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LexiTV : Mensch und Wissenschaft

Scheiben treffen und dann so schnell wie möglich ins Ziel laufen. Was so einfach klingt, ist das Ergebnis harten Trainings - und ganzjähriger wissenschaftlicher Betreuung. Die deutschen Spitzenbiathleten werden beim Training und im Wettkampf von Mitarbeitern des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) Leipzig umsorgt.

von Tina Kühne / Franziska Trogisch

Dr. Michael Koch-Dubois ist seit 2009 Fachgruppenleiter für Biathlon an diesem Institut. Mit seinen Kollegen versucht er, Leistungsreserven zu finden und im Training zu optimieren. Sind internationale Erfolge noch abhängig von der menschlichen Leistung oder ist die Qualität der wissenschaftlichen Betreuung ausschlaggebend? LexiTV hat mit Michael Koch gesprochen.

Herr Koch, was ist das Besondere am Biathlon?

Es ist einerseits die hohe Ausdauerbelastung; auf der anderen Seite gehört die Feinmotorik dazu: Der Athlet braucht eine ruhige Hand und muss die Scheiben treffen. Das macht Biathlon aus. Sonst wäre es Langlauf oder Sportschießen.

Wann beginnen die Biathleten mit den Vorbereitungen auf die neue Saison?

Im April, spätestens Anfang Mai beginnt das Training. Da werden Inhalte erarbeitet und Daten analysiert. Nach der sportwissenschaftlichen Untersuchung schauen wir, ob es Defizite gibt, die wir beheben müssen. Im Juli geht es richtig los, auf Skirollern. Dabei rückt die komplexe Biathlonleistung, also Laufen plus Schießen, in den Vordergrund. Ab Juli gibt es für die Athleten regelmäßige Lehrgänge, teilweise schon auf Schnee. Da wird auf einem Gletscher trainiert. Wir vom IAT machen Videoaufnahmen von der Lauftechnik und vom Schießen. Außerdem erhalten die Athleten ein Mentaltraining.

Was überprüfen Sie hier in Leipzig?

Michael Koch
Michael Koch (Fotografie Franziska Trogisch)

Wir haben einen Sportmediziner im Haus, der die medizinischen Grunduntersuchungen im April und Mai vornimmt. Zum Beispiel gibt es einen standardisierten Test auf dem Laufband zum Prüfen der Ausdauerfähigkeit. Es ist ein Stufentest mit Maske. Dabei machen wir eine Atemgasanalyse und untersuchen die maximale Sauerstoffaufnahme. Mit dem Test wollen wir feststellen, wo der Athlet von der physischen Leistungsfähigkeit her steht. Daraus lassen sich Konsequenzen für das Training ableiten. Daneben gibt es eine Schießleistungsdiagnostik. Ein Teil der Tests wird in München realisiert, ein Teil in Oberhof, ein Teil in Leipzig. Die Daten fließen am IAT zusammen.

Wie erhalten die Athleten den letzten Schliff für den Winter?

Im Oktober rückt der Ski in den Mittelpunkt, beim Konditionstraining auf einem Gletscher. Anfang November gibt es eine Leistungsdiagnostik. Die ist ein Kriterium, um sich für die Mannschaft im Winter zu qualifizieren. Da werden medizinische Aspekte untersucht und Leistungsvoraussetzungen überprüft, sowohl bei der Kondition als auch im Schießen

Wie kontrollieren Sie die Leistungen der Sportler?

Per Videoanalyse werden Lauftechnikstudien und biomechanische Untersuchungen gemacht. Es wird geschaut, ob sich der Athlet optimal bewegt oder ob er Defizite hat. Am Schießmessplatz können wir uns anschauen, inwieweit der Anschlag intakt ist, welche Druck- und Zugkräfte da bestehen und inwieweit der Sportler in der Lage ist, die Waffe ruhig zu halten.

Am Ende entscheidet die Lauftechnik. Im Wettkampf fordern die Betreuer ihre Athleten zum Beispiel auf, am Berg aufrecht zu laufen und nicht nach vorn zu kippen. Was bringt die aufrechte Haltung?

Jeder, der einen Anstieg hochläuft, ist meist erst einmal erschöpft. Viele lassen sich in die Abfahrt nur noch hineinfallen und bringen dann keinen Druck mehr auf den Ski. Die Athleten verlieren Geschwindigkeit, das können pro Anstieg drei bis vier Sekunden sein. Bei stark hügeligem Gelände summiert sich das. Wer es schafft, noch weiter zu beschleunigen und in den "sauren Bereich" zu gehen, um die Geschwindigkeit mit in die Abfahrt zu nehmen, hat Vorteile. Bei der heutigen Leistungsdichte, wo innerhalb von 30 Sekunden 15 Athleten ins Ziel kommen, macht das enorm viele Plätze aus. Daran arbeiten wir gerade in unserem neuen Projekt: dass es Athleten möglich ist, auch noch im sauren Bereich sauber zu laufen.

Um welche Geschwindigkeiten geht es dabei?

Wir haben festgestellt, dass sich zum Beispiel die Laufgeschwindigkeiten erhöht haben. Bis zu den Olympischen Spielen in Turin 2006 haben wir für einen guten Athleten 6,9 Meter pro Sekunde angestrebt, mittlerweile sind wir schon ein gutes Stück über 7 Meter pro Sekunde. Das entwickelt sich alles weiter, nicht nur konditionell, auch vom Material her.

Wie viele Kilometer trainiert ein Biathlet im Jahr?

Im Hochleistungsbereich sind es etwa 8.000 bis 9.000 Kilometer Grundlagenausdauer im Jahr. Aber da gibt es unterschiedliche Intensitäten. Man kann nicht nur intensiv trainieren, denn sonst ist man irgendwann so kaputt, dass gar nichts mehr geht. Man muss den Stoffwechsel darauf trainieren, dass der Körper einiges wegsteckt und sich schneller erholt. Wir kontrollieren unter anderem den Laktatanteil im Blut und die Herzfrequenz.

Athleten wie Ole Einar Björndalen aus Norwegen oder Magdalena Neuner aus Deutschland laufen die Konkurrenz in Grund und Boden. Haben die besondere Veranlagungen?

Talent gehört sicher dazu. Björndalen und auch Neuner haben ein gewisses Gefühl für Skilauf. Sie sind Ausnahmeathleten, die man schlecht für andere als Vorbild heranziehen kann. Neben der Veranlagung ist entscheidend, wie der Athlet das Training realisiert. Björndalen ist sehr akribisch, lebt Biathlon. Und das ist Grundvoraussetzung, um vorne mit dabei zu sein. Ein Biathlet kann nicht nebenbei noch etwas anderes machen. Das schaffen die Norweger ziemlich gut und auch die Franzosen. Die sind von der Art her zwar ziemlich locker, aber wenn es drauf ankommt, können sie sich gnadenlos schinden. Das fehlt bei vielen Nationen, die nicht so lang oder so oft in den Schmerzbereich können.

Liegt das an der Mentalität oder auch daran, dass einige gar nicht die Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Betreuung wie hier haben?

Das hat nichts mit der wissenschaftlichen Begleitung zu tun, sondern mit der Grundeinstellung. Nicht jeder kann Biathlet oder Leistungssportler werden. Man muss von vornherein ein gewisses Persönlichkeitsprofil aufweisen. Wir versuchen mit unserer Arbeit, bewährte Trainingsinhalte umzusetzen und nach Defiziten zu suchen, zum Beispiel bei den Übergängen vom Berg in die Abfahrt. Die Grundlagen sind bei den Athleten schon da, wir können nur noch Feinheiten verändern, sowohl im Laufen als auch im Schießen.

Wie viel ist denn noch Sport, wie viel schon Wissenschaft?

Schwer zu sagen. Es kommt darauf an, wie man Wissenschaft fassen will. Das ganze Leben ist eine Wissenschaft, das geht alles Hand in Hand. Wir suchen mit unseren Untersuchungen nach Kleinigkeiten. Als eine Verwissenschaftlichung würde ich es nicht bezeichnen, denn der Sportler muss weiterhin trainieren. Nur durch unsere Arbeit passiert da gar nichts.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Trainern?

Wir haben eine relativ gute Zusammenarbeit, weil wir ziemlich nah an der Mannschaft sind. Wenn wir zu Lehrgängen und Wettkämpfen mitfahren, gibt es einen ständigen und regen Austausch. Es ist nicht so, dass wir als die Halbgötter irgendwo sitzen, sondern wir sprechen mit den Sportlern.

Wenn Sie zu den Wettkämpfen mitfahren, fiebern Sie an der Strecke mit?

Na klar, ich war ja selbst früher Langläufer und habe den Bezug zum Leistungssport. Wenn man mit der Mannschaft arbeitet, freut man sich natürlich über jeden Erfolg. Es ist eben Wettkampf, immer ein Thrill.

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2011, 09:19 Uhr

Jäger, Soldaten, Athleten

Die Ursprünge des Biathlon-Sports liegen über fünftausend Jahre zurück. Damals gingen die Menschen im Schnee auf Jagd: Auf skiähnlichen Brettern und mit Speer oder Pfeil und Bogen bewaffnet, verfolgten unsere Vorfahren wilde Tiere. Höhlenmalereien in Norwegen und schriftliche Aufzeichnungen, zum Beispiel des römischen Dichters Vergil (70 bis 19 v. Chr.), belegen die Jagd auf Skiern.

Später verband das Militär Schießen und Skilaufen: Ab dem 16. Jahrhundert gab es in Russland und Skandinavien Skiregimenter. 1767 traten dann Grenztruppen Norwegens und Schwedens zum Wettkampf an. Geschossen wurde damals übrigens aus vollem Skilauf!

Schon näher am heutigen Biathlon war ein Rennen 1912 in Norwegen, bei dem die Teilnehmer zweimal zehn Schuss abgeben mussten. Bei der Internationalen Wintersportwoche 1924 in Chamonix (Frankreich), die nachträglich zu den ersten Olympischen Winterspielen erklärt wurde, stand dann der Demonstrationswettbewerb "Militärpatrouille" auf dem Programm. Je vier Läufer bildeten dabei eine Patrouille: ein Offizier, ein Unteroffizier und zwei Soldaten. Geschossen wurde im Liegen, für jeden Treffer gab es eine Zeitgutschrift.

Anfang der 1950er Jahre wurde die Kombination aus Skilanglaufen und Schießen auch für nicht-militärische Athleten geöffnet sowie als Einzelsportart anerkannt. 1955 bekam der Sport den Namen "Biathlon", griechisch für "Doppelkampf". Drei Jahre später wurde die erste Biathlon-Weltmeisterschaft ausgetragen, seit 1960 ist der Sport olympisch. Anfangs schossen die Biathleten noch mit Großkalibergewehren; 1978 erfolgte die Umstellung auf Kleinkaliber. Sechs Jahre später trugen erstmals Frauen eine Biathlon-Weltmeisterschaft aus. Seit 1992 gibt es olympische Frauenrennen.

Biathlon zählt heute bei Zuschauern in Deutschland zu den beliebtesten Wintersportarten. Internationale Wettbewerbe werden im Fernsehen übertragen, und auch an der Strecke verfolgen immer mehr Menschen die Läufe. Die erfolgreichsten Biathlon-Nationen sind Russland, Deutschland und Norwegen.

Sicherheit beim Biathlon

Biathlon kombiniert Ausdauer mit Präzision, nämlich Skilanglauf mit Schießen. Besonders für das Schießen hat die Internationale Biathlon Union (IBU) strikte Sicherheitsbestimmungen erlassen. Bereits kleinste Regelverstöße werden mit der Disqualifikation des Athleten geahndet. Dadurch wird ein hoher Sicherheitsstandard gewährleistet.

Seit 1978 kommen beim Biathlon Kleinkalibergewehre von etwa vier Kilogramm Gewicht zum Einsatz. Automatische und halbautomatische Waffen sind verboten, die Schüsse dürfen nur manuell abgegeben werden. Das Abzugsgewicht, um einen Schuss abzufeuern, muss dabei mindestens 500 Gramm betragen. Damit soll verhindert werden, dass sich ein Schuss ungewollt löst. Das Geschoss darf mit einer Maximalgeschwindigkeit von 380 Meter pro Sekunde (1.368 Kilometer pro Stunde) die Mündung verlassen.

Biathlongewehre werden in Kältekammern getestet, um ein Versagen oder eine Veränderung der Flugeigenschaften auszuschließen. Beim Laufen muss die Mündung nach oben zeigen, die Waffen dürfen nicht geladen sein. Außerhalb des Stadions werden die Gewehre in Taschen verwahrt. Trotz aller Sicherheitsbestimmungen kam es im Sommer 2010 im Trainingslager der russischen Nachwuchsmannschaft zu einem Unfall: Ein 15jähriger Athlet wurde während des Trainings durch einen Schuss tödlich verletzt.

Auch um die Sicherheit beim Laufen ist die IBU besorgt. Biathlon-Laufstrecken sollen abwechslungsreich und anspruchsvoll sein. Um das Risiko schwerer Stürze zu verringern, darf es keine zu steilen Anstiege, gefährliche Abfahrten oder zu enge Kurven geben. Biathleten sind auf Langlaufskiern von lediglich fünf Zentimeter Breite unterwegs, die im Unterschied zu Abfahrtsski keine Kanten haben. Dadurch rutschen die Läufer auf vereisten Pisten schneller weg. Zum Saisonauftakt 2009 stürzte eine chinesische Biathletin schwer, als sie in einer engen Kurve auf einem Eisblock ausrutschte. Sie musste auf der Intensivstation behandelt werden. Vor allem auf Kunstschnee kommt es häufig zu Stürzen.

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