Das Archivbild zeigt einen Bildausschnitt von der Titelseite der französischen Zeitung 'Liberation' vom 28. September 1977, der den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer unter dem Logo der RAF (Rote Armee Fraktion).
Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer wurde 1977 entführt und erschossen Bildrechte: dpa

Vor 40 Jahren Der Deutsche Herbst

Vor 40 Jahren lernte Westdeutschland die Angst vor dem Terror kennen und fürchten. Attentate, Entführungen und Morde schnitten sich in das kollektive Gedächtnis des Landes. MDR KULTUR blickt zurück.

von Bernd Schekauski, MDR KULTUR-Redakteur

Das Archivbild zeigt einen Bildausschnitt von der Titelseite der französischen Zeitung 'Liberation' vom 28. September 1977, der den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer unter dem Logo der RAF (Rote Armee Fraktion).
Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer wurde 1977 entführt und erschossen Bildrechte: dpa

Es war politisch ein verdammt heißer Herbst, jener Terror-Herbst 1977. Angebahnt hatte er sich bereits etwa mit den tödlichen Attentaten auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April jenes Jahres und auf den Bankier Jürgen Ponto im Juli.

Erich Mielke, 1980
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Der Deutsche Herbst 1977 Die Stasi und die RAF

Die Stasi und die RAF

Was hat die DDR-Führung dazu bewogen, gesuchte Terroristen aus dem Westen aufzunehmen? Antworten geben Tobias Wunschik, Experte bei der Birthler-Behörde und Wolbert Smidt, ehemaliger Direktor des BND.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.10.2017 18:05Uhr 05:19 min

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Im September dann die Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer, mit der jene Phase beginnt, die später als "Deutscher Herbst" bezeichnet wird. Er dauert rund sieben Wochen an - bis die Leiche des ermordeten Funktionärs im Kofferraum eines in Mühlhausen im Elsass abgestellten Wagens gefunden wird.

Auftakt der RAF-"Raushole": Die Entführung Schleyers

Die ab 1970 per Haftbefehl von den deutschen Justizbehörden gesuchten Terroristen.
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Drei der vier RAF-Begründer wurden als außergewöhnlich Begabte von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert: Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof. Dazu der Historiker Alexander Gallus.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.10.2017 18:05Uhr 08:36 min

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Es war kein Zufall, dass die RAF es auf Schleyer abgesehen hatte. Er verkörperte das Sprachrohr der westdeutschen Wirtschaft, galt der linken Szene  gar als "Chef-Kapitalist". Mit ihm als Faustpfand wollten die linken Terroristen insgesamt elf RAF-Aktivisten aus der Haft freipressen, darunter einige führende Köpfe: Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin. "Big Raushole", so nannten sie ihre Aktion.

Der Staat darf sich nicht erpressen lassen! - das allerdings war die Maxime der Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt. Und während sich politische Krisenstäbe mit ermittelnden Behörden immer wieder über weiteres Vorgehen abstimmten, hofften sie zugleich, immer noch rechtzeitig das Versteck der Kidnapper und somit Schleyer selbst zu finden.

Dramatische Wende: die Odyssee der "Landshut"

Vergeblich. Auf dramatische Weise erhöhten die Terroristen ihren Druck. Sie baten eine palästinensische Terrortruppe, die "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP), bei der sie militärisches Training erhalten hatten, um Bruderhilfe. Daraufhin entführten am 13. Oktober vier Palästinenser eine Boeing der Lufthansa, die "Landshut", die - gerade in Mallorca gestartet - auf dem Weg nach Frankfurt war.

Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug «Landshut» nach der Landung in Mogadischu (Somalia).
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Eine der entscheidenden Episoden im Deutschen Herbst war die Entführung einer Boeing 737 der Lufthansa vor genau 40 Jahren.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.10.2017 18:05Uhr 03:49 min

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Mit Crew und rund 90 Urlaubern unternahm die "Landshut" eine hochdramatische Odyssee. Sie flog zunächst über Rom und Dubai nach Aden. Um der Forderung nach Freilassung der inhaftierten RAF-Terroristen Nachdruck zu verleihen, erschossen die Entführer dort den Flugkapitän. Doch die Bundesregierung lenkte auch nach diesem Mord nicht ein. Daraufhin nahm die "Landshut", nun gesteuert vom Ko-Piloten, Kurs auf Somalias Hauptstadt Mogadischu.

In der Nacht auf den 18. Oktober stürmte dort eine Einheit der GSG 9 das Flugzeug. Gerade mal sieben Minuten dauerte die Aktion der wenige Jahre zuvor gegründeten Anti-Terror-Einheit, drei der vier Geiselnehmer wurden getötet, die Geiseln weitgehend unbeschadet befreit. Zwölf Minuten nach Mitternacht MEZ meldete der mitgereiste Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski dem Kanzleramt den Erfolg, das somit in jenem Herbst um eine gewaltige politische - und moralische - Last erleichtert war.

Tragisches Finale: Mord und wieder Mord

Beerdigung der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe auf dem Dornhalden-Friedhof in Stuttgart-Degerloch
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Der Terrorismus ist in Deutschland mit der RAF nicht verschwunden. Was hat der Staat, was haben wir seit jenem Deutschen Herbst gelernt? Im Gespräch der Terrorismus-Experte Rolf Tophoven.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.10.2017 18:05Uhr 08:13 min

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Noch in derselben Nacht holte die RAF jedoch aus zu einem weiteren - diesmal allerdings selbstmörderischen - Coup: die RAF-Aktivisten der ersten Stunde Baader, Ensslin und Raspe nahmen sich in der Haft das Leben. Die RAF deutet den Suizid  ihrer Anführer jedoch um in einen Märtyrertod. Sie verbreiteten eine Geschichte von "Mord in Stammheim" - worauf die Entführer Schleyers mit tatsächlichem Mord antworteten: Sie töteten den Unternehmer noch am selben 18. Oktober mit drei Schüssen in den Hinterkopf. Wer genau die Schüsse abfeuerte, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.

 Bundeskanzler Helmut Schmidt (Mitte, GER/SPD) mit Waltrude (re.) und Eberhard Schleyer (beide GER/Witwe und Sohn von Hanns-Martin Schleyer) sowie Bundespräsident Walter Scheel (GER/FDP) während der Trauerfeier für den ermordeten Hanns-Martin Schleyer (GER/Präsident Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) in Stuttgart
Bundeskanzler Helmut Schmidt während der Trauerfeier für den ermordeten Hanns-Martin Schleyer Bildrechte: IMAGO

Die tödliche Dramatik der Ereignisse, die Unerbittlichkeit der Auseinandersetzung zwischen Staat und Terroristen, eine Stimmung höchster gesellschaftlicher Spannung bis hin zur Hysterie, befeuert von einem Teil der Presse, hatten in jenem Herbst eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik heraufbeschworen. Seine Begrifflichkeit verdankt dieses historische Kapitel einer Gemeinschaftsproduktion elf namhafter Regisseure im Jahr darauf, unter ihnen Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und Alexander Kluge. Der Titel ihres Films, der die Stimmung jener Zeit eindrucksvoll spiegelte: "Deutschland im Herbst".

► Spezial | 13.10.2017 | 18:05-19:00 Uhr Geplante Themen:

● Terroristen-Hilfe aus Palästina: Die Entführung der "Landshut"

Eine der entscheidenden Episoden im Deutschen Herbst war die Entführung einer Boeing 737 der Lufthansa vor genau 40 Jahren.

● Die Stasi und die RAF: Der Feind unseres Feindes ist unser Freund

Die DDR und die RAF: 40 Jahre nach dem sogenannten Deutschen Herbst ist die Verbindung zwischen dem Staat und der Terrorgruppe weitgehend aufgeklärt. Zehn RAF-Aussteiger nahm die DDR in den 80er-Jahren auf, sie lebten in Dresden, Erfurt, Weimar, Frankfurt an der Oder und in Berlin. Was aber hat die DDR-Führung dazu bewogen, die gesuchten Terroristen den Behörden im Westen zu entziehen? Antworten auf diese Fragen geben unter anderen Tobias Wunschik, Experte für den RAF-Stasi-Komplex bei der Birthler-Behörde und Wolbert Smidt, ehemaliger Direktor des Bundesnachrichtendienstes.

● RAF und Begabtenförderung: wie wurden deutsche Elite-Stipendiaten zu Terroristen?

Dass der Hass auf den Staat im Besonderen und auf den Kapitalismus im Allgemeinen die Gründer der RAF einte, das versteht sich von selbst. Viel bemerkenswerter dürfte eine ganz andere Gemeinsamkeit sein: Drei der vier RAF-Begründer wurden als außergewöhnlich Begabte von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert: Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof. Die drei waren also Elite-Stipendiaten ironischerweise genau jenes Staates, den sie wenige Jahre später mit allen Mitteln bekämpften. Haben die professionellen Eliteförderer der Bundesrepublik nicht bemerkt, was für Begabungen sie da förderten? Der Historiker Alexander Gallus ist dieser Frage nachgegangen und hat sich dazu intensiv mit den Akten der Studienstiftung beschäftigt. Bernd Schekauski hat ihn nach seinen Erkenntnissen befragt.

● Herbst 1977: Nur ein deutsches Terroristen-Intermezzo?

Schon die Geburtsstunde der RAF war ein Akt der Gewalt: Als linke Aktivisten am 14. Mai 1970 den inhaftierten Andreas Baader beim bewachten Besuch eines Forschungsinstituts in Berlin befreiten, kam es zu einem Schusswechsel, ein Institutsmitarbeiter wurde schwer verletzt. Diese blutige Flucht in den Untergrund gilt als der Beginn der RAF-Geschichte. Es folgten zahlreiche Überfälle und Attentate, insgesamt mordete die RAF 33 Menschen, aus den eigenen Reihen kamen 24 Männer und Frauen ums Leben. Rund 20 Jahre trieb die Extremistentruppe, die an die 80 Mitglieder zählte, ihr Unwesen, dabei kooperierte sie mit Terroristen im Nahen Osten, in Frankreich, Italien und in Belgien. Der Herbst 1977 mit der Entführung Schleyers, der Entführung der "Landshut", den Selbstmorden von Stammheim und dem Mord an Schleyer - das war der traurige Höhepunkt der RAF-Geschichte. Nun ist der Terrorismus mit der RAF nicht verschwunden, was aber hat der Staat, was haben wir seit jenem Deutschen Herbst vielleicht gelernt? Im Gespräch: Der Terrorismus-Experte vom Institut für Krisen-Prävention, Rolf Tophoven.

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2017, 13:04 Uhr