"Lügenmedien - Politikerabschaum - Volksverräter" steht auf den Schildern bei der Demonstration
"Volksverräter" ist auf den Schildern einer Demonstration zu lesen Bildrechte: dpa

Sprachkritik "Volksverräter" ist das Unwort des Jahres 2016

"Lügenmedien - Politikerabschaum - Volksverräter" steht auf den Schildern bei der Demonstration
"Volksverräter" ist auf den Schildern einer Demonstration zu lesen Bildrechte: dpa

"Volksverräter" ist das Unwort des Jahres. Das gab die Jury aus unabhängigen Sprachwissenschaftlern und einem Publizisten am Dienstag in Darmstadt bekannt. Das Wort sei ein "typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten", sagte die Sprecherin der Jury, Sprachwissenschaftlerin Nina Janich. Das Wort sei als Vorwurf gegenüber Politikern "in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt", so Janich weiter als Begründung für die Entscheidung der Jury.

Für 2016 waren insgesamt 1.064 Einsendungen mit 594 verschiedenen Vorschlägen eingegangen. Von den etwa 20 Schlagwörtern in der engeren Diskussion hatten drei Viertel mit dem Thema Flüchtlinge zu tun, sagte die Sprecherin der Jury, Nina Janich. Der überwiegende Anteil der Vorschläge hätte sich gegen einen Sprachgebrauch gerichtet, der die Themen Migration und Flüchtlinge diffamiere. Der bereits von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum "Wort des Jahres 2016" gekürte Begriff "postfaktisch" wurde insgesamt am häufigsten vorgeschlagen. 2015 wählte die Jury "Gutmensch" zum Unwort, 2014 war es "Lügenpresse".

Solidarität nach Bedarf

Im Rennen waren diesmal außerdem Bezeichnungen wie "Rapefugee" oder "Umvolkung". Im ersten Fall werden die englischen Worte für Vergewaltigung (rape) und Flüchtlinge (refugee) verbunden. Der zweite Begriff entstammt der Terminologie der Nationalsozialisten. Es werde eine schwierige Wahl werden, sagte Sprecherin Nina Janich bereits im Vorfeld. Sie selbst würde sich für "flexible Solidarität" aus der Debatte um Flüchtlingsquoten entscheiden: "Wenn man vor den Begriff 'Solidarität' noch 'flexibel' davorstellt, kann man es auch lassen."

Rückblick Wörter und Unwörter der vergangenen Jahre

Unwort Gutmensch
Zum Unwort des Jahres 2015 wurde "Gutmensch" gekürt. Die Begründung der Jury: "Hilfsbereitschaft und Toleranz werden mit diesem Wort diffamiert. Der Begriff verhindert durch seine fehlende Sachlichkeit eine demokratische, gewinnbringende Diskussion." Bildrechte: IMAGO
Unwort Gutmensch
Zum Unwort des Jahres 2015 wurde "Gutmensch" gekürt. Die Begründung der Jury: "Hilfsbereitschaft und Toleranz werden mit diesem Wort diffamiert. Der Begriff verhindert durch seine fehlende Sachlichkeit eine demokratische, gewinnbringende Diskussion." Bildrechte: IMAGO
Aus Bleilettern einer Druckerei ist das Unwort des Jahres 2014 "Lügenpresse" zusammengestellt.
Im Jahr 2014 setzte sich "Lügenpresse" gegenüber "erweiterten Verhörmethoden" und "Russland-Versteher" durch. Begründung der Jury: "Bei 'Lügenpresse' handelt es sich um einen nationalsozialistisch vorbelasteten Begriff, der im Zuge der Pegida-Bewegung gezielt Verwendung findet, dabei jedoch nicht vollständig reflektiert wird." Bildrechte: IMAGO
Mit Buchstaben eines Scrabble-Spiels ist das Unwort des Jahres 2013 "Sozialtourismus" zusammengesetzt
2013 schaffte es "Sozialtourismus" nach ganz vorne. Begründung der Jury: "Im Zuge der Diskussion um erwünschte und nicht erwünschte Zuwanderung nach Deutschland im letzten Jahr wurde von einigen Politikern und Medien mit dem Ausdruck 'Sozialtourismus' gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht." Bildrechte: dpa
Die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich präsentiert am 15.01.2013 am Rande einer Pressekonferenz in Darmstadt (Hessen) auf ihrem iPad das Unwort des Jahres 2012, «Opfer-Abo».
Jurymitglied Nina Janich präsentierte 2013 den Begriff "Opfer-Abo" als Unwort des Jahres. Begründung: "Das von Jörg Kachelmann in mehreren Interviews verwendete Wort Opfer-Abo stellt Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein." Bildrechte: dpa
Uwe Böhnhardt (li.) und Uwe Mundlos
2011 wurden die "Döner-Morde" zum Unwort des Jahres gekürt. Jahrelang hatten Presse und auch Behörden hiermit die Mordserie des NSU bezeichnet. Bildrechte: IMAGO
"Postfaktisch" ist Wort des Jahres
Zum Wort des Jahres wurde 2016 der Begriff "postfaktisch" gewählt. Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache richtete damit "das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht." Bildrechte: dpa
Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze
2015 kürte die GfdS das Wort "Flüchtlinge" zum Wort des Jahres. Begründung: "Das Substantiv steht nicht nur für das beherrschende Thema des Jahres, sondern ist auch sprachlich interessant. Gebildet aus dem Verb flüchten und dem Ableitungssuffix -ling (›Person, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal charakterisiert ist‹), klingt Flüchtling für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig." Bildrechte: IMAGO
Installation Lichtgrenze zum Jubiläum des Mauerfalls. Passanten gehen an der East Side Gallery in Berlin an der Installation Lichtgrenze zum 25-jährigen Mauerfall und dem Gemälde von Dmitri Wladimirowitsch Wrubel vorbei, das den Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker zeigt
"Lichtgrenze" wurde 2014 Wort des Jahres. Das Wort beziehe sich auf die Lichtinstallation zum Anlass der Feierlichkeiten "25 Jahre Mauerfall" in Berlin, erläuterte die Jury: "Es spiegelt in besonderer Weise die großen Emotionen wider, die das Ende der DDR im Herbst 1989 auch 25 Jahre später noch in ganz Deutschland hervorruft." Bildrechte: IMAGO
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Die Jury, bestehend aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten, richtet sich bei ihrer Wahl aber nicht danach, wie oft Begriffe eingesendet werden, sondern entscheidet unabhängig. In diesem Jahr wurde sie hierbei von der FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger unterstützt. Die "Unwort"-Aktion gibt es seit 1991. Sie will auf "undifferenzierten, verschleiernden oder diffamierenden öffentlichen Sprachgebrauch aufmerksam machen".

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im:
Radio | 09.01.2017 | Kulturnachrichten

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2017, 11:23 Uhr

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