Der Journalist, Blogger und Buchautor Sascha Lobo, aufgenommen am 20.03.2017 bei der IT-Messe CeBIT in Hannover (Niedersachsen).
Der Journalist, Blogger und Buchautor Sascha Lobo Bildrechte: dpa

Wo steht Deutschland digital? Sascha Lobo: "Facebook selbst hat Facebook noch nicht verstanden"

Sascha Lobo ist einer der bekanntesten Blogger und Internet-Erklärer Deutschlands. Was meint er, wo Deutschland derzeit digital steht? MDR KULTUR-Redakteurin Claudia Bleibaum hat Lobo interviewt und mit ihm auch über den Umgang mit sozialen Medien in der Zukunft gesprochen.

Der Journalist, Blogger und Buchautor Sascha Lobo, aufgenommen am 20.03.2017 bei der IT-Messe CeBIT in Hannover (Niedersachsen).
Der Journalist, Blogger und Buchautor Sascha Lobo Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Noch vor ein paar Jahren redete Angela Merkel von "Neuland“ und meinte das Internet. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung gibt es in Deutschland viele Bekundungen und noch mehr Vorbehalte. Fehlt es in Deutschland an Pioniergeist?

Sascha Lobo: Aus meiner Sicht fehlt es in Deutschland an einer vernünftigen digitalen Infrastruktur. Wenn man ein paar Meter außerhalb von Großstädten ist, ist das geradezu eine Katastrophe, wie sich die Internetgeschwindigkeiten verhalten. Da ist Deutschland auch messbar zurückgefallen in Europa, so dramatisch zurückgefallen in den letzten Jahren, dass es einen richtigen digitalen Stillstand gab, was die Infrastruktur angeht.

Heute ist Deutschland, was die Glasfaserverkabelung angeht, innerhalb der EU auf dem vorletzten Platz. Hinter uns ist nur noch Österreich. Und wenn Deutschland und Österreich ganz hinten sind, dann sind das zufälligerweise auch die beiden Länder, in denen in den letzten Jahren eine große Koalition regiert hat.

Ist das fehlender Weitblick von Politikern?

Aus meiner Sicht ist es sehr kontraproduktiv, dass der Staat immer noch große Anteile an der Telekom hält, aber trotzdem in so einer Halbdistanz verharrt. Also weder sich richtig entscheidet, dass die Infrastruktur eine Staatsaufgabe ist, was ich glaube, noch sich richtig entscheidet, bestimmte Märkte freizugeben beziehungsweise offensiv zu unterstützen. Die digitale Infrastruktur ist eine Folge von einer langen Tradition von Fehlentscheidungen und Nichtentscheidungen der Bundesregierung. Meine Ansicht ist, dass Deutschland eine Art digitalen Marshallplan bräuchte, ein massives Investitionsvorhaben, was sowohl von staatlicher als auch privater Seite Deutschland digital vorantreibt.

Die sozialen Medien haben die Diskussion in der Gesellschaft verändert. Oft wird über negative Seiten gesprochen, wie Hetze und Hass im Netz. Wie kann man die sozialen Medien für einen Diskurs im positiven Sinne nutzen?

Facebook
Facebook hat laut Sascha Lobo noch nicht verstanden, welche politische Macht es hat. Bildrechte: dpa

Man kann soziale Medien ziemlich gut steuern, wenn einem die Plattform gehört. Facebook kann sehr präzise steuern, was nach oben kommt und was nicht so sehr nach oben kommt. Das ist sogar ein wichtiger Teil ihres Geschäftsmodells. Dass sie zum Beispiel gekaufte Werbebotschaften sehr viel stärker betonen als andere Botschaften. Aber es ist wahr, dass sogar Facebook selbst noch nicht Facebook verstanden hat. Die Macht, die in diesem Netzwerk ruht, was in Deutschland ja fast 40 Millionen Menschen benutzen, diese politische Macht, die ist noch nicht verstanden worden.

Wir müssen also gesellschaftlich erst rausfinden, wie genau das funktioniert und dann versuchen, die Erkenntnisse ins Positive zu drehen. Und da erwarte ich von einer Politik, dass sie, ohne in die klassischen Fallen wie plumpe Zensur zu tappen, es trotzdem schafft, ein gewisses demokratisches Primat über die sozialen Netzwerke hinzubekommen.

Müssen wir die Macht der Monopole, der "Big Four" (Amazon, Google, Facebook, Apple) regulieren?

Wir haben noch nicht rausgefunden, wie wir Plattformen wie Facebook oder Google richtig regulieren können. Das ist eine wirtschaftliche Frage, die auch auf EU-Ebene noch ungeklärt ist. Die klassischen Vorschläge, wie Entflechtung, die scheinen mir alle aus dem 19. Jahrhundert von irgendwelchen Eisenbahndiskussionen übriggeblieben zu sein. Aber im 21. Jahrhundert, wie reguliert man so eine Plattform politisch, ohne zu zensieren, ohne bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen abzuwürgen und ohne die ökonomische Kraft dahinter zum Versiegen zu bringen? Das ist eine Frage, die dringend geklärt werden muss. Und anders als in allen anderen Bereichen, habe ich da leider keine Patentantwort.

Glauben Sie noch an die ursprüngliche Idee vom Internet als Ort der Freiheit und Gleichberechtigung?

Ich glaube sehr an die ursprüngliche Idee der Freiheit der Welt. Ich glaube selber, dass wir zwingend eine liberale Demokratie brauchen in Deutschland, in Europa, überall auf der Welt – eine freie und offene und sichere Gesellschaft. Und da kann das Internet richtig angewendet ein wunderbares Instrument sein. Aber das freieste Internet kann eben auch nur in einer freien Welt existieren. Und genau deshalb macht mir dieser reaktionäre Backlash, der im Moment überall auf der Welt zu spüren ist, in den liberalen Demokratien so große Sorgen. Denn wenn eine Gesellschaft unfrei ist, wenn sie autoritärer wird, dann nutzt auch das schönste Internet nur halb soviel.

Ein Mann hält seine Hand vor einen Verteilerpunkt, in dem zahlreiche Glasfaserkabel zusammenlaufen.
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Mal ist es Neuland, mal ist es Chefsache - der digitale Wandel bestimmt auch das politische Berlin mit guten Vorsätzen und vertanen Chancen. Unser Hauptstadtkorrespondent skizziert die aktuellen Rahmenbedngungen.

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Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio : MDR KULTUR-Spezial | 07.12.2017 | 18:05-19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2017, 20:09 Uhr

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