Michael Wildt: "Volk, Volksgemeinschaft, AfD" Wer ist eigentlich das Volk?

Der Begriff "Volk" wurde in der Geschichte immer wieder mit neuen Bedeutungen belegt. In der griechischen Antike zählten nur die waffenfähigen Männer dazu. Immanuel Kant grenzte damit Staatsbürger vom Pöbel ab. 1989 kulminierte der Protest der DDR-Bürger in dem Satz "Wir sind das Volk", heute ist er auf Demos der neuen Rechten zu hören. Wer also ist das Volk? Der Historiker Michael Wildt geht in seinem neuen Buch dieser Frage nach. Das MDR KULTUR-Magazin "artour" traf ihn zum Interview.

von MDR KULTUR "artour"-Autor Andreas Lueg

Der Begriff "Wir sind das Volk" ist im Oktober 1989 in Leipzig ein Slogan gewesen, der sich gegen die Regierung richtete, die von sich behauptete, eine Volksregierung zu sein, der sich gegen Polizisten richtete, die Volkspolizisten sein wollten. In der Opposition stand die Aussage für das selbstbewusste Bekenntnis: "Wir sind das Volk - wir, die wir hier auf der Straße sind!"

Seit einiger Zeit behaupten auch Teilnehmer von Pegida-Demonstrationen "Wir sind das Volk". Derselbe Schlachtruf - dasselbe Volk? Der Berliner Historiker Michael Wildt hat untersucht, was "Volk" zu verschiedenen Zeiten bedeutet hat. Er sagt, der Begriff habe in der Geschichte auch immer mit Ausgrenzung und Eingliederung zu tun gehabt.

Wir sind das Volk - Schriftzug auf einem Plakat anlässlich einer Demonstration gegen die Arbeitsmarktreform Hartz IV. in Jena. (2004)
Wir sind das Volk - Schriftzug auf einem Plakat anlässlich einer Demonstration gegen die Arbeitsmarktreform Hartz IV in Jena 2004. Bildrechte: IMAGO

Das Volk als einheitliche Größe, als homogenes Ganzes hat es nie gegeben. Der Begriff vom Volk wandelte sich laufend, mit den politischen Regimen und dem jeweils herrschenden Zeitgeist.

Michael Wildt, Historiker

Das Volk als Begriff der Ausgrenzung

Bei den alten Griechen, die als die Urväter der Demokratie gelten, gehörten nur waffenfähige Männer zum Volk - keine Frauen und auch keine "Fremden". Ähnlich war es in der Amerikanischen Revolution 1776 – vom selbsternannten Volk waren Frauen, Schwarze und Indigene ausgeschlossen.

Selbst der aufgeklärte Philosoph Immanuel Kant in Königsberg unterschied Staatsbürger und Plebs, den Pöbel, den er nicht zum Volk zählte. Immerhin, Kant und andere formulierten ein Ideal: Das Volk als Gemeinschaft freier Menschen. "Auf diese Tradition berufen wir uns heute gern, wenn wir Demokratie meinen", so der Historiker Wildt. Aber Volk könne auch anders definiert werden.

"Ein Volk, ein Reich, ein Führer", unter den Nationalsozialisten bestieg eine "rassisch reine Volksgemeinschaft" die heroisch illuminierte Bühne: Die Ideologie vom gemeinsamen Blut als Basis der Volksgemeinschaft, die andere als minderwertig ausschloss und als Volksschädlinge ausgrenzte, führte zu millionenfachem Töten.

Adolf Hitler wird im Mai 1933 von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt
Adolf Hitler wird im Mai 1933 von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt. Bildrechte: IMAGO

Was bedeutet Volk heute?

Heute macht sich eine neue politische Rechte zunutze, dass Menschen - und Wähler - auf den Volks-Gedanken ansprechen. Denn "Volk" verspricht Wärme in Zeiten von Krisen und sozialer Kälte: 

In Deutschland wird Volk und völkisch beides schon mit einer negativen Konnotation benutzt von vielen, und das halte ich für falsch.

Frauke Petry, AfD in der Sendung "Die Story", 2016, DAS ERSTE

Der Historiker Michael Wildt widerspricht der AfD-Politikerin:

Nach 1945 sind die Begriffe 'Volk' und 'völkisch' nicht mehr unschuldig. Der Nationalsozialismus hat sie in einem vorher nicht gekannten Mordgeschehen benutzt, und man kann nicht nach 1945, nach dem  Nationalsozialismus glauben, man könne wieder an Zeiten im 19. Jahrhundert, als es um Kulturbestimmung, das deutsche Liedgut geht, wieder anknüpfen.

Michael Wildt, Historiker

Wildt findet, dass "Volk" als Begriff überholt ist, weil dieser Begriff der vernetzten Lebenswelt unserer Gegenwart nicht mehr angemessen sei.

Durch die Beschäftigung mit dem Begriff und der Praxis des Volkes bin ich darauf gekommen, dass es der heutigen Zeit nicht mehr entspricht. Wir leben in einer globalisierten Welt, die mit dieser Art Zurückziehen auf das vermeintlich Nationale, ob America First oder Austria First oder Germany First - das ist keine Lösung für die Probleme, aber auch die Chancen, die Herausforderungen, die wir haben.

Michael Wildt, Historiker

Geflüchtete, die fremden neuen Mitbürger – wenn sie es denn werden - könnten allenfalls die bedrohen, die sich ihrer selbst nicht sicher sind. Die Deutschen aber, findet Michael Wildt, hätten guten Grund für mehr Selbstbewusstsein.

Wir erleben in unserem Alltag, wie gern wir Anregungen von außen aufnehmen. Die Deutschen sind nach wie vor das Volk, das am meisten reist in der Welt, das andere Kulturen offensichtlich kennenlernen will und Anregungen mitnimmt. Und wir sind selbst so ängstlich, was angeblich unsere eigene kulturelle Identität betrifft.

Michael Wildt, Historiker

Michael Wildts schmales Buch ist ein lesenswerter Zwischenruf in der immer kopfloseren Debatte darüber, wer wir in Deutschland sind, woher wir kommen, wohin wir gehen – und wer mit darf auf diesem Weg.

Über den Autor

Der Historiker Michael Wildt wurde 1954 geboren. Seit 2009 ist er Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität Berlin. Zuletzt veröffentlichte er "Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung" (2007) und "Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes" (2002).

Michael Wildt
Der Historiker Michael Wildt in Berlin. Bildrechte: dpa

Informationen zum Buch "Volk, Volksgemeinschaft, AfD": erschienen bei Hamburger Edition im März 2017
160 Seiten
ISBN 978-3-86854-309-4
gebundene Ausgabe 12 Euro
E-Book 8 Euro

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Fernsehen: artour | 20.04.2017 | 22:05 Uhr

ein installierter Schriftzug: Wir sind ein Volk.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Michael Wildt: "Volk, Volksgemeinschaft und AfD" Wer ist das Volk?

Wer ist das Volk? (artour)

Wir sind das Volk! So lautete die Losung der friedlichen Revolution, damals in Leipzig und anderswo. Und so tönte der Schlachtruf bei Pegida. Wer aber eigentlich ist dieses Volk?

artour Do 20.04.2017 22:05Uhr 05:30 min

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Zuletzt aktualisiert: 21. April 2017, 09:39 Uhr

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