Fiktiver Nachfahre Hans Hermann von Kattes auf einem Feld in Zeithain
Fiktiver Nachfahre Hans Hermann von Kattes auf einem Feld in Zeithain. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Zeithain" von Michael Roes Als der Vater den besten Freund von Friedrich II. töten ließ

Die Hinrichtung des Jugendfreundes von Friedrich dem Großen, die sogenannte Katte-Tragödie, ist ein Wendepunkt der deutschen Geschichte, findet Autor Michael Roes und hat einen umfangreichen Roman darüber verfasst. Er erscheint am 8. August bei Schöffling & Co.

von Tim Evers, artour-Autor

Fiktiver Nachfahre Hans Hermann von Kattes auf einem Feld in Zeithain
Fiktiver Nachfahre Hans Hermann von Kattes auf einem Feld in Zeithain. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist eine der berühmtesten, aber bis heute auch rätselhaftesten Ereignisse der deutschen Geschichte: Die sogenannte Katte-Tragödie, die Hinrichtung des Jugendfreundes von Kronprinz Friedrich, dem späteren Friedrich der Große. Der Schriftsteller Michael Roes hat über Jahre alles gesichtet, was es zu diesem Fall gibt: Briefe, Berichte, Akten, Dokumente. Um am Ende aber doch kein historisches Sachbuch zu schreiben, sondern einen gewaltigen 800-seitigen Roman, der – ständig wechselnd zwischen Vergangenheit und Gegenwart – von einem erschütternden Schicksal mit enormer Tragweite erzählt.

Es muss kalt gewesen sein, ein Novembermorgen, als der preußische Leutnant Katte zum Schafott geführt wurde. Und man gleich nebenan, in seiner Zelle, seinen Freund Friedrich weckte, den Kronprinzen. Friedrichs eigener Vater, Soldatenkönig Friedrich Wilhelm, hat die grausamste Strafe verhängt, die sich ein Vater für seinen Sohn ausdenken kann: Er lässt den geliebten Freund hinrichten, und zwingt ihn selbst zuzusehen.

Michael Roes, Autor von
Michael Roes, Autor von "Zeithain" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Friedrich Wilhelm inszeniert die Hinrichtung Kattes wie ein Drehbuch, er schreibt alles exakt vor: Jeden Schritt, jeden Platz, wer wo zu stehen hat. Der Kronprinz wird gezwungen, zuzuschauen. Es ist ein bewusst inszenierter, traumatischer Akt.

Michael Roes, Autor

Die Katte-Tragödie als Wendepunkt der Geschichte

In seinem Roman schickt Michael Roes einen Nachfahren dieses Katte auf Spurensuche in die Geschichte, an die Orte von dessen Leben, wie ins sächsische Zeithain. Roes, aufgewachsen im Westfälischen, hat genau recherchiert, auch wenn er sein Buch eine Fantasie nennt. Er erzählt von Vätern und Söhnen, Erziehungsdrill und ungelebten Sehnsüchten. Davon, wie Disziplin und Strenge zu preußischen Idealen wurden:

Ich glaube, das verfolgt uns bis heute. Ich habe das erlebt, als ich den Wehrdienst verweigert habe, das war in meiner Familie ein Skandal, ein Verrat an unserer Geschichte und Kultur. Das spiegelt 1:1 das Verhältnis zwischen Friedrich Wilhelm und seinem Sohn wider. Friedrich Wilhelm hat seinem Sohn Friedrich das Versagen eines bestimmten Männlichkeitsideals vorgeworfen.

Michael Roes, Autor

In Michael Roes' Roman lernen wir Friedrich durch die Augen Kattes kennen: Einen Jungen, der Musik und Bücher liebt und sich seines grobschlächtigen Vaters schämt. Der Soldatenkönig tyrannisiert ihn – er wittert etwas, was er in sich selbst mit aller Härte verdrängt hat: Dass er Männer liebt.

Eine Liebe, die es nicht geben durfte: Zwischen Männern

Porträt von König Friedrich II. von Preußen (1712-1786). Er regierte in Preußen von 1740-1786
Ein späteres Porträt von Friedrich II. als König von Preußen, genannt Friedrich der Große (1712-1786). Er regierte in Preußen von 1740-1786. Bildrechte: dpa

Der junge Fritz liebt Katte, den acht Jahre älteren Leutnant der königlichen Leibgarde, der weit gereist und belesen ist. Für Roes ist das brutal bestrafte Schwulsein Friedrichs der Knackpunkt der preußischen Geschichte – gerade weil es immer ausgeblendet wurde.

In dem Film "Der alte und der junge König" von 1935 machen die Nazis aus diesem Trauma einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt: Fritz muss sich dem Willen des strengen, aber gerechten Königs unterwerfen, um zu Friedrich dem Großen zu werden. Weil man ohne Disziplin kein Volk führen kann.

Die Rolle von Zeithain in dieser Tragödie

Dabei gab es einen Moment, wo die Liebe zwischen Fritz und Katte öffentlich wurde: Im sächsischen Zeithain, das dem Roman Titel und Zentrum gibt. Hier richtet August der Starke 1730 eine riesige Militärparade, zu der er tausende Adlige aus ganz Europa einlädt. Augenzeugen berichten später, Katte und Friedrich hätten sich gezeigt wie ein Liebespaar. Der Soldatenkönig ist außer sich. Er misshandelt und beschimpft den Sohn als "effimierten Jungen", weibisch und weich – halb Europa schaut zu.

Was sich vorher im Privaten abgespielt hat, bekommt plötzlich ein europäisches Politikum. Der Konflikt zwischen Friedrich und Friedrich Wilhelm wird Teil des europäischen Klatsches. Friedrich verliert sein Gesicht, indem er öffentlich von seinem Vater gedemütigt wird.

Michael Roes, Autor

Der Fluchtversuch

Friedrich sieht in der Flucht vor seinem Vater den einzigen Ausweg – er will nach England. Und er bittet Katte um Hilfe. Der kann dem Kronprinzen nichts abschlagen, auch wenn er die Gefahr ahnt. Zu spät: Beide werden festgenommen und von einem Kriegsgericht zu lebenslanger Festungshaft verurteilt. Doch dem Soldatenkönig reicht das nicht: Er verhängt die Todesstrafe - und lässt sie nur an Katte vollstrecken.

Friedrich muss bei dieser Hinrichtung zuschauen, er steht selbst unter dem Druck, als Nächster hingerichtet zu werden. Er hasst seinen Vater, er hasst die preußische Uniform. Aber dieses Ereignis bewirkt, dass er sein Leben lang diese Uniform nicht mehr auszieht.

Michael Roes, Autor
Buch
"Zeithain", ein Roman von Michael Roes | erschienen bei Schöffling & Co. | 808 Seiten, gebunden | 28 Euro | ISBN: 978-3-89561-177-3 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus dem Feingeist, der weder Schießen noch Reiten mag, wird der kriegerische König Friedrich der Große, der härter sein will als sein Vater und unter dem Preußen zur Großmacht wird. Wie die Tragödie zum Aufstiegs-Mythos umgebogen wird, was uns mit der Vergangenheit verbindet: Davon handelt Michael Roes' beeindruckender Roman. Auch wenn wir sie nicht sehen, sagt er: Die Geschichte steckt in uns – und wir werden sie nicht los.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Fernsehen: artour | 03.08.2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2017, 15:29 Uhr

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