Lebensläufe | MDR FERNSEHEN | 22.11.2012 | 23:05 Uhr : Die weltberühmten Engel aus Grünhainichen
Ein Film von Sabine Barth
Der Film erzählt den Lebenslauf der kleinen Engel von ihrer Geburt 1914 bis ins 21. Jahrhundert. Die grünen Flügel mit den elf weißen Punkten sind heute das Markenzeichen der Engel, neben den typischen kindlichen Gesichtern. Eindrucksvolle Bilder lassen den mühevollen handwerklichen Prozess der Fertigung miterleben.
Am Fuße der Augustusburg, südöstlich von Chemnitz, liegt Grünhainichen, ein wichtiger Ort für die erzgebirgische Holz- und Spielwarenindustrie. Dort gründen Grete Wendt und ihre Studienkollegin Grete Kühn 1915 die gemeinsame Firma "Wendt & Kühn". Die beiden Frauen haben Anfang des 20. Jahrhunderts an der Kunstgewerbeakademie in Dresden studiert.
Die Anfänge von "Wendt & Kühn"
1913 nimmt Grete Wendt an einem Wettbewerb für Reiseandenken teil. Mit ihren Beerenkindern gewinnt sie den zweiten Platz und den dazugehörigen Auftrag. Wendts Entwürfe sind inspiriert vom einfachen Leben der Landbevölkerung. Die Arme und Beine der Figuren sind damals noch aus geraden Brettchen.
Ihren ersten Weihnachtsengel entwirft sie 1914 für ihren Bruder Johannes, Soldat im Ersten Weltkrieg, und seine Kameraden als Zeichen der Hoffnung. Die kindliche Figur hält die Lichtertüllen nun mit angewinkelten Armen - ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der erzgebirgischen Holzgestaltung.
Der internationale Durchbruch
Kurz nach dem Ersten Weltkrieg stehen die ersten persönlichen Veränderungen in der Firma an. Grete Kühn heiratet und verlässt das Unternehmen. Grete Wendts Bruder Johannes kehrt aus dem Krieg zurück und steigt als kaufmännischer Direktor in das Unternehmen ein. "Wendt & Kühn" wächst beständig.
Auf Empfehlung von Gretes Professorin aus Dresden kommt die Gestalterin Olly Sommer nach Grünhainichen. Sie wird wenig später die Ehefrau von Johannes Wendt. Olly und Grete arbeiten jetzt gemeinsam an den figürlichen Entwürfen. 1923 gibt es die ersten Engelmusikanten, die sich bald zu den bekanntesten Engeln von "Wendt & Kühn" entwickeln werden. 1937 gewinnt der Engelberg mit Madonna eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung - der internationale Durchbruch für "Wendt & Kühn".
Enteignung, Verstaatlichung und Reprivatisierung
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Betrieb zu 50 Prozent enteignet. Doch die Beliebtheit der "Wendt & Kühn"-Figuren ist ungebrochen und mithilfe ihrer Mitarbeiter kann Grete Wendt die verlorenen Anteile zurückkaufen. 1954 wird sie in der DDR als Kunstschaffende anerkannt. Allerdings hat die DDR-Regierung eigenen Pläne: Über 90 Prozent der Produktion gehen bald in den Export.
1954 steigt auch Hans Wendt, Gretes Neffe, in die Firma ein. 47 Jahre lang wird er das Unternehmen führen und den Entwürfen von Olly und Grete Wendt treu bleiben. Im Jahre 1972 wird der Betrieb verstaatlicht und in VEB Werk-Kunst umbenannt. Die Belegschaft wählt Hans Wendt zum Betriebsdirektor. Trotz steigender sozialistischer Planauflagen gelingt es ihm, den Qualitätsstandard zu halten. Er ist es auch, der den Betrieb 1990 wieder in die freie Marktwirtschaft führt. 1979 verstirbt Grete Wendt mit 92 Jahren. Die Reprivatisierung ihres Unternehmens erlebt sie leider nicht mehr mit.
2002 übernimmt Tobias Wendt in dritter Generation die Führung des Unternehmens, das mittlerweile 170 Mitarbeiter beschäftigt. Bei der Fertigung der Figuren-Grundkörper werden inzwischen auch Maschinen eingesetzt. Die restlichen 90 Prozent sind Handarbeit. Die besonders feinen Handgriffe werden hauptsächlich von Frauen durchgeführt, die über viel Geduld und hohe Fingerfertigkeit verfügen.
Die Figuren von "Wendt & Kühn" sind noch immer die gleichen, nur die Präsentation ist aufwendiger geworden. Auch der Markt hat sich erweitert, die Produkte werden bis in die USA exportiert.
Ab Januar 2011 übernehmen Tobias Wendts Geschwister Claudia Baer, geb. Wendt, und Dr. Florian Wendt die Führung des traditionellen Familienunternehmens.
