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LexiTV : Im Sog der Pakte

Kriege schaffen Probleme, sie lösen sie nicht. Das gilt in auffälliger Weise für den Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918, der ein gespaltenes Europa hinterließ: Sieger und Geschlagene standen sich in unversöhnlichem Misstrauen gegenüber. Damit entstand der politische und militärische Nährboden für den zweiten Weltkrieg.

von Michael Schmittbetz

Vertragsunterzeichnung

Antibolschewistisch, antidemokratisch, aggressiv revisionistisch, das waren die Leitlinien, die den Hauptverlierer des Ersten Weltkriegs zum Angelpunkt der Bündnisse werden ließen, welche als "Achse" in die Geschichtsbücher Eingang fanden. Vor allem die antibolschewistische Tendenz kommt zum Ausdruck im Antikominternpakt vom 25. November 1936 zwischen Deutschland und dem Japanischen Kaiserreich. Hitlerdeutschland durchbricht mit dem gegen die Sowjetunion gerichteten Pakt die diplomatische Isolation, in die es nach dem Verlassen des Völkerbunds geraten war. 1937 tritt das faschistische Italien unter Benito Mussolini dem Abkommen bei. Italien gehört zwar zu den Siegermächten des Ersten Weltkriegs, erhebt jedoch weitergehende Ansprüche und fühlt sich von seinen alten Bündnispartnern betrogen.

Halbherziges Werben

Auf der anderen Seite basteln Großbritannien und Frankreich an einem System kollektiver Sicherheit zwecks Eindämmung und Beschwichtigung der potenziellen Aggressoren. Das misslingt gründlich - auch, weil sich Stalins Sowjetunion dem halbherzigen Werben der Westmächte entzieht: Stalin wünscht einen Krieg zwischen den "imperialistischen" Blöcken; der kommunistische Diktator sieht sich schon als Herrscher des Kontinents. Umgekehrt wäre es manchem Politiker im Westen willkommen, zerfleischten sich Deutschland und die Sowjetunion im militärischen Duell.

Mit dem Stahlpakt vom 22. Mai 1939 gewinnt das auf Deutschland zentrierte Bündnissystem fatale Dynamik: Mussolinis Italien bindet sein Schicksal auf Gedeih und Verderb an Hitlers Politik, bedingungslose Hilfe im Kriegsfall eingeschlossen.

Fortan stolpert der schwache Partner von Katastrophe zu Katastrophe und zieht Deutschland in seine militärischen Engagements. Mussolinis Wort von der "Achse Berlin-Rom" wird Realität, ergänzt von der Achse Berlin-Tokio, welche dem kommenden Krieg weltumspannenden Charakter verleiht.

Hitlers großer Coup

Doch bevor dieser Krieg am 1. September 1939 beginnt, wirbelt ein anderer Vertrag die bestehende Konstellation durcheinander: der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 24. August desselben Jahres. Per geheimem Zusatzprotokoll stecken beide Großmächte ihre Interessensphären und künftigen Besatzungsgebiete in Ost- und Mitteleuropa ab. Westliche Politiker halten es nun für wahrscheinlich, dass im heraufziehenden Krieg Stalin an der Seite Hitlers marschiert.

Deutschland erhält durch den verblüffenden Coup freie Hand zum Angriff auf Polen, dem die britische Regierung ein einseitiges Beistandsversprechen gegeben hat, ohne wirksam Hilfe leisten zu können. Nach dem Angriff erklären Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg (siehe Infobox). Das polnische Territorium fällt etwa zu gleichen Teilen an Deutschland und an die Sowjetunion. Stalin vereinnahmt mit frisch gewecktem Appetit die baltischen Staaten und Teile Rumäniens, und greift am 30. November 1939 Finnland an - eine im Westen populäre Musterdemokratie.

Glückwünsche von Stalin

Unwiderruflich diskreditiert scheint die Politik der kollektiven Sicherheit, also das Bündnis des Westens mit der Sowjetunion: Britisch-französische Truppen stehen kurz vor dem Eingreifen auf finnischem Boden; britisch-französische Bombergeschwader machen sich bereit zum Angriff auf die Ölfelder von Baku.

Doch der sowjetisch-finnische Krieg endet rechtzeitig, unter finnischen Gebietsverlusten. Stalin fördert Hitlers Offensive im Westen, die nach dem 10. Mai 1940 zur Niederlage Frankreichs führt, mit Öl und Getreide, mit Erzen, und nach dem Sieg mit herzlicher Gratulation.

Hitlerdeutschland, das inzwischen auch Dänemark und Norwegen besetzte, um Landungen der Westmächte zuvorzukommen, steht der Sowjetunion im Osten jetzt direkt gegenüber. Noch während des Frühjahrs 1941 okkupieren deutsche Truppen zwecks Unterstützung der versagenden Italiener große Teile des Balkans und Griechenland.

Dreimächtepakt mit Zulauf

Die Fronten klären sich mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Hitler startet die Aggression aus ideologischen Gründen, und um einem vermuteten sowjetischen Angriff zuvorzukommen. Letzteres beruht jedoch nur zum Teil auf Fakten: Die Rote Armee plant den Angriff auf Mittel- und Westeuropa frühestens für das folgende Jahr.

An der Seite Hitlerdeutschlands stehen - militärisch oder diplomatisch - vor allem die Erstunterzeichner des am 27. September 1940 geschlossenen Dreimächtepakts: Italien und Japan. Im von Deutschland dominierten Bündnissystem verankert sind Rumänien, Ungarn, Bulgarien, die Slowakei und Kroatien - allesamt Beitrittsstaaten des Pakts.

Verbündeter der Freien Welt

Finnische Divisionen kämpfen im Norden; Spanien stellt ein Kontingent für den "antibolschewistischen Kreuzzug"; französische, belgische, niederländische, dänische, baltische und ukrainische Freiwillige kämpfen in Wehrmacht und Waffen-SS. Unmittelbar nach Hitlers Angriff erklärt Winston Churchill, dass Stalins Sowjetunion nunmehr Verbündeter der Freien Welt gegen die Nazibarbaren sei. Der "europäische Bürgerkrieg", um ein Wort des Historikers Ernst Nolte zu zitieren, hat seinen Höhepunkt erreicht.

Das bis Kriegsende bestehende alliierte Bündnis bildet sich nach dem 8. Dezember 1941 heraus: Auf Japans Angriff auf Pearl Harbor folgt die Kriegserklärung der USA an das Kaiserreich, was Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens an die USA nach sich zieht. Aus dem europäischen Krieg ist jetzt wirklich ein Weltkrieg geworden.

"Unconditional surrender"

Das Datum der Deklaration der Vereinten Nationen, der 1. Januar 1942, markiert den Beitritt der USA zur Anti-Hitler-Koalition, mit Großbritannien und der Sowjetunion als Hauptalliierten. In Casablanca, vom 14. bis 26. Januar 1943, legen die westlichen Mitglieder der Anti-Hitler-Koalition die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, Japans und Italiens ("unconditional surrender") als Kriegsziel fest.

Als Italiens Diktator Benito Mussolini am 25. Juli 1943 stürzt, endet de facto die Achse Berlin-Rom. Im weiteren Kriegsverlauf, vor allem im Zuge des Vorrückens der Roten Armee, klappt das von Deutschland dominierte Bündnissystem Stück für Stück zusammen. Die Achse Berlin-Tokio zerbricht am 8. Mai 1945, dem Tag der endgültigen deutschen Kapitulation.

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2011, 14:12 Uhr

Beschwichtigen für den Frieden

"Appeasement" ist der Begriff für eine Politik, die ab Mitte der 1930er Jahre darauf abzielte, mit Hitler auf der Basis von Kompromissen zu einer Übereinkunft zu gelangen. Untrennbar mit dem Wort Appeasement verbunden ist der Name des britischen Premierministers Neville Chamberlain (im Amt von 1937 bis 1940).

Chamberlain und viele seiner Politikerkollegen vertraten die Ansicht, dass man Deutschlands Forderungen nach einer grundlegenden Revision des ungerechten Versailler Vertrages früher oder später weit entgegenkommen müsse. Ziel war es, einen neuen blutigen Krieg zu vermeiden, und ausgehend vom Völkerbund ein europäisches Sicherheitssystem zu errichten.

Den Vertretern der Appeasement-Politik unterliefen gravierende strategische Irrtümer. Dazu gehört die Fehleinschätzung Hitlers und dessen wirklicher Absichten. Höhepunkt des Appeasements war das Münchner Abkommen 1938, das Hitler die Annexion der sudetendeutschen Gebiete erlaubte.

Chamberlain glaubte, mit diesem Abkommen den "Frieden für unsere Zeit" ("Peace for our time!") gesichert zu haben. Elf Monate später überfiel Hitler Polen, und Großbritannien erklärte Deutschland den Krieg. Die Appeasement-Politik war gescheitert.

Träger des Appeasements waren einflussreiche Gruppen in der britischen Politik, in den Medien, im Adel und in der Wirtschaft. Der Schock des Ersten Weltkriegs, der Großbritannien Millionen Opfer gekostet hatte, spielte dabei eine Rolle.

Erst Winston Churchill, Nachfolger Chamberlains nach dessen Sturz und im Amt bis 1945, bewirkte einen grundlegenden Wandel der öffentlichen Meinung.

"Kartoffelkrieg"

Als deutsche Truppen am 1. September 1939 in Polen einfielen, glaubte Hitler an einen regional begrenzten Konflikt: Sein Außenminister Joachim von Ribbentrop hatte ihm zugesichert, dass Großbritannien und Frankreich "draußen bleiben" würden. Insofern waren die Kriegserklärungen der beiden Mächte an Deutschland für Hitler ein Desaster.

Doch zu Hitlers Aktivposten zählten das Bündnis mit der Sowjetunion, die diplomatische Schützenhilfe Italiens und der Fakt, dass auf die Worte der Kriegserklärungen zunächst kaum Taten folgten.

An der Westgrenze Deutschlands begann ein Konflikt, für den schon zeitgenössische Beobachter passende Begriffe prägten: "Kartoffelkrieg" (weil Deutsche und Franzosen in Schussweite gemächlich nach Kartoffeln gruben), "Phoney war" ("Lautsprecherkrieg", weil man sich wechselseitig mit Lautsprecherparolen "beharkte"), oder einfach "Sitzkrieg" und "seltsamer Krieg".

Tragisch für das angegriffene Polen war, dass die Führung in Warschau fest mit dem Eingreifen starker französisch-britischer Kräfte gerechnet hatte. So glaubte man, mühelos das polnische Territorium verteidigen und anschließend in einer Gegenoffensive bis Berlin vorstoßen zu können.

Die Tragödie für Frankreich bestand darin, dass zur Zeit des Polenfeldzugs der Wehrmacht ein Angriff auf die wenigen deutschen Divisionen im Westen durchaus erfolgversprechend gewesen wäre. Der deutsche Generalstab hatte genau das befürchtet; Gruppen von Offizieren waren bereit, im Fall eines solchen Angriffs Hitler zu entmachten.

Aber Hitlers Kalkül ging auf: Die französische Führung dachte nicht daran, den Angriff zu riskieren. Sogar in der Armee dominierten gegen den Krieg gerichtete Stimmungen; in der Ober- und Mittelschicht herrschte die Meinung vor, dass Hitler immer noch besser sei als eine linke Regierung. Frankreich war tief gespalten - und Hitler bezog das in seine Berechnungen ein.

Die Offensive der Wehrmacht gegen Frankreich im Mai und Juni 1940 führte auch aus diesen Gründen zum Erfolg, trotz aller Bedenken der Generale. Hitlers Prestige wurde gestärkt. Frankreich brach aus dem alliierten Bündnissystem heraus.

Südlich einer von ihm bestimmten Demarkationslinie installierte Hitler eine an Deutschland orientierte Regierung unter dem Marschall Philippe Pétain. Großbritannien, welches allerdings die Hilfe seines Commonwealth genoss, stand allein - bis zu Hitlerdeutschlands Angriff auf die Sowjetunion.

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