LexiTV : Schatztruhe im Eis
Wenig lukrativ, schwer zu verteidigen und bitterkalt - Zar Alexander II. hatte gute Gründe, seine Kolonie in Amerika zu verkaufen. 1867 erwarben die USA das Land. Keine dumme Entscheidung, wie sich später herausstellte.
Die Öffentlichkeit in den USA war empört bis schockiert: 7,2 Millionen Dollar sollte das Stück Land aus Eis kosten - eine "Tiefkühltruhe", die nicht einmal an die USA grenzte und deren Verwaltung weitere Unsummen verschlingen würde! "Präsident Johnsons Eisbärengehege", so nannten Spötter Alaska. Andere waren der Meinung, das spärlich besiedelte und rückständige Territorium sei es nicht einmal Wert, als Geschenk angenommen zu werden.
Und doch: Für 7,2 Millionen Dollar hatten die USA dem russischen Zarenreich Alaska abgekauft. Am 18. Oktober 1867 (nach Gregorianischem Kalender - im fernen Sankt Petersburg zählte man erst den 6. Oktober) wurde in der kaum eintausend Einwohner zählenden Hauptstadt Sitka die russische Flagge eingeholt. Von nun an wehten die "Stars and Stripes" im hohen Norden.
Wenig lukrativ und schwer zu verteidigen
Der Verkauf des mehr als 1,7 Millionen Quadratkilometer großen Territoriums beendete die kolonialen Ambitionen Russlands in Nordamerika. Seit den 1740er Jahren hatten russische Trapper dort Seeotter erlegt und deren Pelze nach China verkauft. Ein Jahrhundert später aber war die hohe Zeit der Seeotterjagd vorbei. Die Bestände waren so stark dezimiert und die Transportkosten so hoch, dass das Geschäft nicht mehr lohnte. Zar Alexander II. erkannte zudem, dass Russisch-Amerika nur schwer gegen eventuelle Angreifer zu halten sein würde, und die Versorgung der Kolonie mit lebenswichtigen Gütern belastete seine durch den Krimkrieg (1853 bis 1856) ohnehin strapazierte Kasse. 1859 machte der Zar den USA ein erstes Verkaufsangebot. In Washington war man damals zwar interessiert, jedoch anderweitig beschäftigt: Die Union stand kurz vorm Auseinanderbrechen, das Land trudelte in den Bürgerkrieg. Das Projekt Alaska musste warten. Dann, im März 1867, kam Baron Eduard von Stoeckl, Russlands Vertreter in den USA, mit einem neuen Angebot zu US-Außenminister William H. Seward. Am Morgen des 30. März war man sich einig, der Kaufvertrag wurde unterschrieben. Senat und Repräsentantenhaus ließen im April und im Juli "Sewards Torheit", wie die Öffentlichkeit damals urteilte, passieren.
Strategische Überlegungen
Immerhin gab es für den Kauf handfeste Gründe: "Zentner von Fischen, Sandbänke voller Gold, Felle von bester Qualität oder wunderschönes Elfenbein" würden in Alaska warten, so die Hoffnung des Senators Charles Sumner aus Massachusetts. Für Außenminister Seward und Präsident Andrew Johnson dürften bei der Kaufentscheidung strategische Überlegungen im Vordergrund gestanden haben: Nach den Spaniern und Franzosen waren nun auch die Russen aus Nordamerika verbannt.
Außerdem schlugen die USA den ebenfalls an Alaska interessierten Briten, dem ehemaligen Mutterland, ein Schnippchen. Und: Die USA hatten mit dem Kauf des entfernten Territoriums einen weiteren Schritt im Sinne ihres "Manifest Destiny" getan - ihrer "offenkundigen Bestimmung", nach Westen zu expandieren und den Kontinent in Besitz zu nehmen. "Verleiht dem Gebiet Alaska die Segnungen der amerikanischen Demokratie!", waren denn auch die euphorischen Worte des Senators Charles Sumner.
Gold!
Doch eilig hatte man es mit der Inbesitznahme nicht. Zunächst wusste wohl keiner so recht etwas mit Alaska anzufangen: Erst unterstand es der US Army, dann dem Finanzministerium, dann der Kriegsmarine; 1884 erhielt Alaska eine eigene Regierung und den Status eines Distrikts. Das geruhsame Leben am Ende der Welt ging weiter - bis 1896. In jenem Jahr gab es im Nachbarstaat British Columbia (im heutigen Kanada) eine folgenschwere Entdeckung: Angehörige der Tagish-Indianer fanden am Klondike-Fluss Gold. Hunderttausend Goldsucher - "Stampeders" genannt - machten sich auf den Weg nach Norden.
Am Ziel ihrer Träume angekommen, stellten viele der Neuankömmlinge fest, dass am Klondike keine Claims mehr zu vergeben waren. Nun erfasste der Goldrausch Alaska: Kleinste Funde lockten tausende Glückssucher an, entlang des Yukon und an der Küste schossen Zeltstädte wie Pilze aus dem Boden. Manche der etwa fünfzig Goldschürfercamps in Alaska wuchsen zu Städten heran.
Die Frontier
So bescherte der Lockruf des Goldes Alaska einen Entwicklungsschub. Und noch einen Effekt hatte der Goldrausch: Er brachte den fernen Distrikt dem "Mutterland" USA ins Bewusstsein. Presseberichte und Abenteuerromane, darunter die Erzählungen von Jack London und Rex Beach, machten die US-Amerikaner mit der wilden Natur und dem harten Leben im eisigen Norden bekannt.
Ein Übriges taten spektakuläre Fotografien einer Forschungsexpedition, die ab 1899 Alaskas Küstengebiete, deren Geologie, Pflanzen- und Tierwelt erkundete. Mehr als fünftausend Aufnahmen entstanden: von Gletschern und Fjorden, von rauschenden Wasserfällen und vereisten Seen, von indianischen Dörfern und beeindruckenden Totempfählen. In Alaska lebte für die Menschen in den USA die "Frontier" fort, das raue, wilde Grenzland, das vom Kontinent verschwand, nachdem man das Land zwischen New York und Kalifornien erschlossen und "zivilisiert" hatte.
Japaner auf US-Boden!
Wie weit entfernt und wie schwer zu verteidigen ihr "Grenzland" tatsächlich war, diese Erfahrung machten die USA im Zweiten Weltkrieg: Japanische Truppen besetzten kurzzeitig mehrere Inseln der Aleuten-Inselkette, die von Südwestalaska rund 1.750 Kilometer weit in den Pazifik reicht.
Ausländische Besatzer auf US-amerikanischem Boden - das hatte es seit 1812 nicht mehr gegeben! Als Reaktion erhöhten die US-Truppen ihre Präsenz in Alaska und trieben den Ausbau der Infrastruktur voran. Der Nationalstolz war wohl nicht unschuldig daran; die militärische Bedeutung Alaskas nämlich ging gegen Null.
Wertvoll genug
Obwohl nur durch die 85 Kilometer breite Beringstraße von Russland getrennt, blieb Alaska auch im Kalten Krieg Nebenschauplatz. Sein strategischer Vorteil bestand allenfalls darin, dass es nicht zu Russland gehörte - sonst hätten wohl sowjetische Atomraketen auf dem nordamerikanischen Festland gestanden. Dennoch erachtete man das Territorium als wertvoll genug, endlich ein US-Bundesstaat zu werden. Mitten in den Prozess der Staatsbildung platzte 1957 die Kunde von Ölfunden auf der Kenai-Halbinsel. Glücklich über solche Aussichten, begrüßte US-Präsident Dwight D. Eisenhower Alaska am 3. Januar 1959 als 49. Bundesstaat in der Union.
25 Milliarden Fass
Der Haupttreffer folgte wenige Jahre später: An der Prudhoe-Bucht, 250 Meilen nördlich des Polarkreises, entdeckte eine Ölgesellschaft 1968 Vorkommen von etwa 25 Milliarden Fass - das größte Ölfeld Nordamerikas. Seit eine Pipeline quer durch Alaska den Rohstoff aus den eisigen Breiten in den eisfreien Hafen von Valdez an der Südküste transportiert, sprudelt das Öl. Und mit ihm sprudelt das Geld: Mehr als fünfzig Milliarden Dollar an Steuereinnahmen bescherte das schwarze Gold aus der Prudhoe-Bucht Alaska in den letzten 25 Jahren.
Die einst abhängige, wirtschaftlich unterentwickelte Region ist heute einer der reicheren Bundesstaaten der USA. Etwa 676.000 Menschen lebten 2007 in Alaska, das Bruttosozialprodukt betrug 44 Milliarden Dollar, das monatliche Durchschnittseinkommen 3.627 Dollar. Für ein "Eisbärengehege", das einst 7,2 Millionen Dollar gekostet hat, ist das gar nicht so übel!
Alaska im Überblick
„North to the Future“ - nach Norden zur Zukunft - lautet das Motto des Staates Alaska, der sich zwischen dem 51. und 72. Grad nördlicher Breite erstreckt. Drei Landschaftstypen prägen das Gesicht der Region: eine Gebirgskette entlang der Südküste, das Berg- und Hügelland, durch das der Yukon fließt, und die Küstenebene im Norden (die North Slope).
Der Staat ist dünn besiedelt. Um von A nach B zu kommen, benötigt man häufig ein Flugzeug, da sich nur wenige Orte per Straße erreichen lassen. Anchorage, die größte Stadt, hat rund 275.000 Einwohner. Hauptstadt ist Juneau (seit 1906) mit etwa 31.000 Einwohnern.
Aus dem Öl, das unter der North Slope liegt, bezieht der Staat rund 85 Prozent seiner jährlichen Einnahmen. Ein Fonds verwaltet einen Teil dieser Einnahmen und zahlt den Einwohnern Alaskas eine jährliche Dividende; 2009 lag die bei 1.305 Dollar pro Person. Starke Wirtschaftszweige sind, neben der Erdöl- und Erdgasförderung, Fischfang, Bergbau, Holz- und Papierindustrie sowie der Tourismus.
Die letzte Wildnis
wird Alaska häufig genannt: 8 Nationalparks und 16 Naturschutzgebiete unter dem „National Wildlife Refuge System“ gibt es dort. Zu den Tieren, die in Alaska leben, gehören der Braunbär, das Karibu und der Wolf; in den Flüssen tummeln sich Lachse, vor der Küste sind zahlreiche Walarten anzutreffen, und rund vierhundert Vogelarten sind in dem Staat heimisch, darunter der Weißkopfseeadler und die Schneeeule. Alaska ist reich an Vulkanen, Seen und Gletschern. Die Eismassen jedoch schwinden zusehends, denn der Klimawandel macht sich in Alaska bemerkbar: Um sechs Grad Celsius ist die jährliche Durchschnittstemperatur in den letzten fünfzig Jahren gestiegen.
Auch die Ölförderung hinterlässt Spuren. Ein Tankerunglück verseuchte 1989 zweitausend Kilometer Küste im Süden Alaskas; aus der Trans-Alaska-Pipeline traten 1976 bei Fairbanks und 2006 an der Prudhoe-Bucht größere Mengen Öl aus. Unklar ist darüber hinaus die Zukunft der Ölförderung nach 2020, wenn das Feld an der Prudhoe-Bucht leer sein wird. Östlich davon, in einem Teil der „Arctic National Wildlife Refuge“, werden weitere große Vorkommen vermutet, deren Förderung seit 1977 in der Diskussion steht. Präsident George W. Bush hatte 2008 ein Artenschutzgesetz entschärft, um die Erkundung des Gebiets zu ermöglichen. Sein Nachfolger im Amt, Barack Obama, machte die Gesetzesänderung wieder rückgängig. Bis auf weiteres bleibt die Wildnis wohl unangetastet.
Alaskas Ureinwohner
Vermutlich von Westen, über die Beringbrücke, kamen vor zwölf- bis sechzehntausend Jahren die ersten Menschen ins heutige Alaska. Über die Jahrtausende besiedelten sie die lebensfeindlichen Weiten und entwickelten eine Vielzahl von Kulturen: Die Aleuten im Südwesten etwa lebten vom Meer und gingen in selbst gebauten Kajaks auf die Jagd.
Die Tlingit im Südosten betätigten sich als Händler zwischen Dörfern an der Küste und im Innenland des heutigen Kanada. Sie waren hervorragende Krieger und schnitzten und errichteten aufwändig gestaltete Totempfähle. Im Landesinneren gab es zahlreiche nomadische Gruppen, deren Kultur vom Karibu, dem nordamerikanischen Rentier, abhing. Beim ersten Kontakt mit russischen Entdeckern im Jahr 1741 lebten bereits mehrere zehntausend Menschen in Alaska.
Russische Siedler und Trapper machten sich häufig das Wissen der Einheimischen, der Natives, zunutze: Die Aleuten zum Beispiel mussten für die Neuankömmlinge Seeotter jagen. Wenn sie sich wehrten, wurden sie getötet. Europäische Krankheiten, orthodoxe und evangelische Mission sowie Siedlungsschübe wie zur Zeit des Goldrauschs hinterließen ebenfalls Spuren im Leben der Einheimischen.
Ab dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert begannen sich die Natives zu organisieren, um ihre Rechte und Landansprüche geltend zu machen. Sie argumentierten unter anderem, dass der Verkauf Alaskas durch Russland an die USA illegal gewesen sei, da das Land nicht Russland sondern den zahlreichen Kulturen in der Region gehört habe.
Für den geplanten Bau der Trans-Alaska-Pipeline in den 1970er Jahren mussten die Landansprüche der Natives endgültig geklärt werden. Das geschah 1971 durch den Alaska Native Claims Settlement Act: Mit dem Gesetz erhielten regionale und lokale Körperschaften der Natives rund 180.000 Quadratkilometer Land (etwa ein Neuntel der Landfläche Alaskas) und 963 Millionen Dollar Entschädigung.
Fast einhunderttausend Alasker zählen sich heute zu den Natives, 225 anerkannte Stämme gibt es. Natives genießen besondere Rechte zum Schutz ihrer Kultur, zum Beispiel das Recht zur Jagd auf Wale und andere Meeressäuger.
