Nik Xhelilaj als Winnetou in der
Nik Xhelilaj als Winnetou in der "Winnetou" Neuverfilmung von Philipp Stölzl 2016 Bildrechte: RTL/Jens Koch

Neue "Winnetou"-Verfilmung - Interview mit Regisseur Philipp Stölzl "Wir überschreiben die alten Filme"

Nach 50 Jahren kommt ein neuer Winnetou auf die Bildschirme, und der soll die Filmlegende - verkörpert von Pierre Brice - vor dem Dreh noch gar nicht gekannt haben. Das kam Regisseur Philipp Stölzl ganz recht. MDR KULTUR hat ihn zum Interview getroffen und zu seinem Filmprojekt befragt.

Nik Xhelilaj als Winnetou in der
Nik Xhelilaj als Winnetou in der "Winnetou" Neuverfilmung von Philipp Stölzl 2016 Bildrechte: RTL/Jens Koch

Frage: Weihnachten als großes TV-Ereignis für die ganze Familie - das ist nicht neu. Auch Sie wollen mit ihren neuen "Winnetou"-Filmen an diesen Lagerfeuer-Effekt anknüpfen. Ist darum ein "Tatort"-Kommissar derjenige, der Old Shatterhand spielen darf? Denn der "Tatort" ist ja das andere große Lagerfeuer-TV übers ganze Jahr?

Philipp Stölzl: Wotan Wilke Möhring haben wir besetzt, weil er ein toller Schauspieler ist und uns passend für die Rolle schien. Er hat ein tolles historisches Gesicht, ist ein richtiger Mann, dem man auch zutraut, dass er ein Westernheld ist, dass er auf dem Pferd sitzt, dass er jemanden mit der Faust niederstreckt. Es geht um Überzeugungskraft. Mit Old Shatterhand werden wir ja in eine Welt gespült, die uns erstmal fremd ist – die Welt des Eisenbahnbaus und der Indianer. Da trifft er auf Menschen, die wir nicht kennen: Winnetou haben wir deshalb mit dem Albaner Nik Xhelilaj besetzt. Sein Gesichter ist dem Fernsehzuschauer hierzulande komplett unbekannt. Und ich mochte auch, dass wir mit jemandem in diese fremde Welt hinein reisen, der uns sehr vertraut ist – als "Tatort"-Kommissar eben. Und so haben wir Wotan gefragt und es hat sich herausgestellt, dass das sogar seine Traumrolle ist – er wollte immer schon Old Shatterhand spielen.

Wotan Wilke Möhring als Shatterhand
Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand Bildrechte: RTL/Jens Koch

Es geht die Mär, dass Nik Xhelilaj vor dem Dreh noch nie von Winnetou gehört hätte. Das passt finde ich. Denn ich hatte mich schon gefragt, wie das überhaupt funktionieren kann? Wer hat den Mut, in die überlebensgroßen Fußstapfen von Pierre Brice zu treten? Hat dieses Nichtwissen von Nik Xhelilaj da geholfen?

Lustigerweise spiegelt das auch den Werdegang von Pierre Brice: Er war ja ein französischer Fremden-Legionär und Horst Wendland, der Produzent der alten Filme, hat ihn während der Berlinale auf einer Party gesehen und ihn angesprochen und gesagt: Ich hätte da eine Rolle für Sie. Und im ersten Film, in dem Brice vorkommt, in "Der Schatz im Silbersee", ist Pierre Brice auch nur als Nebendarsteller benannt. Der hatte auch keine Ahnung von der Figur, weil Karl May ein rein deutschsprachiges Phänomen ist. Wir denken immer: Das spielt im Wilden Westen, das spielt im Orient - also müsste das weltbekannt sein. Aber tatsächlich kennt das außerhalb Deutschlands niemand. Und wenn du einen Amerikaner fragst, antworten sie immer: "Winne-Who?" So kannte auch Nik Xhelilaj Winnetou noch nicht und das tut auch ganz gut, wenn man nicht das Gefühl hat, man ist erdrückt von einer Legende wie Pierre Brice. So kann man sich der Rolle ganz frisch nähern.

Es tut gut, wenn man Winnetou noch nicht kennt - dann hat man nicht das Gefühl, man ist erdrückt von einer Legende wie Pierre Brice. So kann man sich der Rolle ganz frisch nähern.

Philipp Stölzl, Regisseur

Andererseits sind sie aber auch den alten Filmen und ihren Mustern treu geblieben. Sie hätten Winnetou auch mit einem indigenen Schauspieler besetzen können. Stattdessen ein Albaner.

Wir hatten zunächst auch eine ganze Menge indigene Schauspieler gecastet. Aber es fühlte sich irgendwie falsch an. Es fühlte sich an, dass dieses Große, etwas Märchenhafte dieser Winnetou-Figur nicht wirklich gut mit einer indigenen Gestalt gefüllt ist. Außerdem ist es ja auch so: Wenn man zurückgeht zu den Romanen und sich anschaut, was May da eigentlich über Winnetou schreibt, dann beschreibt May ihn als sehr anmutigen Menschen mit römischen Gesichtszügen, mit diesen langen Harren, dem stolzen Blick, der aber gleichzeitig etwas ganz Christlich-Friedliches hat. Der Winnetou bei May also auch kein wirklicher Indianer, sondern eine total romantisierte Idee vom Indianersein.

Gibt es in den alten Filmen Indianerklischees mit denen sie jetzt bei der Neuverfilmung brechen wollten?

Die alten Filme sind für mich sehr theatralisch: Die Art, wie das gefilmt ist, und wie die Kostüme sind, das stimmt hinten und vorne gar nicht. Als Zuschauer hast du immer das Gefühl, das sind verkleidete Kroaten, die dann in Kostümen ihre Kampftänze aufführen. Dieses Theaterhafte hat auch immer eine unfreiwillige Komik, wenn man das mit heutigen Augen anguckt. Nicht umsonst ist die erfolgreichste Neuinterpretation bis dato "Der Schuh des Manitu", der genau diesen Aspekt betont und eine total grelle Parodie ist. Die alten Filme reizen zur Parodie, das ist einfach so. Deswegen haben wir uns in der Neuverfilmung wahnsinnig angestrengt, diese Indianerwelt glaubhaft zu erzählen. Vor allem auch aus einem Grund: Wenn du diese Welt nicht glaubhaft erzählst, dann bedeuten dir auch die Konflikte, die in dieser Welt verhandelt werden, nichts.

Dann müssten Ihre Filme ein ganzes Stück dreckiger sein als die Original-Filme.

Ja, unbedingt. Man muss das ganze dreckiger und damit realer darstellen.

Trotzdem drehen Sie die Neuverfilmung nicht in Amerika, am authentischen Ort, sondern im ehemaligen Jugoslawien, im Süden Kroatiens - genau dort also, wo die alten Filme gedreht worden sind. Als ob Sie diese alte Spur überschreiben wollen. Warum? Das ist doch ein Widerspruch?

Sie sagen: Überschreibung. Das gefällt mir! Wir überschreiben diese alten Filme. Wir tun das, indem sich unser Plot weder an den May'schen Romanen noch an den alten Filmen orientiert. Beide sind einfach nicht brauchbar für eine moderne Film-Dramaturgie. Aber trotzdem triffst du alles wieder, was du aus den alten Filmen kennst: Es gibt die Pferde Winnetous und Old Shatterhands, die Silberbüchse, es gibt dieselben Figuren. Sam Hawkens und Nscho-tschi. Ich glaube nämlich, dass es toll ist, wenn du die Leute bei den Dingen abholst, die sie schon kennen. Die Freude des Wiedersehens ist dann da. Und dann erzählst du über diese Figuren lauter neue Dinge, die man noch nicht weiß. Und du gibst ihnen so eine neue Dimension, eine Tiefe als Figur. Die alten Filme sind ja eher flach gebrettert, das heißt, die Figuren sind wie sie sind und erleben Abenteuer. Es gibt keine Entwicklung der Charaktere, keine Figuren-Bögen. Shatterhand zum Beispiel, der taucht in "Winnetou I" plötzlich auf und ist eigentlich schon von Anfang an ein Western-Held, dann trifft er Winnetou, und der hat von Anfang an dieses Himmelwärts-Gewandte. Es gibt zwölf Filme den beiden und in denen verändern sie sich nicht, weil sie wie Comic-Figuren funktionieren. Bei uns bekommen alle Figuren einen Bogen und damit eine Seele, eine Hintergrundgeschichte. Da ist ein großer Mehrwert dieser Überschreibung.

Bildergalerie Winnetou-Drehorte in Kroatien

Dank seiner idealen Naturkulisse war Kroatien in den 1960/70er-Jahren beliebter Drehort für historische Abenteuer- und Indianerfilme - auch für die beliebten Karl-May-Verfilmungen mit Pierre Brice.

Winnetou-Drehorte in Kroatien
Das ist die Schatzhöhle aus "Der Schatz im Silbersee". Der Silbersee heißt eigentlich Kaluderovac. Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
Winnetou-Drehorte in Kroatien
Das ist die Schatzhöhle aus "Der Schatz im Silbersee". Der Silbersee heißt eigentlich Kaluderovac. Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
Winnetou-Drehorte in Kroatien
Dieser Wasserfall im Nationalpark Plitvicer Seen war Kulisse in "Winnetou, Teil 2". Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
Winnetou-Drehorte in Kroatien
Und dieser Wasserfall "am Bärenfluss" ebenfalls im Nationalpark Plitvicer Seen war in "Winnetou, Teil 3" zu sehen. Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
Winnetou-Drehorte in Kroatien
Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
Winnetou-Drehorte in Kroatien
Das ist der Canyon, an dem die Tramps auf dem Weg zum Silbersee vorbei kommen: der Zrmanja-Canyon. Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
Winnetou-Drehorte in Kroatien
Der Drehort der Drehorte: die Gegend um den "Nugget Tsil", im Film "Tulove Grede". Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
Winnetou-Drehorte in Kroatien
Winnetous Grabwiese: Hier lagen die Gräber Intschu-tschunas und Nscho-tschis (Winnetou, Teil 3). Bildrechte: MDR/Efthymia Mourgela
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Und das ist auch der Grund, weshalb Sie nicht in Amerika gedreht haben?

Wenn Kroatien genauso aussieht wie Idaho, warum soll ich dann nach Amerika? – Das ist absolut die gleiche Landschaft. Du kannst in Kroatien drehen, ohne dass du über den Atlantik fliegen und diese unfassbar teuren Drehgenehmigungen in Amerika bezahlen musst. Das hätten wir uns gar nicht leisten können. Und dann ist es vor allem natürlich diese Überschreibung der alten Filme. – Wir haben beim Drehen allerdings diese ganz berühmten Locations ausgespart, denn wir wollten verhindern, dass man als Zuschauer sagt: Jetzt nimmt der Stölzl also neue Schauspieler und steckst sie in die alten Kostüme vor den alten Kulissen. Diese berühmten Orte, die tauchen zwar alle mal kurz im Hintergrund mit auf – in einem Schwenk, wie nebenbei. Sie sind aber nicht die Hauptdrehorte. Das war uns zu kindisch.

Und dann passiert etwas Entscheidendes: In Ihrer "Winnetou"-Neuverfilmung lassen Sie Winnetous Schwester Nscho-tschi nicht sterben! Sie nimmt stattdessen eine tragende Rolle ein. In Ihrem Film bekommt Shatterhand damit die Möglichkeit zu zeigen, dass er sie liebt. Das ist interessant. Denn durch einen frühen Tod Nscho-tschis könnte man auch an eine homosexuelle Liebe Old Shatterhands zu Winnetou glauben. In Ihrer Neuverfilmung ist das jetzt quasi ausgeschlossen?

Ich halte diese War-Old-Shatterhand-eigentlich-schwul?-These für ziemlichen Unsinn, die seit den 60er Jahren durch die Literaturwissenschaft geistert. In der Literatur ist das ganze 19. Jahrhundert voll von diesen Männerfreundschaften. Und es ist auch ein Jahrhundert, in dem die Frauen nicht so eine riesen Rolle gespielt haben, bis auf Dumas "Kameliendame" und ein paar Mätressen, viele Hausfrauen und viel Unterdrücktes. Ich behaupte, diese schwärmerische, romantische Liebe zum andern Mann hat bei May nichts Körperliches. Das ist immer so ein Fehlschluss. Dass die beiden Blutsbrüder sagen: "Ich liebe dich" und damit auch meinen, miteinander Sex zu haben, das ist ein bisschen kurz gedacht. Ich kann bei May wirklich überhaupt nichts Homosexuelles entdecken.

Die Blutsbrüder Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) jagen eine Verbrecherbande.
Die Blutsbrüder Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) Bildrechte: WDR/Degeto

Wie würden sie die Beziehung der Blutsbrüder zueinander stattdessen definieren?

Wenn ich die alten 60er-Jahre-Filme angucke, in denen es eben keine Frauenfigur gibt, dann fällt mir so ein komischen Männerunterton auf. Schnell wird klar: Okay, Old Shatterhand ist hier der Mann-Mann, gespielt von Lex Barker mit diesem markanten Kinn. Und Pierre Brice, der etwas ganz Weiches hat, ist hier die Frau. Und dann verhalten sie sich auch wie zwei Landser. Sie erleben ihre ganzen Abenteuer gemeinsam, aber sie lachen nie miteinander. Sie reden nie ein privates Wort. Der Zuschauer weiß nicht: Wollen die Kinder haben? Wie steht's mit der Liebe? – Das ist in den alten Filmen alles ungeklärt. Und alle Frauen, die infrage kämen, die werden sofort entsorgt.

Gibt es dann einen anderen Grund, warum Sie Nscho-tschi in Ihrer Neuverfilmung so lange leben lassen?

Ich hatte bei unserer Überschreibung das Gefühl, man muss die Geschichte in die Neuzeit denken. Und da sind wir, Gott sei Dank, in einer Zeit, in der Mann und Frau auf Augenhöhe miteinander leben oder zumindest leben sollten. Und die Geschichte ist inzwischen ja auch voll mit starken Frauenfiguren. Und ich wollte die Filme bewusst heterosexueller erzählen als die alten Filme.

Nscho-tschi wird in der alten Verfilmung ziemlich schnell erschossen, und das aus einem dramaturgischen Grund: Das ist der Umstand der tragischen Liebe. Old Shatterhand kann in den Folgefilmen seiner Liebe nachtrauern. Das gibt ihm scheinbare Größe. Gleichzeitig hat er keine Frau am Bein, die ständig was von ihm will oder sagt "Komm jetzt mal nach Hause!". In der Neuverfilmung wollten wir das anders machen. Wir fanden es spannend, neben Old Shatterhand und Winnetou noch eine dritte Person zu haben. Denn damit haben wir auch ein Thema, das heute wichtig ist: Das ist die Vermischung der Völker in einer globalen Welt. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass Old Shatterhand und Nscho-tschi ein Mischlingskind miteinander zeugen. Wir wollten, dass unsere Geschichte auch das Themen der Völkerbegegnung enthält. Wie ist das, wenn die Kulturen interagieren? Welche Utopie haben wir vom Zusammenleben verschiedener Leute? Und ganz banal wollten wir das auch als Mann-Frau-Geschichte zu Ende erzählen.

Das Gespräch führte Ellen Schweda und wurde am 24.12.2016 bei MDR KULTUR im Radio gesendet.

Pierre Brice als Indianer-Häuptling Intschu-Tschuna
In den alten Winnetou-Filmen nur in Nebenrollen zu sehen, wurde Gojko Mitic im neuen Film zum Indianer-Häuptling Intschu-Tschuna ernannt. Bildrechte: RTL/Jens Koch

Zuletzt aktualisiert: 25. Dezember 2016, 00:00 Uhr

Programmtipp

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Tipp "Winnetou" im Fernsehen

"Winnetou" im Fernsehen

Die drei neuen "Winnetou"-Filme von Philipp Stölzl laufen am 25., 27., und 29. Dezember jeweils um 20:15 Uhr bei RTL.

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