LexiTV Beziehungen im Fokus der Wissenschaft

Das Beziehungs- und Familienpanel Pairfam ist eine multidisziplinäre Längsschnittstudie zur Erforschung partnerschaftlicher und familialer Lebensformen in Deutschland. Das auf 14 Jahre angelegte Langfristvorhaben startete im Jahr 2008 mit einer Ausgangsstichprobe von 12.402 zufällig ausgewählten Ankerpersonen. Die im jährlichen Abstand durchgeführten Befragungen der Ankerpersonen und ihrer Partner, Eltern sowie Kinder ermöglichen eine detaillierte Analyse partnerschaftlicher Verläufe. Der Psychologe Prof. Dr. Franz J. Neyer, einer der Projektleiter der Pairfam-Studie, stand LexiTV Rede und Antwort über Inhalt und Ziele von Pairfam.

von Daniel Schlechter

Sie und Ihre Kollegen haben in der Pairfam-Studie mehr als 10.000 Paare nach der Qualität ihrer Beziehungen befragt. Vielleicht können Sie unseren Lesern kurz erklären, was wissenschaftlich daran so interessant ist und ob sie denn etwas Überraschendes herausgefunden haben?

Interessant an der Studie ist, dass wir die ganze Bandbreite partnerschaftlicher und familiärer Beziehungen in Deutschland über einen Zeitraum von 14 Jahren abbilden können, und zwar aus der Sicht mehrerer Personen, nämlicher beider Partner, ihrer Kinder und der Großeltern.

Da die Studie noch läuft und mit ihr vielerlei Fragestellungen beantwortet werden können, lässt sich derzeit noch kein klares Gesamtbild zeichnen. Nur so viel: Jede Partnerschaft und jede Familie ist anders!

Wie steht es denn um die Deutschen und ihre Beziehungen – sind die meisten glücklich oder werden die sich alle irgendwann trennen?

Die meisten Paare sind zufrieden mit ihrer Beziehung, sonst wäre die Mehrheit der Erwachsenen auch nicht in einer Partnerschaft. Tatsächlich gibt es auch ein hohes Trennungsrisiko, das aber schwer in eine Zahl zu fassen ist. Das individuelle Trennungsrisiko hängt unter anderem von demografischen Faktoren ab, zum Beispiel vom Alter oder davon ob gemeinsame Kinder vorhanden oder die Partner verheiratet sind.

Zudem hängt das Trennungsrisiko von der individuellen Persönlichkeit ab und darin unterscheiden sich Menschen eben sehr. So wissen wir zum Beispiel, dass emotional instabile Personen mit größerer Wahrscheinlichkeit mit ihrer Partnerschaft unzufrieden sind und ein höheres Trennungsrisiko als andere haben.

Demnach sind also die meisten Beziehungsprobleme am Ende individuelle Probleme der jeweiligen Partner?

Auf die Persönlichkeit kommt es an, aber selbstverständlich gibt es auch kritische Ereignisse und Stressphasen, die zu Beziehungsproblemen führen können, zum Beispiel Krankheit, Arbeitslosigkeit, finanzielle Belastungen, Belastungen innerhalb der Familie und so weiter. Wie stark solche Belastungen die Partnerschaft beeinflussen, hängt natürlich von den Partnern ab.

Früher gab es ja meist die klassische monogame Beziehung zwischen Mann und Frau. Und davon meistens nur eine, vielleicht zwei Große im Leben. Ist das noch immer so oder hat sich die Landschaft der Beziehungsmodelle stark verändert?

Die klassische monogame Beziehung ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang gerne von serieller Monogamie, das heißt mehrere aufeinander folgende monogame Beziehungen kennzeichnen den menschlichen Lebensverlauf. Vielleicht beobachten wir heute häufiger Trennungen, sowohl bei nichtehelichen als auch ehelichen Partnerschaften.

Die Scheidungszahlen stagnieren jedoch auf einem relativ hohen Niveau. Interessanterweise ist die dauerhafte Partnerschaft das erstrebenswerte Ideal für viele Menschen, auch wenn das nicht leicht zu erreichen ist.

Zum Thema frische Liebe: Es heißt ja, dass sich der Hormonspiegel der frisch Verliebten nach den ersten ein, zwei Jahren wieder normalisiert, sie die rosarote Brille abnehmen und fortan der Alltag über die Paare hereinbricht. Wie viele überstehen diesen Punkt und worauf kommt es da an?

Die Liebe hängt nicht vom Hormonspiegel ab. Aber es gibt eine Reihe von körperlichen Begleiterscheinungen des Verliebtseins. Wie stark das Verliebtheitsgefühl ist, wie lange es andauert und welche körperlichen Reaktionen auftreten, ist von Mensch zu Mensch verschieden. In einer Langzeitbeziehung kommt es darauf an, den Partner und sich selbst in der Beziehung kennen- und respektieren zu lernen.

Weiterhin ist es wichtig zu akzeptieren, dass niemand ständig auf Wolke 4 oder Wolke 7 schwebt. Und schließlich ist es wichtig zu erkennen, dass auch der gemeinsame, „normale“ Alltag mit dem Partner eine Quelle von Stabilität und Sicherheit darstellt.

Aus Ihrer Studie geht hervor, dass viele Beziehungen an zu hohen Erwartungen scheitern würden. Aber unsere Beziehungen sollen uns doch glücklich machen oder etwa nicht? Welche Erwartungen sind denn okay und welche eher nicht?

Historisch gesehen sind in den letzten zwei Jahrhunderten die Erwartungen an eine „romantische“ Partnerschaft immer größer geworden. Mit der zunehmenden Verbreitung von Online-Dating-Portalen wächst zudem die Illusion, jeder Mann und jede Frau hätte die beliebige Auswahl und könne unter vielen Tausenden den Traumpartner oder die Traumpartnerin auswählen. Diese Illusion ist ebenso unrealistisch wie die Vorstellung, der Traumpartner oder die Traumpartnerin könne alle Wünsche und Erwartungen erfüllen.


Egal ob jemand sich bereits entschieden hat oder noch auf der Suche ist: Er oder sie sollte sich klar machen, welche Erwartungen „realistisch“ sind, und das gilt eben nicht nur für die eigenen Erwartungen, sondern auch für die Erwartungen des Partners bzw. der Partnerin. Je realistischer sie sind, umso eher lassen sie sich einlösen.

Können sie ein paar Beispiele für solche realistischen und unrealistischen Erwartungen nennen?

Unrealistisch oder naiv ist es zu erwarten, der Partner oder die Partnerin könne alle Bedürfnisse befriedigen, stehe 24 Stunden/7 Tage zur persönlichen Verfügung und werde seine individuellen Interessen aufgeben.

Realistisch ist es anzuerkennen, dass der Partner oder die Partnerin eine eigenständige Person mit eigenen Interessen und Bedürfnissen sowie mit individuellen Stärken und Schwächen ist. Diese Realität grenzt naturgemäß das Potenzial einer jeden Partnerschaft ein, und das ist auch gut so. Zufrieden ist, wer dies akzeptiert.  

Hand aufs Herz: Eigentlich ist Sex doch das Wichtigste in einer Beziehung, oder nicht?

Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse in Partnerschaften, für die einen mag Sex das Wichtigste sein, für die anderen ist es die Sicherheit und Geborgenheit mit dem Partner beziehungsweise der Partnerin. Zudem nimmt die Bedeutung des Sexes auch mit der Dauer der Beziehung ab. Es gibt auch deutliche Unterschiede zwischen Menschen in ihrer jeweiligen Bewertung von Sex.

Im Übrigen sind Liebe und Sex nicht zwangsläufig miteinander gekoppelt. So gibt es Sex ohne Liebe und es gibt Liebe ohne Sex. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die normative Aussage, dass Sex das Wichtigste in einer Beziehung sei, schlichtweg falsch. Jeder muss für sich selbst herausfinden, was für ihn oder für sie am wichtigsten ist.

Aus Ihrer Studie geht hervor, dass Frauen in Beziehungen vergleichsweise häufiger mit dem Sex zufrieden sind als Männer. Demgegenüber sind Männer allerdings offenbar eher mit der Beziehung insgesamt zufrieden, als das bei Frauen der Fall ist. Wie ist das zu erklären?

Es gibt tatsächlich solche Geschlechtsunterschiede in der Bewertung von Sex und Beziehungszufriedenheit. Sie können zum einen auf geschlechtsspezifischen Bewertungen beruhen. So wissen wir, dass Frauen nicht nur ihre Partnerschaft, sondern ihre sozialen Beziehungen insgesamt differenzierter bewerten.

Zum anderen verweisen diese Unterschiede darauf, dass Männer generell stärker „soziosexuell“ sind, das heißt sie bevorzugen eher spontanen Sex mit wechselnden Partnerinnen, auch wenn sie in einer festen Partnerschaft sind und ihre Fantasien nicht unbedingt in die Tat umsetzen.

Dieser Geschlechtsunterschied ist übrigens in allen Kulturen mehr oder weniger stark ausgeprägt und hat vermutlich biologische Gründe. Übrigens sollten man daraus keine Schlussfolgerungen für die moralische Bewertung oder Rechtfertigung sexueller Untreue ziehen. Das ist jedenfalls nicht die Aufgabe der Psychologie.

Ist sexuelle Untreue ein Problem in vielen Partnerschaften?

Es ist sehr schwierig, dazu verlässliche und belastbare Daten zu gewinnen. Manche Menschen geben Untreue ungern zu - besonders dann nicht, wenn der Partner oder die Partnerin an derselben Studie teilnimmt. Andere geben gern mit ihren Eroberungen an.

Wir wissen beispielsweise aus vielen Studien, dass Männer über deutlich mehr Sexualpartner berichten als Frauen. Nach Adam Riese kann das nicht stimmen.

Jeder streitet ja mal. Wie verhalten sich glückliche Paare in Konfliktsituationen?

In Streit kommt es vor allem darauf an, den jeweils anderen Part zu respektieren und nicht abzuwerten. Dies gelingt am besten, wenn man auch mal über sich selbst lachen kann und es so schafft, eine Eskalation zu vermeiden, aus der dann niemand mehr heil herauskommt.

Tatsächlich zeigen viele Studien, dass Konflikte an und für sich zu jeder Partnerschaft gehören. Wichtig ist jedoch, dass Auswege und Lösungen gefunden werden, bevor sich ein Konflikt hochschaukelt.

Heißt das, man sollte zum Wohle der Beziehung jedes noch so kleine Problem am besten gleich ansprechen?

Man sollte aus einer Mücke keinen Elefanten machen und dann und wann auch fünfe gerade sein lassen. Bei wichtigen Problemen sollte man sich allerdings trauen, sie anzusprechen.

Sie haben herausgefunden, dass glückliche Paare ihre Beziehung mit Zuversicht und Gelassenheit betrachten. Da könnte man ja die Frage nach Korrelation und Kausalität stellen: Führen die glückliche Beziehungen, weil sie zuversichtlich und gelassen sind oder sind sie zuversichtlich und gelassen, weil sie glückliche Beziehungen führen? Oder anders gefragt: Sind glückliche Beziehungen reine Einstellungssache?

Es gibt keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung, sondern komplizierte Wechselwirkungen. Es hängt von der Beziehung ab, wie zuversichtlich und gelassen die Partner sind. Und umgekehrt hängt es von der Zuversicht und Gelassenheit der Partner ab, wie zufrieden und glücklich sie sind.

Eine Beziehung kann das Leben ungemein bereichern und sich positiv auf die Persönlichkeit eines Menschen auswirken. Umgekehrt hängt es stark von der Persönlichkeit eines Menschen ab, wie bereichernd eine Beziehung ist. Zum Beispiel gibt es Menschen, die dazu tendieren, ihr Leben und ihre Partnerschaft generell durch eine rosarote Brille zu betrachten, und Menschen, die alles ständig negativ bewerten. Im Ergebnis ist das Leben dann auch rosarot oder dunkel!

In dem Film „High Fidelity“ heißt es zum Thema Beziehung: „Bücher, Musik, Filme, darauf kommt es an. Klingt oberflächlich, ist aber so!“ Wie wichtig sind gemeinsame Interessen wirklich?

Gemeinsame Interessen, aber auch ähnliche Einstellungen zu Politik, Lebensstil und Partnerschaft, spielen bei der Partnerwahl eine gewisse Rolle, denn sie signalisieren, dass es eine gemeinsame Basis geben könnte. Später kommt es darauf an, den Partner und seine Persönlichkeit näher kennenzulernen.

Übrigens werden sich Partner auch in langjährigen Beziehungen kaum ähnlicher in ihrer Persönlichkeit. Das ist erstaunlich, denn sie teilen ja vieles im Leben, z.B. ihre Wohnung, ihren Freundeskreis und ihre Familie. Aber es ist auch beruhigend zu wissen, dass die Partner ihre individuelle Persönlichkeit in einer Partnerschaft nicht aufgeben müssen, sondern bleiben, wer sie sind!

Zur Person: Prof. Dr. Franz J. Neyer Franz Neyer ist Professor für Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik und Direktor des Instituts für Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Seine Forschungsschwerpunkte sind Persönlichkeitsentwicklung, Persönlichkeit und Mobilität, implizite Motive sowie Partnerschaft, Familie und Kooperationsbeziehungen. Zudem ist er Mitherausgeber von vier europäischen Fachjournalen der Psychologie.

Prof. Dr. Neyer ist einer von sechs Projektleitern der „Pairfam“-Studie, einer multidisziplinären Längsschnittstudie zur Erforschung der partnerschaftlichen und familialen Lebensformen in Deutschland.

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2016, 12:08 Uhr