Ei Kind lehnt das Essen, das ihm angeboten wird, ab.
Ein Kind, das nicht alles essen will Bildrechte: Colourbox.de

Kein Käse? Wie gesund ist es, Kinder vegan zu ernähren?

Befragungen zufolge leben rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland vegan. Das heißt, sie essen weder Fleisch, noch Eier, Honig, Joghurt oder Käse. Kurz gesagt: Sie verzichten auf alle Produkte tierischen Ursprungs. Was früher als Mangelernährung und Spinnerei belächelt wurde, gilt heute als hip und nachhaltig. Veganern liegen Tiere am Herzen, aber auch Umwelt- und Klimaschutz. Nicht zuletzt geht es ihnen um die eigene Gesundheit. Doch wie gesund ist es, vegan aufzuwachsen?

von Julia Schäfer, MDR KULTUR

Ei Kind lehnt das Essen, das ihm angeboten wird, ab.
Ein Kind, das nicht alles essen will Bildrechte: Colourbox.de

Sarah ist Mutter von zwei Kindern und lebt seit acht Jahren vegan. "Das eine Kind wird noch gestillt", sagt sie, "da weiß ich, wenn ich mich gut ernähre, kriegt sie auch gut die Nährstoffe". Sie lässt auch ihr Blut überprüfen, so dass sie weiß, dass alle Werte im guten Bereich liegen.

Sarah begann, sich vegan zu ernähren, als sie anfing, Tiermedizin zu studieren: "Als ich die ganzen Infos über die Umstände, unter denen die Tiere leben, kennengelernt hab", erklärt sie. Seitdem rührt sie weder Fleisch, noch Eier oder Milch an. Ihre Kinder vegan zu ernähren, hat sie sich gut überlegt und erklärt ihnen altersentsprechend die Gründe.

Milch für das Kind der Kuh

Eine Kuh auf einer Wiese.
Die Kuh ist für Veganer tabu Bildrechte: colourbox

"Am besten ist immer das Beispiel mit der Milch, ne?", fragt sie ihren Sohn Dorian. "Da hast du so am besten verstanden, warum wir keine Milch trinken." Dorian antwortet: "Die Milch braucht ja das Kind von der Kuh." Sarah verbiete ihm aber nicht, auch Tierprodukte zu essen, sagt sie.

Ich lasse ihm schon die Entscheidung, aber er entscheidet sich dafür vegan zu sein – in jeder Situation.

Sarah

Selbstgekochtes Essen mitgeben

Pflanzliche Alternativen zu Milch- und Fleischprodukten zu finden, ist heute kinderleicht. Nicht nur im Bioladen, sondern auch im Supermarkt und Discounter. Aufgrund steigender Nachfrage gibt es inzwischen auch in vielen Kindergärten und Schulen vegane oder zumindest vegetarische Speisen, besonders in Großstädten wie Leipzig oder Berlin. Seitdem sie aufs Land gezogen ist, muss Sarah ihm selbstgekochtes Essen mitgeben. Den anderen Kindern gegenüber tritt ihr fünfjähriger Sohn selbstbewusst auf:  "Ich sag dann auch manchmal, man muss nicht immer nur Fleisch essen, man kann auch vegane Sachen essen", erklärt er.

Käse aus Nüssen auf der Pizza

Verschiedene Sorten Obst liegen auf einem Teller.
Täglich mehrmals Obst Bildrechte: colourbox.com

Sein Lieblingsessen ist Pizza. Doch auf seiner Pizza landet natürlich kein Käse von der Kuh, sondern aus Nüssen. Ein großer Esser sei Dorian aber nicht, wendet seine Mutter ein: "Deswegen achte ich schon darauf, dass er gute Proteinquellen hat, wenn er was isst, also jeden Tag Hülsenfrüchte und jeden Tag mehrmals frisches Obst und Gemüse. Und dass ich, wenn er sagt, ich will was essen, gucke, das alles dabei ist, was er braucht."

Kalzium, Eisen, Proteine und Vitamine – Heranwachsende haben einen besonderen Bedarf an bestimmten Nährstoffen. Sarah hat viel darüber gelesen und weiß, welche Pflanzen für was gut sind. Ein Experte auf dem Gebiet alternativer Ernährungsweisen ist Dr. Markus Keller von der Fachhochschule des Mittelstands. Für die ersten Lebensmonate rät er, die ersten vier bis maximal sechs Monate vollzustillen:

Stillen ist unumgänglich bei veganer Ernährung. Ab dem 5. Monat je nach Bedarf des Kindes schon Beikost einführen!

Dr. Markus Keller

Ärzte mit Vorurteilen

Viele Rezepte und nützliche Tipps finden sich in seinem Buch "Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost". Darüber hinaus bietet der Ernährungswissenschaftler Fortbildungen an, die sich auch an Ärzte richten: "Leider haben viele auch Vorurteile und haben sich auch nicht ausreichend informiert, wie tatsächlich die Sachlage ist."

Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung betont dagegen: "Das Risiko für eine Nährstoffunterversorgung beziehungsweise auch für einen Nährstoffmangel ist in sensiblen Lebensphasen wie Schwangerschaft, Stillzeit, Säuglinge, Kinder, Jugendliche sehr hoch. Deshalb empfehlen wir da die vegane Ernährung nicht." Gahl plädiert für eine ausgewogene Mischkost, inklusive Fleisch, Eier und Milch.

Es gibt kaum Studien

Ein Arzt hört einer schwangeren Frau den Bauch mit einem Stethoskop ab.
Es gibt kaum Studien mit Schwangeren Bildrechte: Colourbox.de

"Die Frage wie gesund oder nicht gesund ist vegane Ernährung für Kinder kann nicht pauschal beantwortet werden", entgegnet Dr. Markus Keller. "Wenn die Eltern gut informiert werden, sich beraten lassen, über die kritischen Nährstoffe Bescheid wissen, und hierzu zählt vor allem das Vitamin B 12, dann kann ich eine vegane Ernährung wunderbar durchführen", sagt der Ernährungswissenschaftler, gibt aber auch zu: "Auch hier gilt dasselbe wie bei den Schwangeren und bei den Stillenden: Wir haben fast keine Studien mit veganen Kindern. Wir haben ein paar Studien mit vegetarischen Kindern, aber auch die sind alt."

Übergewicht geht zurück

Diese Forschungslücke will der Wissenschaftler nun schließen, unterstützt vom Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft. Zum einen untersucht er Ein- bis Dreijährige, zum anderen Sechs- bis 18-Jährige. Wie unterscheiden sich Veganer, Vegetarier und Mischköstler? Wie gut sind sie mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt? Die Ergebnisse werden 2020 im Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung veröffentlicht. "Wir sehen da auch eine große Chance", sagt Keller, "denn tatsächlich ist das Problem Übergewicht bei Kindern ein wachsendes".

Studien mit Erwachsenen hätten bereits gezeigt, dass bei veganer Ernährung das Risiko für bestimmte Krankheiten zurückgehe, wie etwa Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und Übergewicht. Na dann, Mahlzeit!

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial: Von Naschkatzen und Appetitverderbern – Kinder &
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MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 19. Oktober 2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2017, 12:44 Uhr