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In schlechtem Ruf standen sie Jahrhunderte lang - wegen ihres finsteren Aussehens, ihrer Stärke und dem furchterregenden Imponiergehabe: Gorillas. Viele Menschen hielten die brusttrommelnden, tatsächlich aber eher sanften Riesen für Bestien.

von Susanne Haldrich

Ein Paar Gorillas in einem Zoogehege.

Das falsche Bild änderte sich erst Ende der 1960er Jahre: Der Zoologin Dian Fossey verdanken wir diesen Wandel. Jahrelang studierte die Verhaltensforscherin das Leben der scheuen Primaten im Hochland Zentralafrikas, entschied sich sogar selbst für ein Dasein abseits der Zivilisation.

Erste Reise in den Kongo

31 Jahre war Fossey alt, als sie begeistert ein Referat über Berggorillas hörte. Die 1932 in San Francisco geborene Amerikanerin arbeitete zu dieser Zeit als Ergotherapeutin im ländlichen Kentucky. Eigentlich wollte die junge Frau Tierärztin werden, doch bis zum Examen schaffte sie es wegen schlechter Noten nicht. Ihr neues Ziel: Ostafrika. 1963 reiste sie ins Grenzland zwischen dem Kongo und Uganda und begegnete dort den Berggorillas. Dieses Erlebnis sollte ihr weiteres Leben prägen.

In Fachkreisen umstritten

1966 traf Fossey in den USA auf Louis Leakey - jenen bedeutenden Paläoanthropologen, der bereits Jane Goodall zu deren Schipansenstudien ermutigt hatte. Mit Leakeys Unterstützung ging Fossey 1967 in den Kongo, um im Rahmen einer Langzeitstudie das Verhalten der Berggorillas der Virunga-Vulkane zu erforschen - was in Fachkreisen auf Unverständnis stieß, da sie keine ausgebildete Wissenschaftlerin war. Darüber hinaus sollte die genaue Populationsgröße ermittelt werden - keine leichte Aufgabe in den unübersichtlichen Nebelwäldern.

Vor Ort hatte Fossey mit schwierigen Umständen zu kämpfen: Der Bürgerkrieg im Kongo zwang sie nur wenige Monate nach Errichtung ihres Camps zur Flucht nach Ruanda. Hoch oben in den Virunga-Mountains, in dreitausend Metern, errichtete die an Höhenangst Leidende die Karisoke-Forschungsstation.

Monatelange Kämpfe

Nicht nur, um ihre Kritiker zu überzeugen, nahm Dian Fossey in den folgenden Jahren allerhand Strapazen auf sich: Sie kämpfte sich über regendurchweichte Berghänge und durch wildes Gestrüpp, durchstreifte über Monate die nebeligen Berge, überwand langsam die starke Höhenangst und ignorierte ihre labile Gesundheit. Stundenlang harrte sie in nasser Kleidung aus und schaffte es schließlich, in der Nähe der Gorillas akzeptiert zu werden.

Allmählich gewöhnten sich die scheuen Menschenaffen an die Forscherin, bis die eines Tages sogar ein Männchen berühren durfte: der Durchbruch. Spektakuläre Bilder erschienen 1970 im "National Geographic"-Magazin und gingen um die Welt. Nach und nach nahmen die Tiere die Menschenfrau als Mitglied ihrer Gruppe auf. Inmitten der Gorillas gelangen Fossey neue Einblicke in deren Familien- und Verhaltensstrukturen. Sie entdeckte ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und gab jedem Tier einen Namen.

"Einsame Frau des Waldes"

1976 machte die 44-jährige Fossey an der Universität von Cambridge ihren Doktor in Zoologie und lieferte - nun als anerkannte Wissenschaftlerin - wichtige Beiträge zur Primatenforschung. Beruflich mittlerweile erfolgreich und in der Öffentlichkeit bekannt, litt sie privat unter gescheiterten Beziehungen und daraus resultierenden Depressionen.

Von Menschen zog sie sich zurück und konzentrierte sich ganz auf ein Leben mit den Tieren. Die Afrikaner nannten Dian Fossey Nyiramachabelli - "einsame Frau des Waldes".

Mitzuerleben, wie Wilderer den ihr vertrauten Tieren mit Schlingen nachstellten und sie dann töteten, war der Amerikanerin unerträglich. Als 1977 ihr Lieblingsgorilla Digit ermordet wurde, engagierte Fossey zum Schutz der Tiere eine Truppe bewaffneter Söldner. Damit machte sie sich viele Feinde und galt spätestens jetzt als exzentrisch und fanatisch. Aus der engagierten Forscherin wurde eine rastlose Tierschützerin.

Ab 1985 zog sie sich noch stärker in die Einsamkeit zurück und gestaltete ihren Antiwilderer-Kampf immer aggressiver. Gnadenlos kämpfte Dian Fossey für die Erhaltung des Nationalparks und mobilisierte alle Kräfte, um die Weltöffentlichkeit von der Notwendigkeit des Gorillaschutzes zu überzeugen.

Gewaltsamer Tod

In den frühen Morgenstunden des 26. Dezembers 1985 fanden Mitarbeiter der Forschungsstation Fosseys halbnackte Leiche neben dem Bett - ihr Schädel war mit einer Machete zertrümmert worden. Bis heute sind die Täter nicht gefasst. Begraben hat man die Wissenschaftlerin ihrem Wunsch entsprechend auf dem Gorillafriedhof - jenem Ort, an dem sie Jahre zuvor Digit beerdigt hatte.

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2013, 12:16 Uhr

Der Gorilla

ist der größte und schwerste Menschenaffe und mächtigster Vertreter der Ordnung der so genannten Herrentiere (Primates). Wissenschaftler unterscheiden heute zwei Arten: Östliche Gorillas (Gorilla beringei) und Westliche Gorillas (Gorilla gorilla).

Es gibt fünf Unterarten: Im Westen Afrikas leben die Westlichen Flachlandgorillas und die Cross-River-Gorillas, im Osten die Berggorillas der Virunga-Vulkane und des Bwindi-Waldes sowie die Grauergorillas oder Östlichen Flachlandgorillas.

Gorillas sind keine reinen Vegetarier. Tierische Nahrung macht allerdings einen verschwindend geringen Teil ihrer Nahrungspalette aus und beschränkt sich ohne jede Jagdaktivität auf Termiten und Ameisen. Ihre pflanzliche Kost besteht je nach Lebensraum und Vegetation zu mehr als 99,9 Prozent aus Blättern, Knospen, Blüten, Früchten und Rinde. Etwa zwanzig Kilo davon benötigt ein erwachsenes Tier täglich.

Gorillas leben in familienähnlichen Sippen mit einem ausgewachsenen Silberrücken-Männchen, mehreren Weibchen und Jungtieren. Als Verständigungsmittel dienen über 15 verschiedene Heul-, Brüll-, Hust- und Knurrlaute. Das Trommeln auf die Brust, von dem man früher annahm, es werde nur von älteren Männchen praktiziert, ist allen männlichen Tieren eigen.

Die letzten ihrer Art

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo leben etwa dreitausend bis fünftausend Grauergorillas. Sie werden wie die übrigen Unterarten von der Weltnaturschutzunion als "stark gefährdet" in der Roten Liste der bedrohten Arten geführt.

Die letzten rund siebenhundert Berggorillas leben versprengt in zwei Populationen - etwa vierhundert Tiere im Gebiet der Virunga-Berge im Dreiländereck von Ruanda, Uganda und der Republik Kongo; die zweite Population lebt in Uganda.

Die Zahl der Westlichen Flachlandgorillas, deren Verbreitungsgebiet von Südost-Nigeria über Äquatorialguinea und Gabun bis in die Republik Kongo reicht, wird auf etwa achtzigtausend Tiere geschätzt. Im Grenzbereich von Nigeria und Kamerun existieren noch etwa zweihundertachtzig Cross-River-Gorillas.

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