Ausstellung "1917. Revolution. - Russland und Europa" in Berlin Als die Welt in Ost und West geteilt wurde - 100 Jahre Oktoberrevolution

An die Machtübernahme durch Lenin und seine Bolschewiki vor 100 Jahren erinnert eine neue Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Anhand von mehr als 500 Exponaten führt sie Hintergründe und Folgen dieses epochemachenden Umbruchs in Russland vor Augen, der die Welt in Ost und West teilen sollte.

Lenin-Statue in der Ausstellung des Deutschen Historischen Museums
Die Eislebener Lenin-Statue steht jetzt in Berlin Bildrechte: MDR / Stefan Nölke

In der Eingangshalle steht Lenin, überlebensgroß, so wie er einst den Bürgern von Eisleben bis zur Demontage unter seiner Schiebermütze entgegen lächelte. Am Ende der Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin kommen auch noch Christus und Micky Maus dazu. Die riesige, knallrote Skulptur "Hero, Leader, God" des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapov lädt dazu ein, über die eigenen Götter und Götzen nachzudenken.

Zwischen Denkmal und Demontage

'Hero, Leader, God' - Skulptur des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapov
"Hero, Leader, God"
Skulptur des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapov
Bildrechte: VG Bild-Kunst

Zwischen Denkmal und Denkmalssturz entfaltet sich die Schau, die an die Machtübernahme durch Lenin und seine Bolschewiki vor 100 Jahren erinnert, indem sie Hintergründe und Folgen dieses epochemachenden Umbruchs über das Land hinaus vor Augen führen will - vom beginnenden Zerfall des russischen Imperiums ab 1905 über den Sturz des Zaren, den folgenden Bürgerkrieg und die Gründung der Sowjetunion 1922. Eine Kette von Ereignissen, die in einer Polarisierung der Welt in Ost und West mündete, die bis 1989 wirkte.

Zu sehen sind rund 500 Objekte von mehr als 80 internationalen Leihgebern, darunter etwa die Wahlurne zur ersten Staatsduma und Lenins Totenmaske, Revolutionsplakate und Kampffahnen, Stephan M. Karpows bombastisches Ölgemälde "Völkerfreundschaft" und Georg Baselitz' hingetupfter "Lenin auf der Tribüne". Kuratorin Kristiane Janeke sagte vor der Eröffnung, die Ausstellung solle vor allem die Ambivalenz der Entwicklung zeigen:

Dem Anspruch auf Befreiung und Emanzipation standen immer auch Terror, Gewalt und Repression gegenüber. Beides war untrennbar verbunden, es waren zwei Seiten derselben Medaille.

Kristiane Janeke, Kuratorin der Ausstellung

Exponate der Schau im Deutschen Historischen Museum 1917. Revolution. - Russland und Europa

Das Deutsche Historische Museum zeigt in der Ausstellung "1917. Revolution. - Russland und Europa" 500 Exponate von mehr als 80 Leihgebern.

Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Budjonnowka-Kopfbedeckung der Roten Armee
Sowjetrussland/Sowjetunion, 1922
Bildrechte: © Staatliches Historisches Museum, Moskau
Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Budjonnowka-Kopfbedeckung der Roten Armee
Sowjetrussland/Sowjetunion, 1922
Bildrechte: © Staatliches Historisches Museum, Moskau
Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Stepan M. Karpow: Völkerfreundschaft
Sowjetunion, 1923/24
Bildrechte: © Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte,
Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Wahlurne zur ersten Staatsduma
Moskau 1906
Bildrechte: © Staatliches Historisches Museum, Moskau
Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
"Was die Oktoberrevolution der Arbeiterin und Bäuerin gegeben hat"
Sowjetisches Plakat, 1920
Bildrechte: Deutsches Historisches Museum
Exponate aus 'Umsturz' - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Julius Ussy Engelhard: Bolschewismus bringt Krieg, Arbeitslosigkeit und Hungersnot
Plakat der Vereinigung zur Bekämpfung des Bolschewismus, 1918
Bildrechte: Deutsches Historisches Museum
Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Käthe Kollwitz: Helft Russland!
Plakat des Komitees der Arbeiterhilfe (IAH), 1921
Bildrechte: Deutsches Historisches Museum
Exponate aus 'Umsturz' - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Georgi G. Rjaschski: Die Delegierte
Russland, 1927
Bildrechte: © Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau
Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Sergej Dmitrijewitsch Merkurow: Totenmaske von Wladimir Iljitsch Lenin
datiert auf den 22. Januar 1924
Bildrechte: Deutsches Historisches Museum
'Hero, Leader, God' - Skulptur des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapov
Hero, Leader, God
Skulptur des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapov
Bildrechte: VG Bild-Kunst
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Die Zerrissenheit und Polarisierung in der Zeit nach der Revolution übersetzten die Ausstellungsmacher in Durchbrüche und gespaltene Wände, selbst erklärende Schriftzüge sind in sich gebrochen.

"Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden"

Exponat aus "Umsturz" - Schau zur Oktoberrevolution im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Kollwitz, Käthe: Helft RusslandPlakat des Komitees der Arbeiterhilfe (IAH), 1921 Bildrechte: Deutsches Historisches Museum

Die Hoffnung auf Befreiung - das war bei vielen Russen in dem heruntergewirtschafteten, verarmten Land zur Zeit des Ersten Weltkriegs das vorherrschende Gefühl. Doch nach dem Ende der Zarenherrschaft durch die Februar- und dem Umsturz der Oktoberrevolution entbrannte ein von allen Seiten brutal geführter Bürgerkrieg, in dem bis 1922 zwischen acht und zehn Millionen Menschen ums Leben kamen. Ein Aderlass ohnegleichen, wie Mitkuratorin Julia Franke erklärt, die auch darauf hinweist, dass seinerzeit mindestens eine Million Menschen aus Russland flohen.

Umgekehrt sei das erste kommunistische Land der Welt damals für viele Europäer zur Projektionsfläche ihrer Ideale geworden. Als Beispiel ist in der Schau eine Postkarte des späteren Berliner Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter (SPD) an seine Eltern zu sehen. Er schreibt, dass er die Ideen der Revolution gern auch in Deutschland umgesetzt sähe. Nach der Oktoberrevolution polarisierte sich auch die weltweite Linke im Streit über den richtigen Weg in eine bessere Zukunft und zerfiel schließlich in ein sozialistisches und ein kommunistisches Lager.

Welche Gedanken sich bis heute mit der Revolution verbinden, zeigen die Video-Interviews mit einigen Prominenten im Eingangsbereich. "Treibstoff war diese Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden", sagt da etwa die ehemalige Stasi-Unterlagenbeauftragte Marianne Birthler. Und der in Moskau geborene Autor Wladimir Kaminer formuliert es so: "Ein Schritt in die richtige Richtung - nur mit dem Hintern nach vorn."

Grütters: Vorbildliche Aufarbeitung

Kulturstaatsministerin Grütters lobte die Ausstellung als "vorbildliche historisch-kritische Aufarbeitung der Geschichte". Jahrzehntelang habe der Kalte Krieg das Bild dieser Epoche geprägt, in der DDR sei die Oktoberrevolution verklärt, in der Bundesrepublik hingegen ebenfalls einseitig zum Inbegriff des staatlichen Terror erklärt worden.

Exponat
Der Maler Isaak I. Brodski verewigt die feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale fest Bildrechte: Deutsches Historisches Museum

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Oktober 2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2017, 15:11 Uhr

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Bildrechte: © Staatliches Historisches Museum, Moskau
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Sowjetrussland/Sowjetunion, 1922
Bildrechte: © Staatliches Historisches Museum, Moskau
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Sowjetunion, 1923/24
Bildrechte: © Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte,
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Wahlurne zur ersten Staatsduma
Moskau 1906
Bildrechte: © Staatliches Historisches Museum, Moskau
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Sowjetisches Plakat, 1920
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datiert auf den 22. Januar 1924
Bildrechte: Deutsches Historisches Museum
'Hero, Leader, God' - Skulptur des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapov
Hero, Leader, God
Skulptur des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapov
Bildrechte: VG Bild-Kunst
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Bildrechte: Deutsches Historisches Museum

Ausstellungstipp 1917. Revolution. Russland und Europa

1917. Revolution. Russland und Europa

18.10.2017-15.042018
Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin

Öffnungszeiten: Täglich 10-18 Uhr
Eintritt: 8 Euro / ermäßigt 4 Euro

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Bildrechte: IMAGO

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MDR KULTUR - Das Radio Do 12.10.2017 18:05Uhr 05:36 min

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