Lebensläufe

Lebensläufe | MDR FERNSEHEN | 09.01.2014 | 23:05 Uhr : Der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch

Silberpfeil und Friedenskämpfer

Manfred von Brauchitsch war in den 1930er-Jahren einer der tollkühnsten europäischen Rennfahrer. Als Rennpilot im Werksteam von Mercedes-Benz begründete er den Ruhm der legendären Silberpfeil-Piloten. Doch nach dem Krieg konnte er nicht an seine Erfolge anknüpfen. Von der SED umgarnt, siedelte er schließlich in die DDR über und wurde hier ein privilegierter Sportfunktionär.

Der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch

Als Manfred von Brauchitsch im Jahr 2003 mit 97 Jahren stirbt, geht ein Leben voller Widersprüche zu Ende. Immer hat er das Abenteuer geliebt und die Nähe zur Macht gesucht. Er hat drei Autobiografien geschrieben, von denen zwei bereits zu seinen Lebzeiten verfilmt werden. Doch 1953 sitzt von Brauchitsch mit 48 Jahren im Münchner Gefängnis Stadelheim. Der Verdacht: Hochverrat, Staatsgefährdung und Geheimbündelei. Was war passiert?

Jugend in Uniform

Von Brauchitsch entstammt einem kaisertreuen, schlesischen Adelsgeschlecht. Nach dem Ende des Kaiserreiches geht er als Freiwilliger zum Freikorps und meldet sich nach dessen Auflösung zur Reichswehr. Doch Gehorsam und Drill auf dem Kasernenhof vertragen sich nicht mit seiner Abenteuerlust und seinem Interesse für moderne Technik. Besonders schnelle Autos und Motorräder haben es ihm angetan.

1928 beendet von Brauchitsch seine militärische Laufbahn - nach einem Unfall mit seinem ersten eigenen Motorrad. Als er auf Erholungsurlaub bei Verwandten weilt und dort zum ersten Mal einen Mercedes-Benz SSK sieht, steht schnell fest: Er möchte Rennfahrer werden.

Ein wagemutiger Hasardeur

Von Brauchitsch beginnt mit Unterstützung seines Cousins mit dem Training. Erste Autorennen folgen. Seine Risikobereitschaft verschafft ihm bald Ansehen. Er besiegt 1932 den Weltklasse-Fahrer Rudolf Caracciola und spielt in einem Film der Ufa eine Hauptrolle als Rennpilot. Als Dank für seine erfolgreiche Lobbyarbeit - er hatte bei Adolf Hitler der Daimler-Benz AG eine Anschubfinanzierung für den Rennsport erwirkt - erhält von Brauchitsch einen Werkvertrag im Mercedes-Rennstall.

Lebensläufe -  Der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch
Manfred von Brauchitsch vor einem Mercedes-Benz Typ Stuttgart 260 Cabriolet C, um 1930.

1934 siegt von Brauchitsch erstmals für Mercedes auf dem Nürburgring. Streckenrekorde und weitere große Siege folgen, so 1937 und 1938 der Große Preis von Monaco oder 1938 der Große Preis von Frankreich. Von Brauchitsch gilt bald als Hasardeur am Lenker, der durch seine Waghalsigkeit auch so manchen Sieg verspielt. In ganz Europa kennt man von Brauchitsch, den Superstar. Er begründet damit den Ruhm einer neuen Rennwagen-Generation - die legendären Silberpfeil-Piloten. Die neuen Machthaber schmücken sich mit ihm und seinen Teamkollegen auf Partys und auf Fotos. Die Silberpfeil-Piloten, vor allem von Brauchitsch, vermitteln Kampfgeist, Siegeswillen und Todesmut. Genau das, was sich die NS-Propagandisten wünschen.

An der Heimatfront

Die erfolgreiche Zeit endet für von Brauchitsch abrupt mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939. Der Rennpilot setzt sich zunächst in die Schweiz zu seinem Freund Caracciola ab, kehrt aber auf Drängen der Mutter schon bald in die Heimat zurück. Hier wird er für kriegsuntauglich erklärt. Er kommt an die Heimatfront, arbeitet als Panzerfahrlehrer und wird von 1940 bis 1943 persönlicher Referent des Direktors in den Junkerswerken. 1944 kommt er als Referent ins Rüstungsministerium unter Albert Speer. Nach einem Nervenzusammenbruch erlebt von Brauchitsch das Kriegsende in einem bayerischen Sanatorium.

Staatsfeind Nummer Eins

Nach dem Krieg für kurze Zeit nach Argentinien ausgewandert, kehrt von Brauchitsch wieder zurück und wird 1948 Präsident eines neuen Autoclubs. Im Motorrennsport selbst kann er nicht an seine alten Erfolge anknüpfen. Er droht in Vergessenheit zu geraten. Doch bald wendet sich das Blatt. Von Brauchitsch erhält von Walter Ulbricht, damals Generalsekretär des ZK der SED, eine Einladung zu den 2. Wintersportmeisterschaften 1951 in Oberhof. Angetan von der hiesigen Atmosphäre und angelockt von einer hohen Geldsumme lässt sich von Brauchitsch von der SED für seine Anwesentheit bei den III. Weltfestspielen der Jugend 1951 in Ost-Berlin und für eine westdeutsche Tarnorganisation der SED kaufen. Bald ist von Brauchitsch Vorsitzender des "Westdeutschen Komitees für Einheit und Freiheit im Deutschen Sport".

Seit seinem Engagement für die Weltfestspiele ist Brauchitsch im Westen als Kommunist abgestempelt. Nachdem seine Autobiografie in einem Ost-Berliner Verlag erschienen ist, beginnt der Staatsschutz der BRD gegen ihn und das Sport-Komitee zu ermitteln. Schließlich wird von Brauchitsch im September 1953 wegen Hochverrat, Staatsgefährdung und Geheimbündelei verhaftet. In der Untersuchungshaft beginnt er, mit der bundesdeutschen Justiz zu kooperieren. Im März 1954 kommt er wieder auf freien Fuß. Für seine einstigen Weggefährten ist er ein Abtrünniger, ein "Handlanger Moskaus". In der DDR läuft eine Kampagne zu seiner Befreiung an.

Zweite Karriere in der DDR

Lebensläufe -  Der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch
Manfred von Brauchitsch als DDR-Sportfunktionär.

Für die SED-Funktionäre ist von Brauchitsch damit zum Sicherheitsrisiko geworden. Sie setzen ihn unter Druck, um ihn zur Übersiedlung in die DDR zu bewegen. Am 3. Januar 1955 "flüchtet" der ehemalige Rennpilot in die DDR, lässt dabei seine Frau zurück und startet hier als Sportfunktionär eine neue Karriere - bestens bezahlt und mit reichlich Privilegien ausgestattet.

Zunächst wird von Brauchitsch Präsident des "Allgemeinen Deutschen Motorsport Verbandes". Von 1960 bis zum Ende der DDR betreibt er als Präsident der "Gesellschaft zur Förderung des Olympischen Gedankens" Sponsoring für die DDR-Olympiamannschaften. Dreimal erhält er den Vaterländischen Verdienstorden der DDR und einmal den Olympischen Orden des Internationalen Olympischen Komitees.

Bis zuletzt bleibt Manfred von Brauchitsch dem Motorsport eng verbunden. Mit seiner zweiten Frau lebt er in einem Haus im thüringischen Gräfenwarth - ganz in der Nähe des Schleizer Dreiecks.

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2014, 17:40 Uhr

Buchtipp:

Heiko Kaiser: "Der gekaufte 'Friedenskämpfer'. Manfred von Brauchitsch und das 'Westdeutsche Komitee für Einheit und Freiheit im deutschen Sport'",
421 Seiten,
Hamburg: Kovač Verlag 2010
ISBN: 978-3-8300-5403-0

Von Manfred von Brauchitsch erschienen folgende Autobiografien:

"Ohne Kampf kein Sieg",
284 Seiten,
Berlin: Verlag der Nation 1967

"Kampf um Meter und Sekunden",
222 Seiten,
Berlin: Verlag der Nation 1955

"Kampf mit 500 PS",
158 Seiten,
Berlin: Verlag Siegismund 1940

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