Handarbeit Stricken
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LexiTV Die heilsame Kraft der Maschen

Was unsere Großmütter noch nicht wussten, ist heute wissenschaftlich erwiesen: Stricken ist gesund für Körper und Geist. Die lange Zeit als altbacken abgestempelte Handarbeit hat eine Reihe positiver Effekte: Stricken senkt den Blutdruck, baut Stress ab, stärkt Selbstvertrauen, Kreativität und logisches Denken.

Handarbeit Stricken
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Seit im Jahr 2004 die Strickwelle über den großen Teich geschwappt ist, liegt die Arbeit mit Maschen auch hierzulande wieder voll im Trend. Vor allem in Großstädten ist das einst belächelte Hobby beliebt.

Immer mehr Strickcafés und Wollläden in Szenebezirken, Internet-Communities sowie Stricktreffen an öffentlichen Plätzen offenbaren die Neuentdeckung einer jahrtausendealten Tradition. Die Liebe zu Nadel und Faden ist mehr als eine austauschbare und kurzlebige Lifestyle-Masche. Darüber herrscht Einigkeit.

Besser als Meditation

"Die Arbeit mit Wolle beseitigt Stress", erklärt Dr. Herbert Benson von der Harvard Medical School in seinem Buch "The Relaxation Response". Und stressig ist das Leben besonders in den Großstädten, wo der Trend am stärksten floriert. "Genau wie Meditation oder Beten ermöglicht Stricken die passive Freisetzung abschweifender Gedanken", so Benson.

Und während Meditation gelegentlich zu Depression führe, habe Stricken keinerlei Nebenwirkungen. "Die rhythmische und monotone Qualität des Strickens, zusammen mit dem Klicken der Stricknadeln, ähnelt einem beruhigenden Mantra. Die Gedanken können lose umher schweifen, während sich der Verstand auf die Strickarbeit konzentriert." Psychologen bezeichnen Stricken deshalb als das neue Yoga.

Stricken auf Rezept

In den USA empfehlen Ärzte inzwischen schwerkranken Patienten die Arbeit mit der Nadel, bevor sie Antidepressiva verordnen. Das New Yorker Cabrini Medical Center rät Patienten, die beschwerliche Behandlungen durchstehen müssen, zur Handarbeit.

Stricken gehöre neben Nähen und Malen zu den Tätigkeiten, bei denen sich Patienten trotz ihrer Schmerzen "wieder als Menschen fühlen" könnten, glaubt die Krankenschwester Helen Carrier. Wer das erste selbst gefertigte Stück in den Händen hält, wird vom Belohnungszentrum im Gehirn mit Glückshormonen überschwemmt.

Deswegen kommt auch der New Yorker Rentner und ehemalige Krebspatient Owen Fisher nicht mehr los vom Stricken. Während seiner Chemotherapie 1997 fand er Ablenkung und Trost bei der Nadelarbeit: "Seitdem habe ich nie aufgehört zu stricken." In einem Strickcafé hat Fischer Anschluss gefunden und fühlt sich dort mittlerweile wie zuhause: "Ich lebe praktisch hier."

Training fürs Gehirn

Stricken ist nicht nur Balsam für die Seele: Es ist auch Training fürs Gehirn, da beide Hirnhälften beansprucht werden. Neben manueller Koordinationsfähigkeit sind die Talente eines Managers gefordert: gestalterische Ideen und schnelle Problemlösungen.

Schon beim Befolgen von unter Laien und Anfängern als unlesbar geltenden Strickanleitungen kommt es auf Vorstellungskraft und Logik an: "1 Randm., 3 M. re., * 3 M. auf einer Hilfsnadel vor die Arbeit legen, 3 M. re., die M. der Hilfsnadel re., ab * fortlf. wiederholen. Die Reihe endet mit 3 M. re., 1 Randm." Wem geht da sofort ein Licht auf? Ein kleiner Tipp: M steht für "Masche".

Ausstieg aus der Konsumwelt

Hängt es nur mit einer ganzheitlichen Gesundheitswelle zusammen, dass sich immer mehr Menschen in ihrer Freizeit für die Arbeit mit der Masche entscheiden? Anthropologen verneinen das.

Stricken ist heute Ausdruck von Individualität und radikales Gegenkonzept zur Massenware à la H&M und IKEA. Laut Anthropologin Paige West von der Columbia University erfüllen sich Menschen beim Stricken den Wunsch, etwas Eigenes, von A bis Z selbst Produziertes zu schaffen. Wer strickt, bricht aus dem  Konsumenten-Dasein aus. Wests Fazit: Durchs Stricken bekommt der moderne Mensch wieder einen Bezug zu seiner Arbeit und empfindet etwas heutzutage Seltenes: "Werkstolz". Entfremdung, einfach weggestrickt!

Die Rückbesinnung auf das "einfache Handwerk" ist nicht neu. Schon die industriekritischen Künstler der englischen Arts&Crafts Bewegung (1860 bis 1910) hatten sich in Abkehr zur genormten Massenfertigung dem handgefertigten Unikat verschrieben.

Nur eine "coole" Masche?

Strick-Fans sehen sich dennoch mit Spott konfrontiert: Nur eine Modeerscheinung sei es, die es gelangweilten Großstädtern erlaube, sich abzuheben, "cool" zu sein. Vielleicht spielt Eitelkeit tatsächlich eine Rolle. Doch zumindest einmal sollten Zweifler eine selber gestrickte Mütze in den Händen halten, um wirklich mitreden zu können.

Geschichtliches zum Stricken Die Ursprünge des Strickens sind bis heute ungewiss. Stämme aus Kleinasien trugen schon 1.900 v. Chr. Vorläufer der Stricksocke an den Füßen. Wahrscheinlich ist das Stricken aus der Netzarbeit - dem Verknoten von Fäden - und später, der Nadelarbeit - dem Verschlingen der Fäden mit Hilfe einer Nadel - hervorgegangen. Im Unterschied zu beiden Vorstufen werden jetzt zwei Nadeln benutzt. In der Antike fand das Stricken vor allem Anwendung bei der Herstellung von Theaterkostümen.

Nachdem das Stricken etwas in Vergessenheit geriet, reimportierten es wahrscheinlich die Mauren nach Europa, genauer gesagt nach Spanien: Erhalten sind Kissenbezüge aus dem späten 13. Jahrhundert, die in Gräbern der kastilischen Königsfamilie gefunden wurden.

Im Hochmittelalter prägt das Stricken immer mehr die Hausarbeit der Frauen. Das Rundstricken mit vier oder fünf Nadeln stammt aus dieser Zeit. In Italien verbreitete sich das Tragen von Stricksocken. Aber auch Henry IV. von England soll überzeugter Stricksockenträger gewesen sein.

Das Handstricken entwickelte sich im Hoch- und Spätmittelalter zu einem anerkannten Handwerk. Daher gibt es deutlich mehr Strickfunde aus dieser Zeit. Das gewerbliche Stricken entstand im 13. Jahrhundert in Paris. Zunächst nicht sehr hoch in der Hierarchie der Handwerke angesiedelt, schaffte es bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts den Aufstieg zu einer der wichtigsten Handwerkergilden.

Im Jahr 1600 wurden erstmalig in Deutschland die "Nürnberger Hosen- und Strumpfstricker" urkundlich erwähnt. Männer und Frauen strickten gleichermaßen. Diese rasche Aufwertung der Handarbeit könnte zusammenhängen mit der wachsenden Nachfrage nach möglichst körperbetonten Beinkleidern in der Männermode.

1598 baute der englische Pfarrer William Lee eine Handkuliermaschine, mit der Strümpfe maschinell sechsmal schneller als per Hand gestrickt werden konnten. Königin Elizabeth I. war sich schnell der möglichen Folgen bewusst: Sie verbot die Maschine, um die Arbeitsplätze der Handstricker zu schützen. Lee verließ daraufhin die Heimat und ging nach Rouen in Frankreich, wo er seine Erfindung erfolgreich vermarkten konnte. Lees Strickmaschine gilt als Vorbote der Mechanisierung im Textilgewerbe, die Ende des 18. Jahrhunderts die industrielle Revolution einläutete.

Strickanleitung: einfache Mütze Schnell gemacht und unkompliziert - Mützenstricken ist für Anfänger eine gute Alternative zum Schal, dessen Fertigstellung mehrere Monate dauern kann. Hier der Versuch einer verständlichen Strickanleitung:

Erster Schritt ist, den Kopfumfang des potentiellen Trägers zu messen. Von der ermittelten Länge zwei Zentimeter abziehen und die entsprechende Anzahl an Maschen auf ein Nadelspiel oder eine Rundnadel aufnehmen. (Achtung: die Anzahl der Maschen muss durch vier teilbar sein!)

Nun wird das Bündchenmuster im Kreis gestrickt: zwei Maschen links, zwei rechts. Je nach Geschmack bis in drei bis sechs Zentimeter Höhe. Danach wird glatt rechts bis zu einer Gesamthöhe von ungefähr 17 Zentimetern gestrickt - am besten sollte die unfertige Mütze zwischendurch anprobiert werden, um die Höhe besser einzuschätzen.

Nun ist der Moment gekommen, Abnahmen zu machen, um den Mützenzipfel zu fertigen. Die Maschenzahl wird durch vier geteilt und dann werden in jeder zweiten Runde immer zwei Maschen - im Abstand des errechneten Werts - zusammengestrickt. (Beispiel: bei 40 Maschen geteilt durch 4, ist aller 10 Maschen eine Abnahme fällig).

Nach zwei dieser Abnahmerunden verringert man den Abnahmeabstand um jeweils eine Masche und nimmt in jeder Runde ab bis ungefähr noch ein Fünftel der Maschen übrig bleibt. Jetzt wird der Arbeitsfaden abgeschnitten und mit einer Wollnadel in Strickrichtung durch die Restmaschen und nach innen festgezogen. Zum Schluss muss er nur noch vernäht werden. - Fertig!

Zuletzt aktualisiert: 12. März 2016, 16:26 Uhr