Nive and the Deer Children beim Rudolstadt-Festival 2016
Nive and the Deer Children beim Rudolstadt-Festival 2016 Bildrechte: Silvia Hauptmann

Webchannel "Folk im Konzert" | 21.-28.04.2017 Grönländische Songs und "griechischer Blues"

Der Webchannel "Folk im Konzert" bringt rund um die Uhr Mitschnitte von Deutschlands größtem Folk-Festival in Rudolstadt. Jeden Freitag ab 10 Uhr können Sie neue Konzerte erleben und die aktuelle Sendung "Folk und Welt" aus dem Programm von MDR KULTUR - Das Radio hören. Eine Woche lang. Hier finden Sie das aktuelle Programm.

von Grit Friedrich

Nive and the Deer Children beim Rudolstadt-Festival 2016
Nive and the Deer Children beim Rudolstadt-Festival 2016 Bildrechte: Silvia Hauptmann

Nive and the Deer Children (Grönland/Dänemark) – Rudolstadt-Festival 2016

Nive Nielsen spielt Gitarre und Banjo, singt und komponiert. Die junge Grönländerin hat als Studentin der Politikwissenschaften angefangen, Musik zu machen. Sie hat Spaß daran, eigene Songs zu schreiben, die sowohl die spektakulären Landschaften Grönlands als auch ihre Liebe zum Reisen und zum Film reflektieren. Die Lieder von Nive Nielsen sind überwiegend auf Englisch, aber es gibt auch auf ihrem Album "Feet First" und im Konzert oben auf der Heidecksburg zwei Texte auf Grönländisch. Denn sie fühlt sich als Inuit, hat als Kind in der Schule die traditionelle Trommelmusik der Ureinwohner Grönlands gehört und war fasziniert von den für westliche Ohren ungewohnten Rhythmen.

Darum mache ich heute einige seltsame Rhythmuswechsel in meiner Musik, über die ich gar nicht nachdenke. Und meine Musiker merken es und sagen: Hey was machst du da? Dann müssen sie das analysieren und versuchen herauszufinden, was ich ihnen nicht erklären kann. Ich denke, sie haben Spaß, dieses Puzzle zu lösen.

Nive Nielsen
Inuit-Dorf Ittoqqortormiit in Nordostgrönland
Das Inuit-Dorf Ittoqqortormiit in Nordostgrönland Bildrechte: IMAGO

Für Nive Nielsen ist es wichtig, Traditionen wie Sprache, Tänze und Lieder zu bewahren, um daran zu erinnern, woher die Inuit kommen und warum sie anders sind als Europäer. Wichtig ist der Musikerin vor allem die Nähe ihrer Landsleute zur Natur, zu den Elementen. Grönland hat schroffe Küstengebirge und ewiges Eis, Rentierherden und viel unberührte Natur. Diese Landschaft hat auch einen starken Einfluss auf ihr Songwriting. Und mittlerweile haben fast all ihre Bandkollegen schon Grönland besucht.

Manchmal beschreibe ich meine Songgeschichte mit Bildern. Ich bin keine besonders gute Arrangeurin, die sagt, die Gitarre macht dieses, der Bass jenes. Ich habe kein Talent für so was. Ich sage meinen Musikern: In meinem Traum sitzt ihr draußen am Hafen und schaut runter auf das Wasser. Und das Wasser ist still, obwohl ein starker Sturm weht. Und es ist sehr kalt. Und dann interpretieren sie das, was ich da sehe.

Nive Nielsen
Nive & The Deer Children
Nive Nielsen Bildrechte: Frank Szafinski

Heute lebt Nive Nielsen überwiegend in Belgien, fährt aber regelmäßig nach Grönland und spielt auch Lieder eines Singer-Songwriters von dort. Von Ole Kristiansen nahm sie ein Lied über das Ende einer Liebe in ihr Repertoire auf. Sie lässt sich in ihrer Musik aber auch von Kindheitserinnerungen inspirieren. Den Song "Grandma Marie" hat Nive Nielsen ihrer sehr eigensinnigen Großmutter gewidmet. Und ihre opulent instrumentierten Lieder erinnern an Folk- oder Pop-Balladen. Nive Nielsen hat ihr Album "Feet First" auch wie eine Reisende in verschiedenen Ländern aufgenommen: in Grönland, Dänemark, Belgien, England und den US-amerikanischen Städten Nashville/Tennessee und Tucson. Auch das kann man hören im Konzert aus Rudolstadt.

Laufzeit im Webchannel Nive and the Deer Children – 54'28

CD-Tipp Feet First (Glitterhouse Records)

Michalis Jenitsaris & Ensemble Prosechos (Griechenland) – TFF Rudolstadt 1994

Lange galt die Bouzouki-Musik in Griechenland als minderwertiges Vergnügen für die Unterschicht. Aber spätestens seit dem Ende der zweiten Militärdiktatur in Griechenland (1967-74) erlebten die Rembetes-Ensembles ein erstaunliches Revival, das auch über die Grenzen Griechenlands hinaus starke Wirkung zeigte.

Lieder von Liebe, Hasch und Leid - Rembetiko

Michalis Jenitsaris - Rembetiko-Sänger und Bouzouki-Spieler aus Griechenland
Michalis Jenitsaris - Rembetiko-Sänger und Bouzouki-Spieler aus Griechenland Bildrechte: Trikont

Rembetiko ist der Blues der aus Städten wie Smyrna in Kleinasien nach 1922/23 vertriebenen Griechen und die direkte Reaktion auf Entwurzelung und Marginalisierung als ungebetene Einwanderer, die so gar nicht in das Bild des damaligen Griechenland passten. Ein großer Teil dieser Flüchtlinge siedelte sich in Volos, Piräus, Thessaloniki und Athen an. Viele der Neuankömmlinge aus Kleinasien rauchten, wie in ihrer alten Heimat, Haschisch aus der Nargile, der Wasserpfeife.

Andere trugen öffentlich Waffen, mieden bürgerliche Kleidung und geregelte Arbeit, lebten von Drogenhandel und Gaunereien. Diese Griechen hörten bzw. spielten und sangen eine orientalisch-raue städtische Musik, die man so bis dahin auf der griechischen Halbinsel noch nicht vernommen hatte. Binnen kurzer Zeit entstand eine urbane Subkultur, deren Musik in das Herz der multi-ethnischen griechischen Kultur stoßen sollte.

Comeback nach 20 Jahren

Der Sänger Michalis Jenitsaris wurde 1917 in der Hafenstadt Piräus, unweit von Athen, geboren und seine Lieder erzählen Geschichten vom Leben am Rande der Gesellschaft. Sie erklangen lange nur für ein paar Eingeweihte in den "Tekedes" genannten Lokalen. Jenitsaris, der selbst mehrere Male im Gefängnis saß und auf die Kykladen-Insel Ios verbannt wurde, verschwand 1953 von der öffentlichen Bühne und betrieb mehr als 20 Jahre zusammen mit seinem Bruder einen Stand auf dem Gemüsemarkt in Athen.

Michalis Jenitsaris - Platten-Cover Saltadoros
Bildrechte: Trikont

Mitte der 1970er-Jahre wurde er von Ilias Petropoulos überredet, wieder mit Musik anzufangen. In Deutschland tourte Michalis Jenitsaris ab 1990, begleitet von der Band Prosechos aus Frankfurt/Main und der Sängerin Maria Nalbandi. In Rudolstadt beim TFF 1994 gab er mit Prosechos im Landestheater ein unvergessenes Konzert. Gestorben ist der Sänger 2005. Seine schönsten Lieder kamen auf der CD "Saltadores" heraus, das Live-Album stammt aus dem Jahr 1991. Man hört da viele Lieder, die auch beim TFF Rudolstadt in das wenig polierte und an Brüchen reichen Griechenland der Rembetes-Musiker entführten. Ihre Musik ist aktueller denn je.

Laufzeit im Webchannel Michalis Jenitsaris & Prosechos – 56'46

CD-Tipp Saltadores (TRIKONT US-0168, im Jewel case)

Folk und Welt - die Sendung vom 19.04.2017

Manfred Wagenbreth mit Hits und Reminiszenzen

Die Folkband Liederjan aus Hamburg: Jörg Ermisch, Wolfgang Rieck und Anselm Noffke
Liederjan, hier in der deutsch-deutschen Besetzung von 1992-2001: Jörg Ermisch, Wolfgang Rieck und Anselm Noffke Bildrechte: dpa

Mit dabei sind diesmal die Brothers Four aus den USA, die in diesem Jahr ihr 60. Bandjubiläum feiern und somit wohl zu den dienstältesten Folk-Ensembles überhaupt gehören dürften. Zu hören auch die südafrikanische Sängerin und Schauspielerin Tu Nokwe mit ihrer Fassung des Bergarbeiterliedes "Shosholoza", das als inoffizielle Hymne ihres Heimatlandes gilt; ebenso die chilenische Formation Illapu und das Hamburger Trio Liederjan, das besonders in den 70er/80er-Jahren zu den führenden (west)deutschen Folk-Formationen gehörte.

Laufzeit im Webchannel Folk und Welt – 61'27

Zuletzt aktualisiert: 21. April 2017, 13:58 Uhr