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LexiTV : Der schöne Schein

"Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren?", rief noch im Juni 1936 Heinrich Mann in Paris.

von Christian Fleck

Berliner Olympiastadion bei Nacht

Trotz solch warnender Kritik wurden die Olympischen Spiele im Berlin des Nazi-Deutschlands zum Erfolg für die Diktatur, Zuschauer und ausländische Presse waren begeistert. Hitler hatte sein Ziel erreicht: Sein Deutschland 1936 sah die Mehrheit des Publikums als wirtschaftlich aufstrebende, selbstbewusste, anständige und friedliebende Nation.

Antisemitismus und KZ

Das Fundament legte noch die Weimarer Republik. 1930 bewarb sich Berlin vor dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) als Austragungsort und gewann 1931 die Wahl. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 gab es erste Proteste. Die rabiaten Methoden und der offene Antisemitismus der Nationalsozialisten waren im Ausland nicht unbekannt, ebenso wenig wie der Bau der ersten Konzentrationslager Dachau und Oranienburg noch im gleichen Jahr. Besonders starke Ablehnung schlug Hitler aus den USA entgegen. 1933 sah sich das IOC genötigt, offiziell über die Verlagerung der Spiele zu beraten.

Für Hitler waren die Olympischen Spiele ein Geschenk. Wollte der Diktator sich und sein Regime halten, brauchte er die Zustimmung der Öffentlichkeit im In- und Ausland. Olympia kam da nicht nur zeitlich gelegen - auch hellenistischer Grundgedanke und Pathos der Spiele waren wie geschaffen für nationalsozialistische Propaganda und Ästhetik.

Das bescheidene Olympia-Budget der Weimarer Republik erweiterte Hitler um mehrere Millionen Reichsmark und um etliche Prunkbauten. So wichtig waren ihm die Spiele, dass er, angesichts des sich mehrenden internationalen Protests, vor dem Olympischen Komitee eine schriftliche Erklärung abgab, "alle Rassen und Konfessionen" frei an den Spielen teilnehmen zu lassen.

Worauf es ankam

Mit dieser Garantie bekam Hitler seine Spiele, das IOC sah keinen Grund mehr für eine Verlagerung. Der nicht verstummen wollenden Kritik angesichts der willkürlichen Gewalt im Deutschen Reich setzte das IOC eine Erklärung entgegen: "Die innenpolitischen Verhältnisse des Deutschen Reiches kümmern den Olympischen Kongreß nicht." Hitler hatte versprochen, den äußeren Schein zu wahren, der Rest war nicht wichtig. Kritikern blieb nur der Boykott.

Das olympische Komitee der USA stimmte 1935 darüber ab, ob US-Sportler an den Spielen teilnehmen sollten. Mit 58 zu 56 Stimmen, ein Ergebnis, für das Befürworter der Spiele tagelang stark an den Fäden hinter den Kulissen gezogen hatten, fiel die Entscheidung für eine Teilnahme. Andere Nationen, die ebenfalls über Boykott nachdachten, schlossen sich dem Votum der USA an. Hitlers Spielen stand nun nichts mehr im Weg.

Goebbels' Propagandamaschine lief seit 1933 auf Hochtouren. Für die Olympia-Bauten schöpfte man herzhaft aus dem Fundus pseudohellenistischer NS-Ästhetik. Nebenbei verringerten die gewaltigen Neubauten die Arbeitslosenquote. Broschüren erklärten dem Volk die Regeln sämtlicher Wettkämpfe. Zusammen mit einer fahrbaren Wanderausstellung, die über ein Jahr im ganzen Reich unterwegs war, sollten sie für interessiertes Publikum sorgen.

Feuer und Flamme für Olympia

Zwecks zusätzlichen Aufsehens schlug Goebbels einen symbolträchtigen Staffellauf vor, der die olympische Flamme von Griechenland bis nach Berlin tragen würde. Das IOC war von der Idee so begeistert, dass der Fackellauf bis heute zum Programm der Olympischen Spiele gehört. Gestiftet wurde die Fackel 1936 von der Waffenschmiede Krupp.

Ein gewaltiger Vorrat an Flaggen, Wimpeln und Girlanden schuf in Berlin die erwünschte optische Fassade. Wirtschaftliche Leiter des Reiches erließen Bestimmungen, wonach über die Dauer der Spiele in der Öffentlichkeit keine Zwangsarbeiter eingesetzt werden durften. Die Presse wurde entschärft, Antisemitismus sollte unterbleiben. Das Hetzblatt "Der Stürmer" wurde teilweise ganz aus den Regalen genommen und durch internationale Zeitungen ersetzt. Deutschland musste freundlich sein.

Eher unfreundlich musste jedoch die deutsche Politik bis 1936 wirken. Ein Jahr vor den Spielen verkündete Hitler offiziell die Existenz einer neuen deutschen Luftwaffe und führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Im März 1936, vier Monate vor Beginn der Olympischen Spiele, marschierte die Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland ein und brach damit den Versailler Vertrag und die Verträge von Locarno.

Für diesen Fall war eine gemeinsame Kriegserklärung von England, Frankreich und Italien vorgesehen. Des Risikos war sich Hitler bewusst - ebenso aber auch der Schwäche der Gegenseite. Zudem beeilte sich Hitler, jedem seiner Schritte neue Friedenserklärungen und -angebote nachzuschieben. Im Grunde sei man doch friedliebend. Frankreich und England scheuten beide den Krieg und verzettelten sich auf der Suche nach einer möglichen Reaktion - bis schließlich gar keine erfolgte.

Beeindruckte Athleten

Zu den Olympischen Spielen reisten 3.961 Sportler aus 49 Ländern nach Berlin. Zwecks Unterbringung hatte das Heer bei Döberitz ein Olympisches Dorf aus dem Boden gestampft. Bezeichnenderweise funktionierte die Wehrmacht das Gelände nur wenige Tage nach dem Ende von Olympia zur Kaserne um. Die Spiele selbst waren penibel durchorganisiert, die ausländischen Gäste fasziniert von Ausführung, Sauberkeit und der scheinbar freundlichen Stimmung.

Das neu gebaute Olympiastadion beeindruckte ebenso wie die zusätzlich in der Stadt gebauten "Feueraltäre" und Glockentürme. Der deutsche Olympiaverband verkaufte fast vier Millionen Eintrittskarten. Ausländische Besucher brachten Hitler in drei Wochen Devisen im Wert von einer halben Milliarde Reichsmark ein.

Die deutsche Presse berichtete täglich pflichtbewusst von den Ergebnissen der Spiele - auch von Erfolgen ausländischer Sportler. So meldete das NSDAP-Blatt "Völkischer Beobachter" vom 3. August 1936 etwa den Weltrekord des schwarzen US-Sportlers Jesse Owens auf der Titelseite und zeigte sogar mehrere Fotos ohne jeden negativen Kommentar.

Unterschiedliche Fähigkeiten

Doch war es auch der gezähmten NS-Presse nicht möglich, den Sieg Owens' völlig unkommentiert zu lassen. Die "Deutsche Wochenschau" vom 5. August 1936 gab eine zweiseitige "Erklärung" für den Erfolg eines nicht-arischen Sportlers: verschiedene Rassen hätten eben unterschiedliche Fähigkeiten.

Zwar könnten "Indianer" und auch "einzelne Negerstämme" hoch springen oder schnell laufen, aber das Wichtigste seien doch bitte der Fünf- und Zehnkampf. Nur dort sei schließlich die "gleichmäßige Entwicklung aller Muskeln des Körpers" wichtig, und folgerichtig seien hier die Vertreter der "teutonischen Rasse" führend.

Auch für die Olympioniken waren Dissonanzen spürbar: Im Olympischen Dorf führte die betreuende Abteilung Freude den internationalen Sportlern deutsche Propagandafilme wie "Der Neuaufbau des deutschen Heeres" oder "Sport und Soldaten" vor, woraufhin einige die Veranstaltung protestierend verließen. Zur deutschen Olympiamannschaft gehörten bei 348 Sportlern ein Kommunist, der Ringer Werner Seelenbinder, und eine Jüdin, die Fechterin Helene Mayer.

Beide waren schlicht Feigenblatt für die Repressionspolitik des Dritten Reiches. Vielsagend blieb auch der Austausch der US-Läufer Marty Glickman und Sam Stoller. Kurz vor den Wettkämpfen nahm die US-Teambetreuung die Sprinter von der Liste der antretenden Sportler - Glickman und Stoller waren Juden. Geschah es aus "Rücksicht" auf die Gastgeber?

Reisetipps für Aufgeweckte

Völlig verschleiern konnte Hitler das Ausmaß seiner Diktatur ohnehin nicht mehr. Die deutsche Exil-Presse berichtete in ihren Zeitungen ausführlich von Willkür und Unrecht im NS-Staat. Die "Arbeiter-Illustrierte-Zeitung" schmuggelte einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele eine Sonderausgabe mit dem unschuldigen Titel "Führer durch das Land der Olympiade" nach Deutschland. Sie enthielt eine Karte mit Standorten und Informationen zu einzelnen Konzentrations- und Arbeitslagern.

Ebenfalls kam ein mehrsprachiges Büchlein "Lernen Sie das schöne Deutschland kennen. Ein Reiseführer, unentbehrlich für jeden Besucher der Olympiade" in Umlauf, in dem nicht nur fast alle damals existenten Konzentrationslager beim Namen genannt, sondern auch fotografiert waren. Wer sehen wollte, der sah.

Vernebelung gelungen

Trotz allem konnte Hitler die Olympischen Spiele von 1936 als Erfolg verbuchen. Nicht nur sportlich - Deutschland erreichte mit 89 Medaillen, davon 33 in Gold, mit Abstand mehr olympische Ehren als jede andere Nation -, sondern auch wirtschaftlich und vor allem außenpolitisch. Die perfekte und freundliche Inszenierung glaubten ihm Europa und die Welt ebenso wie seine Friedensversprechungen beim Einmarsch ins Rheinland vier Monate vorher und bei der Annexion des Sudetenlandes zwei Jahre später. Nicht weil sie so überzeugend waren, sondern weil man sie glauben wollte.

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2012, 17:46 Uhr

"Olympia"

So heißt der zweiteilige Film von Leni Riefenstahl über die Olympischen Spiele von 1936. Sowohl das IOC als auch Goebbels' Propagandaministerium wollten einen Film, der das Ereignis für das Weltpublikum festhält. Leni Riefenstahl, die bereits 1934 im Propagandafilm "Triumph des Willens" den Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP nach der Machtergreifung glorifiziert hatte, bekam von Goebbels beinahe jeden Wunsch erfüllt, solange der Film nur eindrucksvoll werden würde.

Tatsächlich arbeitete Riefenstahl mit 47 Kameramännern und der modernsten Technik, die die Filmwelt damals aufzubieten hatte. Manches war Weltpremiere, beispielsweise die Unterwasserkamera im Becken der Turmspringer. Im Olympiastadion ließ Riefenstahl Schienen verlegen, auf denen Kameras fuhren. Die Regisseurin und ihre Kameramänner probten Aufnahmen und Einstellungen im Voraus und nutzten Anfang 1936 das Training der olympischen Athleten für die Aufnahme extremer Naheinstellungen.

Insgesamt vierhundert Kilometer Film belichtete Riefenstahl und brauchte bis 1938, um "Olympia" auf vier Stunden Spiellänge zu schneiden. Am Ende waren die Kritiker begeistert, in Deutschland wie im Ausland. Riefenstahls Sinn für Ästhetik und Originalität ermöglichte Einstellungen, die vorher noch nie zu sehen waren und Vorbild für Regisseure bis heute sind.

In England und in den USA boykottierten die Verleihe allerdings den Film wegen der zunehmenden antisemitischen Gewalt im Deutschen Reich. Heute gilt "Olympia" trotz propagandistischer Untertöne als Meilenstein der Filmgeschichte und als einer der wichtigsten Filme überhaupt. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden verlieh dem Film 2006 das Prädikat "Besonders wertvoll".

Der Fackellauf

vor Eröffnung der Spiele war eine Idee aus Goebbels' Propagandaministerium, das auch die Organisation des Laufes vom griechischen Olympia durch Bulgarien, Jugoslawien, Ungarn, Österreich und die Tschechoslowakei nach Berlin übernahm. Der Lauf sollte Deutschland als Erben des Hellenismus zeigen.

Die Strecke war 3.075 Kilometer lang. 3.400 Fackelläufer aus den sieben Ländern der Laufstrecke trugen die Fackel, die jeweils etwa zehn Minuten brannte, bevor sie vom nächsten Läufer ersetzt werden musste. In jeder Landeshauptstadt bereitete das deutsche Propagandaministerium eine so genannte Weihestunde vor, mit der die Ankunft des Feuers durch Entzünden eines Altars unter Hakenkreuzflaggen gefeiert wurde.

In Wien kam es dabei zu Ausschreitungen österreichischer Nationalsozialisten, die den Anschluss ans Deutsche Reich forderten. In der Tschechoslowakei demonstrierten Menschen gegen die selbstherrliche Darstellung der Deutschen.

Auf einem Propagandaplakat war das Sudentenland bereits als zum Deutschen Reich gehörig eingezeichnet - Demonstranten entfernten daraufhin Plakate und Hakenkreuzflaggen und brachten während eines Gerangels in Prag sogar die olympische Flamme kurzfristig zum Erlöschen.

Als die Fackel in Berlin ankam, standen zur Weihestunde im Berliner Lustgarten zwanzigtausend Hitlerjungen und vierzigtausend SA-Männer Spalier. Nach einer Rede von Propagandaminister Goebbels trug der deutsche Leichtathlet Fritz Schilgen die Flamme schließlich ins Stadion.

Jesse Owens

James Cleveland Owens, genannt Jesse, war der Star der Olympischen Spiele 1936. Als erstem Athleten in der Sportgeschichte gelang es ihm, vier Goldmedaillen zu gewinnen (100 Meter Sprint, 200 Meter Sprint, Weitsprung, 100 Meter Staffel). Schon ein Jahr vorher hatte Owens Sportgeschichte geschrieben: Am 25. Mai 1935 stellte er bei einem Wettkampf in den USA innerhalb von 45 Minuten fünf neue Weltrekorde auf- und einen weiteren ein.

Jesse, geboren am 12. September 1913 in Lawrence County (Alabama, USA) entdeckte seine Leidenschaft für das Laufen während der Schulzeit. Dabei förderte ihn besonders sein Sportlehrer Charles Riley, der den Schüler vor Unterrichtsbeginn auf der Laufstrecke trainieren ließ - am Nachmittag musste Owens arbeiten.

Auf der High-School in Cleveland, Ohio, und später an der Ohio State University war Owens jeweils Mitglied des Läufer-Teams. Trotz sportlicher Erfolge und vieler Goldmedaillen bekam der Athlet nie ein Stipendium. Wegen seiner Hautfarbe durfte er in den USA nicht einmal im selben Raum wie seine weißen Teamkollegen essen.

Während der Olympischen Spiele 1936 war Jesse Owens Liebling des Publikums, das minutenlang begeistert seinen Namen skandierte. Der deutsche Sportler Luz Long freundete sich mit Owens an, Fotos der beiden Athleten im freundschaftlichen Gespräch füllten im Ausland die Zeitungen.

Zurück in den USA, erhielt der vierfache Olympiasieger zwar eine Konfetti-Parade in New York, aber keine sonstige Anerkennung. Präsident Roosevelt gratulierte ihm nicht - aus Angst vor Stimmenverlusten im rassistischen Süden bei der bevorstehenden Wahl. Später arbeitete Owens unter anderem als Liftboy. Im Alter von 66 Jahren starb der Kettenraucher Jesse Owens an Lungenkrebs.

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