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LexiTV : Goldener Dunst

"Ile kosztuje karton Marlboro?" - Was kostet eine Schachtel Marlboro? Das war laut "taz" im April 1991 die passende Frage für jeden, der in Berlin Zigaretten kaufen wollte. Schon mit dem Mauerfall überschwemmten polnische Besucher den Straßenmarkt von West-Berlin mit billigen, weil steuerfreien, polnischen Zigaretten.

Zigaretten nah

In der Zeit der Wiedervereinigung entwickelte sich daraus ein abgestimmtes Geschäft zwischen polnischen Schmugglern und vietnamesischen Straßenverkäufern. Erst nach blutig ausgetragenen Bandenkonflikten in der Hauptstadt Mitte der 1990er Jahre bekämpfte die Polizei den offenen Straßenverkauf.

Mit dem Polizeieinsatz war jedoch der Zigarettenschmuggel keineswegs eingedämmt: Stellte der deutsche Zoll 1989 26 Millionen geschmuggelte Zigaretten sicher, waren es 1991 bereits 260 Millionen. Bis 2005 verdreifachte sich dieser Wert. Die Zollbilanz für 2011 steht noch aus. Immerhin zerschlugen Beamte im vergangenen Jahr einen Schmugglerring und stellten allein um die 900 Millionen Zigaretten sicher.

Am Fiskus vorbeigeraucht

Da der Zoll lediglich stichprobenartig kontrolliert und nach eigenen Schätzungen nur gut fünf Prozent des tatsächlichen Schmuggels aufdeckt, ist die Dunkelziffer enorm. Der Deutsche Zigarettenverband geht davon aus, dass 2011 etwa 23,5 Milliarden Zigaretten am Fiskus vorbeigeraucht wurden, etwa die Hälfte davon sei illegale Schmuggelware, der Rest aus EU-Ländern mitgebracht. Daraus ergebe sich ein staatlicher Verlust von 5,5 Milliarden Euro. Wer schmuggelt eigentlich Zigaretten, für wen und warum? Und wann gilt eine Zigarette als Schmuggelware?

Steuern machen in Deutschland momentan über siebzig Prozent des Zigarettenpreises aus. Unternehmen zahlen diese Steuern im Voraus, indem sie Steuerbanderolen vom Staat erwerben. Die müssen auf jeder Zigarettenschachtel kleben, damit sie in Deutschland vertrieben werden darf.

Ohne Banderole kostet die hier hergestellte Zigarette rund sieben Cent. Mit Banderole sind es etwa 26 Cent. Ohne Siegel verkaufte Zigaretten sind Schmuggelware, für die Händler Gewinnspannen von bis zu über eintausend Prozent einfahren. Der illegale Handel mit Zigaretten ist damit lukrativer als der mit Haschisch.

Shopping im Nachbarland

Eine für Raucher legale Möglichkeit, die deutsche Steuer zu umgehen, ist der Einkauf in Polen oder Tschechien. Hier betragen die Steuern nur einen Bruchteil des deutschen Satzes. Raucher dürfen bis zu zweihundert Stück für den Eigengebrauch nach Deutschland einführen. Diesen Umstand machen sich professionelle Kleinschmuggler zunutze: In so genannten "Ameisenkolonnen" bringen sie regelmäßig erlaubte Kleinmengen über die Grenzen, um sie in Deutschland weiterzuverkaufen.

Den Großteil der Schmuggelware bewegen Kriminelle inzwischen jedoch per LKW und Schiff. In so genannten Freizolllagern bewahren EU-Händler frisch von der Tabakindustrie gekaufte Zigaretten zunächst steuerfrei auf. Erst beim Weiterverkauf in ein bestimmtes Land muss der landestypische Steuersatz gezahlt werden. Schmuggler kaufen von diesen Lagern aus Waren und bringen sie in steuergünstige Länder, nur um sie von dort wieder nach Deutschland zu schmuggeln. Oder aber die Waren werden schon beim Transport steuerfrei in eigene illegale Lager abgezweigt.

Netzwerke

Zigarettenschmuggel im großen Stil erfordert ein gewisses Startkapital. Schmuggler müssen zunächst die Zigaretten aus den zollfreien Lagern oder direkt von der Tabakindustrie kaufen. Dies geschieht über ganze Netzwerke von Schein- und Tarnfirmen.

Dabei hatte jedoch nicht, wie oft angenommen, von Beginn an eine "Mafia" irgendeiner Nationalität ihre Hände im Spiel. Im Gegenteil: Wie Klaus von Lampe, Kriminologe am John Jay College of Criminal Justice in New York, in Untersuchungen gezeigt hat, waren es Kleinschmuggler, die zur Zeit der Wiedervereinigung genug Geld und Erfahrung gesammelt haben.

Einstieg der Syndikate

Spätestens mit der Erhöhung der Tabaksteuer Ende 2004 hat sich die Lage jedoch geändert: Die immer größeren Gewinnspannen locken vermehrt große Syndikate. Verwicklungen der italienischen und russischen Mafia in den deutschen Zigarettenschmuggel gelten mittlerweile als sicher.

Der aktuelle Trend geht nun auch weg von der kompletten Fälschung von Markenzigaretten. Um Vorwürfen der Markenrechtsverletzung aus dem Weg zu gehen, werden "Schmuggelmarken" wie "Jin Ling" etabliert. Die entfernt an "Camel" erinnernde Verpackung ziert ein Widder. Die kyrillischen Buchstabenaufdrucke verweisen auf das Herstellungsgebiet: Fabriken in Kaliningrad, Moldawien und Ukraine stellen eine Stange mit zehn Schachteln für weniger als zwei Euro her, in Berlin sind sie für etwa zwanzig Euro zu kaufen. Heute gehört Jin Ling zu den zehn wichtigsten Zigarettenmarken in Deutschland.

Gifte und Pestizide

Was das für Konsumenten bedeutet, ließ der WDR 2007 an der Universität München untersuchen: "Erschreckend" sei das Ergebnis, bei dem "inakzeptabel hohe Rückstände von Pestiziden" in illegal gehandelten Zigaretten nachgewiesen wurden, so der Pharmakologe Prof. Franz Bracher. Zudem seien Gifte enthalten, deren Konzentration teilweise 200-fach über den Grenzwerten lägen und Leber und Nerven irreparabel schädigen könnten.

Fast jeder vierte Glimmstengel soll in Deutschland Schmuggelware sein, genaue Zahlen gibt es jedoch nicht und die regionalen Unterschiede sind groß. Fakt ist, dass die Zahl der Raucher seit Ende der 1980er Jahre ziemlich konstant geblieben ist.

Berechnungen des Statistischen Bundesamtes offenbaren allerdings, dass der Absatz versteuerter Zigaretten von circa 163 Milliarden Stück im Jahr 1999 auf 83,6 Milliarden Stück im Jahr 2010 gefallen ist. Die Schere zwischen tatsächlicher Raucherzahl und fallendem legalen Zigarettenabsatz zeige dabei, so Klaus von Lampe, "nicht die Tendenz weg von der Zigarette, sondern weg vom legalen Zigarettenmarkt".

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2013, 12:28 Uhr

Der Begriff Schmuggel

leitet sich vermutlich vom germanischen Wort "smeugan" ab, was so viel bedeutet wie "in ein Loch kriechen". Eine feste juristische Definition des Tatbestands Schmuggel existiert in Deutschland nicht. Es handelt sich vielmehr um den umgangssprachlichen Oberbegriff für die Straftaten Zollhinterziehung und Bannbruch.

Damit sind die Umgehung von gesetzlich vorgeschriebenen Steuern und Abgaben sowie die Einfuhr von verbotenen Waren gemeint. Je höher und restriktiver solche Abgaben und Verbote sind, umso größer wird für gewöhnlich die Schmuggelaktivität. So brachten zum Beispiel Schmuggler im Großbritannien des 18. Jahrhunderts, während der Blütezeit merkantiler Handelsbeschränkungen, mehr Tabak, Alkohol oder Gewürze ins Land als legale Händler.

Auch in unserer Zeit ist Schmuggel ein mächtiger Wirtschaftszweig. Die UNO schätzt, dass allein beim Drogenschmuggel über Südosteuropa derzeit jährlich über zwanzig Billionen Dollar umgesetzt werden. Doch nicht nur hartgesottene Kriminelle schmuggeln: Eine Umfrage des Online-Reisemagazins "trivago.de" ergab, dass 41 Prozent der Deutschen schon einmal etwas geschmuggelt haben - meist in vollem Bewusstsein der Tat. Eifrigste Schmuggler seien - mit 64 Prozent - die Schweden.

Steuern über das Internet

zu umgehen scheint verlockend. Viele Waren sind in ausländischen Internetshops günstiger zu haben als im heimischen Geschäft. Der Grund: Die deutsche Mehrwertsteuer wird nicht mit berechnet.

Bei Internetshops in der EU ist das kein Problem. Vorsicht ist bei Internethändlern außerhalb der EU geboten: Hier sind nur bis zu 22 Euro Warenwert steuerfrei. Alle ausländischen Päckchen laufen über den deutschen Zoll - und der darf generell jede Sendung zur Kontrolle öffnen.

In Deutschland verbotene Waren werden konfisziert, Warenwerte über 22 Euro belegt der Zoll mit deutscher Mehrwertsteuer sowie bei einem Warenwert von über 150 Euro zusätzlich mit 3,5 Prozent Zollgebühr. Den Betrag müssen vermeintliche Schnäppchenjäger dann beim Postboten bar bezahlen. Andere Lieferdienste als die deutsche Post verlangen für diese Abwicklung meist noch einmal eine eigene Gebühr.

Ist der Warenwert für den Zoll nicht ersichtlich, etwa bei fehlender oder fremdsprachiger Rechnung, müssen die Betroffenen persönlich im Zollamt vorsprechen, den Warenwert nachweisen und anfallende Abgaben entrichten.

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