäftsführer mit Ideen für die künstlerische Spielplangestaltung.

Florian Lutz, der Opernintendant in Halle, sagt nach der Pressekonferenz, er erfahre von dieser Koproduktion hier zum ersten Mal. Rosinski hat sie allerdings auch mit Christoph Werner, dem künstlerischen Leiter des Puppentheaters, besprochen, obwohl sein Haus für diese Produktion zu klein sein dürfte. In Lyon, im April 2018, wird "Die Geschichte vom Soldaten" in einem großen Saal gespielt. Rosinski hat bei Werner schon einen Schlussmonolog für "Vom Abendland" geschrieben und wird für "Hamlet", die Eröffnungspremiere im Herbst, die Musikauswahl übernehmen. Rosinski hat sich auch hier, auf künstlerischem Feld sozusagen, viel vorgenommen. Beim Eislaufen würde man wohl von Pflicht und von Kür sprechen.

Führt der Geschäftsführer nur die Geschäfte?

Schaut man auf Rosinskis Aufgaben als Geschäftsführer, der seit knapp einem Jahr in Halle arbeitet, stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Die Bühnen Halle haben akute Finanzprobleme. Um die Liquidität der Theater-GmbH zum Jahresende zu sichern, laufen Gespräche mit der Stadt über zusätzliche Finanzhilfen. Zudem fehlt bis Jahresende auch noch ein genehmigter Wirtschaftsplan. Offenbar stehen auch Teile des Spielplans für die kommende Spielzeit auf dem Prüfstand. Striktes Controlling der künftigen Ausgaben ist vernünftigerweise angesagt.

Diese Probleme kann man nicht dem neuen Geschäftsführer in die Schuhe schieben. Von einem strukturellen Defizit ist die Rede. Vielleicht konnte der Personalabbau nicht ganz so laufen wie gedacht? Vielleicht waren die Finanzzwänge auch zu hart, zu denen sich die Stadt Halle als Gesellschafter des Theaters verpflichtet hatte?

Jedenfalls werden weitere Konsolidierungsmaßnahmen für die nächsten Jahre gerade erarbeitet, erklärt Rosinski. Nach Aussagen der Stadt soll ein Strukturanpassungsplan noch in diesem Juni erstellt sein. Stefan Rosinski sagt, dass für den Herbst die Erarbeitung eines Strukturplanes angedacht sei. Auf die Frage, ob diese Planungen mit den künstlerischen Leitern der Bühnen Halle abgestimmt seien, antwortet Rosinski: "Selbstverständlich werden die Spartenleiter beteiligt werden."

Ein Vertrag und seine Folgen

Grundlage für die Theaterarbeit ist der Theatervertrag, der seit 2014 zwischen der Stadt Halle und dem Land Sachsen-Anhalt gilt. Dieser Vertrag verpflichtet das Theater, bestimmte Strukturanpassungen bis Ende 2018 zu gewährleisten. Dafür zahlt das Land rund 21 Millionen Euro im Jahr, die Stadt rund neun Millionen. Zusätzlich stellen Stadt und Land je fünf Millionen Euro in einem Strukturanpassungsfond zur Verfügung, um Abfindungen zu zahlen. Das Personal soll auf 419 Stellen reduziert werden.

Besonders betroffen wäre die Staatskapelle, die von rund 130 Stellen im Jahr 2014 auf 99 Stellen schrumpfen soll. Um die vereinbarte Zielstruktur zu erreichen, müsste nach Ende dieser Spielzeit 33 Musikern gekündigt werden. So steht es im Sanierungs- und Strukturanpassungskonzept, das zum Theatervertrag gehört. Rosinski lässt die Vorgabe, dass die Staatskapelle auf 99 Musikerstellen reduziert werden soll, derzeit gesondert prüfen. Es geht um die Frage der Leistungsfähigkeit des Orchesters. Die Möglichkeiten der Umsetzung des Personalabbaus seien ebenso in der Diskussion.

Die Frage nach der zukünftigen Größe der Staatskapelle scheint ein Hauptproblem zu sein. Er habe hier externe Berater engagiert. Es habe zwei spezifizierte, zeitlich begrenzte Arbeitsaufträge zur Einholung externer Expertise gegeben, erklärt Rosinski. In dem 2014 ausgehandelten Theatervertrag, der "Protokollnotizen" und ein "Sanierungs- und Strukturanpassungskonzept" beinhaltet, sieht alles, was an Maßnahmen bis 2018 ergriffen werden soll, genau vorgegeben und berechnet aus. Rosinski lässt die Dinge neu prüfen.

Die Vorgeschichte spielt in Rostock

Von 2011 bis 2016 war Stefan Rosinski Geschäftsführer am Volkstheater Rostock. Auch dieses Theater ist eine GmbH. Auch da gab es Sparzwänge und daraus resultierend Strukturanpassungsnot. Eine ähnliche Situation wie in Halle.

Die Lösung in Rostock hieß zunächst: Das Vierspartenhaus soll in ein Zweispartenhaus umgewandelt werden. Aber dann kam der Intendant Sewan Latchinian. Der meinte, man könne auch weiterhin als Mehrspartenhaus unterwegs sein, gab sein Bestes, kam aber nicht an sein Ziel. Rosinski brachte als Geschäftsführer ein weiteres, eigenes Konzept ins Spiel: das "Hybridmodell". Das sah eine Konzentration auf das Musiktheater vor. Mit dieser Idee überzeugte Rosinski den Stadtrat.

Volkstheater Rostock
Am Volkstheater Rostock war Stefan Rosinski bis Sommer 2016 Geschäftsführer Bildrechte: IMAGO

Das Ende der Geschichte in Rostock ist: Latchinian wurde gekündigt. Stefan Rosinski bewarb sich auf die Geschäftsführerstelle in Halle. Rostock dümpelt seitdem als Mehrspartentheater weiter vor sich hin. Antje Jonas, die Vorsitzende des Vereins "Freunde und Förderer Volkstheater Rostock" meint im Rückblick, sie habe Rosinski als eloquenten Verfechter der dortigen Theaterbelange erlebt: "Das von ihm formulierte Hybridmodell zum strukturellen Umbau des Rostocker Vier-Sparten-Theaters in ein Musiktheater- und Opernhaus war vermutlich mehr von eigenen Ambitionen als Opernregisseur getragen als von der realistischen Einschätzung der Gegebenheiten vor Ort."

Interne Betriebszahlen sorgen für Aufregung

Zurück nach Halle. Im April 2017 hatte Rosinski den Aufsichtsrat über Finanzierungsprobleme der Theater GmbH in Kenntnis gesetzt. Diese internen Betriebszahlen wurden der "Mitteldeutschen Zeitung" zugespielt. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum seien die Erlöse der Oper um "ruinöse 44,5 Prozent eingebrochen", schrieb das Blatt. Auch die Besucherzahl sei gesunken: von 34.500 auf 20.000 Zuschauer. In der Diskussion, die sich an diese Veröffentlichung der Zahlen anschloss, wurde argumentiert, dass der Zeitraum Januar bis April nicht aussagekräftig sei. Es seien Monate, in denen wenig Zuschauer das Theater besuchten. Einen Vorwurf an die Geschäftsführung sollte man hier aber nicht ableiten. Denn das Geschäftsjahr, über das Rosinski dem Aufsichtsrat berichtete, begann am 1. Januar 2017 und beinhaltete ganz korrekt den Zeitraum bis April, nämlich bis zur Aufsichtsratssitzung.

In der Öffentlichkeit erwuchs daraus jedenfalls eine Diskussion über das künstlerische Profil der Oper. Tenor: zu viel ambitioniertes Regietheater an der Oper in Halle. Ein üblicher Vorwurf, wenn eher junge Künstler ein Haus übernehmen. Aber das war von der Stadt so gewollt. Florian Lutz wurde mit diesem Konzept nach Halle geholt und vom Aufsichtsrat gewählt, in dem auch die großen im Stadtrat vertretenen Parteien eine Stimme haben – gewählt mit der Aufgabe, die Oper auch einem neuen, jüngeren Publikum zu öffnen. Und Stefan Rosinski ist nicht verantwortlich für Leserbriefe in der Zeitung.

Rosinski hätte darauf hinweisen können, dass im Vergleichszeitraum des Vorjahres fünf Gastspiele stattfanden – deutlich mehr als im Zeitraum Januar bis April 2017. Pro Gastspiel kommen im Schnitt einige Zehntausend Euro in die Kasse, und die Gastspiele werden üblicherweise vom Geschäftsführer oft noch vor dem jeweiligen Spielzeitbeginn vereinbart. Das wäre im konkreten Fall Rosinskis Vorgänger, Rolf Stiska, gewesen. Der aber ging in Rente. Das könnte der Grund für diese Gastspiellücke sein. Es wäre zumindest plausibel. Für die kommende Spielzeit, so Rosinski, seien zur Zeit wieder sieben Gastspiele vereinbart.

Warum der Geschäftsführer der Opernleitung hier kein erklärendes Statement zu den Betriebszahlen abgegeben habe, wurde Rosinski sinngemäß auf der Spielzeitpressekonferenz gefragt. Er fände so eine Diskussion um das künstlerische Profil erst einmal legitim. Aber Rosinski bestätigte auch, der Oper sei hier "ein Imageschaden entstanden". Das wäre bedauerlich.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch: im Radio | Kulturnachrichten | 13.06.2017 | 8:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2017, 13:43 Uhr