Geografie

LexiTV Reiseland Mitteldeutschland | 20.05.2010 | 14:30 Uhr : Altmark - Von Stendal nach Salzwedel

Immer zwei Handbreit Himmel überm Land - dafür lieben die Altmärker ihre Region. Zwischen den mittelalterlichen Städten mit ihren Fachwerkhäusern ist viel Platz zum Wandern, Radfahren oder Reiten. Auch seltene Tiere wie der Seeadler fühlen sich wohl in der ursprünglichen Landschaft. LexiTV reist zu den spannendsten Ecken in der Altmark.

von Ulrike Wolf

Altmark

Friedlich schlängelt sich die Elbe durch den Norden Sachsen Anhalts. Beschaulich geht es an ihren Ufern zu; weder Industrie noch Großstadtlärm stören die Idylle. Weites Land, Wiesen und Äcker prägen die Landschaft. Es scheint, als sei die Zeit hier stehen geblieben. Naturfreunde schwärmen vom ruhigen, sanften Flair der Altmark - andere wiederum sehen in der kargen, dünn besiedelten Region nicht mehr als einen verschlafenen Landstrich. So "verschlafen" und friedlich war es in der Altmark nicht immer: Wie ihr Name verrät, ist die einstige Antiqua Marchia ("Alte Mark") im mittelalterlichen Europa ein bedeutendes Grenzland und die Elbe als Grenzfluss teilweise heftig umkämpft. So standen um die erste Jahrtausendwende germanische Völkergruppen, auf der nordwestlichen Seite, Sachsen und Slawen am nordöstlichen Ufer gegenüber. Letztere vertrieben zunächst die germanischen Langobarden, um sich in der Folgezeit wiederholt gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Herrscher mit Weitsicht

Und so wechselten im Lauf der Jahrhunderte die Machthaber - nicht immer jedoch zum Nachteil der Altmark: Im Jahr 1134 gehörte sie zum sächsischen Territorium der Nordmark, als Albrecht der Bär vom Kaiser zum Markgrafen ernannt wurde. Nicht nur, dass Albrecht von hier aus die Gründung der Mark Brandenburg vorantrieb - was der Altmark später den Titel „Wiege Preußens“ bescheren sollte. Der weitsichtige neue Herrscher verlieh auch dem bis dato unbedeutenden Stendal um 1165 das Marktrecht, befreite alle Kaufleute über einen Zeitraum von fünf Jahren von Abgaben und gewährte allen umliegenden Städten Zollfreiheit.

Tuche, Holz, Getreide

Der wirtschaftliche Aufschwung in der von blutigen Konflikten gebeutelten Region ließ nicht lange auf sich warten: Tuchmacher, Gewandschneider und Kaufleute ließen Stendal zum wichtigen Handelszentrum heranwachsen. Privilegien wie das Münzrecht taten ein Übriges für den Erfolg, das "Stendaler Silber" galt im Mittelalter als gebräuchliche Währung. Der Handel mit Tuchen, Holz und Getreide füllte in Tangermünde die Kassen der Kaufleute. Und Gardelegen machte der altmärkische Hopfen reich - bereits im Mittelalter exportierte die Brauereistadt Bier nach England und Skandinavien.

Pferdekoppel
LexiTV

Die Altmark im Überblick

Man bezeichnet die Altmark auch als "Wiege Preußens". Die Städte Tangermünde, Stendal, Havelberg und Salzwedel prägen die Region, die reich an Wäldern, Flüssen und Seen ist.

20.05.2010, 14:30 Uhr | 06:46 min

Günstig gelegen

Mit Wirtschaftskraft kann die heutige Altmark leider nicht gerade punkten. Fernstraßen machen auch zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung einen weiten Bogen um das Gebiet; bis heute führt keine Autobahn durch die strukturschwache Region. Was waren es dagegen für ruhmreiche Zeiten, als die Altmark im Kreuzungsbereich wichtiger Post-, Heer- und Handelsstraßen lag: So zählte Salzwedel einst zu den reichsten Städten des Landes. Ihren Namen hat sie von einem der bedeutendsten Handelsgüter des Mittelalters - und von geologischen Besonderheiten, die beste Vorraussetzungen für überregionalen Warenaustausch boten.

Stadt auf der Sandbank

Wedel ist der damals geläufige Begriff für Furt. Eine solche seichte Stelle im Flüsschen Jeetze bescherte der nahe gelegenen Stadt Anschluss an die berühmte Salzstraße Lüneburg-Magdeburg. Zusätzlich steht Salzwedel auf einer "Sandbank" inmitten einer sehr morastigen Gegend - wer da durch wollte, kam an der Stadt nicht vorbei. Und über die ab hier schiffbare Jeetze gelangten Jahrhunderte lang Waren bis zur Elbe - wo sie sich dann auf den Weg nach Brügge oder Nowgorod machten. Kein Wunder, dass Salzwedel im Jahr 1263 Aufnahme in die Hanse fand. Überhaupt weist keine andere Region Europas eine höhere Konzentration an Hansestädten auf als die Altmark: Auch Stendal, Tangermünde, Gardelegen, Osterburg, Seehausen und Werben gehörten vom 13. bis zum 16. Jahrhundert dem mächtigen Kaufmannsbund an. Spuren dieser glanzvollen Epoche sind noch heute allgegenwärtig: großzügige Marktplätze, prächtige Stadttore, Rathäuser und Kirchen, zeugen vom einstigen Reichtum und bürgerlichen Selbstbewusstsein der Städte.

Fachwerk dank Geldnot

Dass Besucher beispielsweise in Salzwedels Altstadt noch ein weitgehend geschlossenes Fachwerkensemble bestaunen können, verdankt die Stadt wiederum finanzieller Not: Weil Geld zum Abriss fehlte, haben die alten Gemäuer die Platten-Bauwut der DDR heil überstanden. Stattdessen sorgten die Bewohner für Erhalt und Pflege der Häuser. Heute, nach umfassender Sanierung, präsentieren sich die Städte schöner denn je. Dennoch, ganz erwacht aus dem Dornröschenschlaf der vergangenen Jahrzehnte ist die Altmark noch nicht. Aber vielleicht macht ja gerade das die Gegend so anziehend.

Arendsee
LexiTV

Altmark - Tipps von der Schriftstellerin Helga Albert

Wer mit Zeit und offenen Augen durch die Altmark reist, wird mit reichen Eindrücken belohnt. Am besten fährt man mit dem Rad. Helga Albert zeigt uns ihre Lieblingsplätze.

20.05.2010, 14:30 Uhr | 06:07 min

Zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2010, 16:01 Uhr

Steckbrief Altmark

Die Altmark im Norden Sachsen-Anhalts besteht aus dem Landkreis Stendal und dem Altmarkkreis Salzwedel. Mit einer Fläche von über 4.700 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie das Saarland, zählt die Altmark zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands: nur rund 244.000 Menschen leben hier. Die größte Stadt Stendal hat rund 42.000 Einwohner.

Die Altmark ist vor allem durch Landwirtschaft geprägt. Zurzeit gewinnt die Nutzung und Veredlung von Biomasse an Bedeutung; zahlreiche Biogasanlagen wurden in den letzten Jahren gebaut. Daneben schaffen holzverarbeitende Industrie, Lebensmittelindustrie sowie Zulieferbetriebe für die Automobilindustrie Arbeitsplätze.

Allerdings nicht genug: Noch immer gilt die Altmark als wirtschaftlich unterentwickelt, die Arbeitslosenquote liegt bei rund 13,5 Prozent. Erschwert wird die Neuansiedlung von Unternehmen durch infrastrukturelle Standortnachteile, etwa die schlechte Anbindung an Fernverkehrsstraßen und die unzureichende Breitbandversorgung.

Zugewinne macht die strukturschwache Region jedoch in Sachen Tourismus. Mit ihrem Wald- und Wasserreichtum ist die Altmark ideales Ziel für aktive Urlauber, die gern wandern, reiten, Fahrrad fahren oder segeln. Wer Flora und Fauna entdecken will, wird in Naturschutzgebieten wie dem Niedermoor des Drömling, in der Colbitz-Letzlinger Heide, den Elbauelandschaften oder am Arendsee fündig.

Aber auch Kulturliebhaber kommen hier auf ihre Kosten: Zahlreiche überregionale Routen wie die Deutsche Fachwerkstraße, das Grüne Band oder die Straße der Romanik durchziehen die Region. Bemerkenswert ist die Vielzahl romanischer Dorfkirchen: Mit über vierhundert dieser Gotteshäuser weist die Altmark eines der dichtesten Netze romanischer Bauwerke in Deutschland auf.

Wer sich neben sakraler Pracht und städtischem Stolz für die bäuerliche Kultur der Altmark interessiert, sollte dem Freilichtmuseum Diesdorf einen Besuch abstatten: die nach alten Vorlagen errichteten Bauernhäuser, die Dorfschmiede, das Backhaus, die Mühle und der altmärkische Kräutergarten vermitteln einen Eindruck vom Leben in der Zeit zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert.

Überall in der Altmark stößt man auf Spuren der Familie Bismarck. Ab dem 13. Jahrhundert spielten sie in Stendal als Stadtschulzen und Münzmeister eine bedeutende Rolle. 1815 wurde der berühmteste Spross des weit verzweigten Clans in Schönhausen an der Elbe geboren: Otto von Bismarck brachte es vom Deichhauptmann zum Reichskanzler. Das Bismarck-Museum Schönhausen zeigt rund 160 Exponate aus dem Nachlass des Staatsmanns.

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK