Gesellschaft

LexiTV | 22.09.2009 | 14:30 Uhr : Zivilcourage

Wenn Zivilcourage gefragt ist, sind viele Menschen überfordert oder trauen sich nicht einzugreifen. Doch Mut im Alltag kann man lernen - und richtiges Verhalten trainieren.

Fast jeder kennt solche Situationen aus eigenem Erleben: eine Gruppe Jugendlicher steigt in die Straßenbahn oder in den Bus, grölt herum und pöbelt Fahrgäste an. Und fast jeder kennt auch das Bedürfnis, den Kopf wegzudrehen, sich hinter der Zeitung zu verstecken oder aus dem Fenster zu starren. Als im September 2009 in der Münchner S-Bahn zwei junge Männer vier Teenager belästigen, schaut der Fahrgast Dominic Brunner nicht weg. Brunner stellt sich schützend vor die 12- bis 14-Jährigen. Auf dem Bahnsteig nehmen die Angreifer Rache: Unter den Augen von 15 Zeugen verprügeln sie Brunner und verletzen ihn schwer am Kopf. Wenig später stirbt der 50-Jährige an seinen Verletzungen.

Ins Bewusstsein gerückt

Dass ein mutiger Akt der Zivilcourage so endet wie an der Münchner S-Bahn, ist ein Extremfall. Doch das Geschehen rückt das Thema Zivilcourage wieder ins Bewusstsein: Wie kann es sein, dass mehr als ein Dutzend Leute beim Überfall zugegen waren, aber keiner etwas unternommen hat? Und wie kann ein Einzelner in einer Notsituation eingreifen, ohne selbst in Gefahr zu geraten? Für das Phänomen des Nichteingreifens gibt es einen wissenschaftlichen Namen: Zuschauereffekt oder auch Genovese-Syndrom. Anstoß der Forschung war der Mord an Kitty Genovese 1964 in New York. In einer Märznacht wurde die junge Frau auf offener Straße niedergestochen, sie schleppte sich in den Flur ihres Wohnhauses, wurde dort von ihrem Peiniger noch vergewaltigt und ausgeraubt. Nicht weniger als 38 Menschen hatten das Geschehen, wenn auch nur bruchstückhaft, mitbekommen. Als endlich jemand die Polizei verständigte, war es für die junge Frau zu spät.

"Ich wollte nicht darin verwickelt werden", sagte später ein Zeuge der Polizei. Die Kitty-Genovese-Story wurde in den USA schnell zur Parabel auf Apathie und Gefühlskälte angesichts der Not anderer Menschen. Den Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané reichte diese Erklärung nicht aus. In zahlreichen Experimenten mit Einzelpersonen und Gruppen spürten sie den psychologischen Mechanismen nach, die jemanden veranlassen zu helfen - oder eben beiseite zu stehen.

Überraschendes Ergebnis

Fünf Entscheidungen und Hemmnisse, so das Ergebnis der Forscher, müsse ein Mensch treffen oder überwinden, bis er hilft: eine Situation bemerken, die Situation als Notsituation interpretieren, sich zum Eingreifen entscheiden, die Form der Hilfeleistung auswählen und schließlich helfen. Für das Bemerken einer Situation spielt psychologisch vor allem Aufmerksamkeit eine Rolle; die Form der Hilfe hängt ab von den Fähigkeiten des Individuums. Ob eine Person eine Notsituation erkennt, sich zum Eingreifen entschließt und tatsächlich Hilfe leistet - und das ist das Überraschende an den Ergebnissen - hängt vor allem von der Gruppendynamik ab: Latané und Darley fanden heraus, dass ein Eingreifen umso unwahrscheinlicher wird, je mehr Menschen bei einer Notsituation zugegen sind!

Warum denn ich...?

In speziellen Anti-Gewalttrainigs der Polizie kann man sich auf kritische Situationen vorbereiten.

22.09.2009, 14:30 Uhr | 02:25 min

Der Mechanismus dahinter ist simpel: das Anpassen an die Mehrheitsmeinung. Bemerkt ein Passant etwa eine Schlägerei auf offener Straße und sieht, wie andere Personen tatenlos dabei stehen, so wird er die Situation nicht als Notfallsituation einschätzen. Pluralistische Ignoranz sagen Wissenschaftler dazu. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Verantwortung übernimmt, sinkt ebenfalls, wenn viele Personen zugegen sind: "Jeder von denen könnte ja helfen", denkt jeder, "die können das bestimmt viel besser, warum soll ausgerechnet ich...?" Auch dafür hat die Wissenschaft einen Begriff: Verantwortungsdiffusion. Und selbst wenn jemand helfen möchte, kann Publikum noch hemmend wirken: Es möchte sich ja niemand blamieren oder vor aller Augen einen Fehler begehen. "Zunächst sagen sehr viele, dass sie in Notsituationen eingreifen würden", berichtet der Sozialpsychologe Kai J. Jonas von der Universität Amsterdam. Und fügt hinzu: "Tatsächlich tun es aber dann sehr wenige." Immerhin, angesichts mehrerer kräftiger, pöbelnder Rabauken den Mund aufzumachen oder in eine Schlägerei einzugreifen, erfordert Schneid. Aber genau darum geht es, sagt Jonas: "Zivilcourage hat etwas mit Mut zu tun und auch mit Risiken. Es gibt keine 'Zivilcourage light'."

Öffentlichkeit schaffen

Neben Mut ist auch Wissen gefragt: Kenntnisse, wie sich Notsituationen entschärfen lassen. "Dazu gehört, eine Situation einschätzen zu können: Was ist sinnvoll? Was ist realistisch?", so der Gewaltexperte Günther Gugel. Ein einzelner Mensch kann gegen einen Schlägertrupp nichts ausrichten, kann aber die Polizei verständigen und sich den Ablauf des Geschehens und das Aussehen der Täter genau einprägen, um als Zeuge aufzutreten. Hilfreich ist es auch, andere Passanten direkt anzusprechen und zur Hilfe aufzufordern: "Sie mit der roten Jacke merken sich jetzt, wie der Täter aussieht, und Sie mit der Aktentasche rufen mal die Polizei." Die so gewonnene Öffentlichkeit und das Gefühl, alle gegen sich zu haben, haben schon manchen Rüpel entmutigt. Mitunter hilft auch kreatives, fast paradoxes Reagieren auf bedrohliche und unangenehme Situationen: Ein junger Mann, dem eines Abends dunkle Gestalten Geld abknöpfen wollten, fragte gerade heraus: "Habt ihr Schwierigkeiten? Wie viel braucht ihr denn?" Die Störenfriede waren so perplex, dass sie "25 Cent" nuschelten und den Rückzug antraten. Und als eine junge Kellnerin sich nach einem anstrengenden Arbeitstag einem bewaffneten Räuber gegenüber sah, sagte sie nur matt "Ich bin müde, ich kann nicht mehr" - der Räuber verschwand unverrichteter Dinge.

Kleine Schritte

Mut, Selbstbewusstsein, das nötige Wissen und ein bisschen Kreativität - die Hürden, Zivilcourage zu zeigen, scheinen hoch. Doch die Experten sind sich einig: Zivilcourage kann man trainieren. Wer hat sich nicht schon geärgert über jemanden, der sich in der Supermarktschlange vordrängelt, über einen ausländerfeindlichen Witz oder über eine anzügliche Bemerkung im Kollegenkreis? Da den Mund aufzumachen und zu widersprechen, kostet nicht viel, ist aber ein erster wichtiger Schritt. "Man trainiert Zivilcourage im Alltag, wenn man sich gegen Diskriminierung und gegen Übergriffe wendet", rät Gewaltexperte Gugel, "...indem man dem Gruppendruck widersteht und seine eigene Meinung vertritt."

Folgenschweres Versagen

Zivilcourage im Kleinen, im Alltag, ist oft unspektakulär und fällt kaum auf. Aufmerksamkeit für Zivilcourage gibt es dann, wenn sie tragische Folgen hat - wie im Fall der S-Bahn-Schläger in München. Für seine eigene Zivilcourage wird Dominic Brunner postum mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt, Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt ihn ein "Vorbild", für Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier ist er "ein wirklicher Held". Doch Dominic Brunner ist kein Held, der strahlt. Er ist einer, der der Masse das eigene Stillhalten, das eigene Schweigen bewusst macht. Denn bei Zivilcourage geht es nicht um Heldentum, eher im Gegenteil. Um es mit den Worten der italienischen Journalistin Franca Magnani zu sagen: "Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen."


Urte Paul (21.09.2009)

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2010, 13:31 Uhr

Zivilcourage = Bürgermut

Überliefert ist der Begriff Zivilcourage seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Frankreich und meint wörtlich "bürgerlichen Mut", wobei "bürgerlich" im doppelten Sinne zu verstehen ist: als "nicht-militärisch" einerseits, "anständig" andererseits. In Deutschland war Otto von Bismarck einer der ersten, der das Wort verwendete. Aus dem Jahr 1864 ist folgendes Zitat des späteren Reichskanzlers überliefert: "Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt."

Auf die Unterschiede zwischen Tapferkeit im Krieg und Zivilcourage geht der Autor und Friedenspädagoge Helmut Jaskolski ein: Der Mut des Soldaten entspringe dem Kameradschaftsgeist, aber auch Anpassungsdruck und Angst vor der Blamage. "Normalerweise stürmen Soldaten alle zusammen los", schreibt Jaskolski, "während diejenige Person, die Zivilcourage zeigt, ... auf sich selbst verwiesen und angewiesen ist, also nicht als Teil einer Masse oder Gruppe agiert." Wer Zivilcourage zeige, stelle sich gegen die wahrgenommene Mehrheitsmeinung oder wenigstens gegen das tatsächliche Mehrheitsverhalten - das falle vielen schwer, denn, so Jaskolski, die Mehrheit der Menschen strebe nach einer unauffälligen, konformen Existenz. Die fortschreitende Individualisierung ermutige den Menschen auch nicht gerade zur Zivilcourage: "Warum sollte er jemandem helfen, wo es doch üblich geworden ist, dass jeder sich selbst hilft?" Zivilcourage, als "moderne Erscheinungsform" der "Kardinaltugend Tapferkeit", bedarf laut Jaskolski vor allem zwei Voraussetzungen: Selbstsein und Handeln-Können.

ziviler Ungehorsam

Der lebenslange Widerständler Ernst Niekisch, die Geschwister Scholl, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, die Demonstranten im Herbst 1989 in der DDR: Zivilcourage gibt es nicht nur in alltäglichen Situationen; sie kann sich auch gegen politische Verhältnisse wenden und helfen, die Welt zu verändern. Eine spezielle Form der Zivilcourage ist der zivile Ungehorsam, also das symbolische Übertreten von Normen und Gesetzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Es war der US-amerikanische Dichter Henry David Thoreau (1817 bis 1862), der den Ausdruck prägte und das Konzept in die Tat umsetzte: Er weigerte sich, Steuern zu zahlen -aus Protest gegen die Sklaverei und gegen den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846 bis 1848).

Vorreiter des zivilen Ungehorsams im Zwanzigsten Jahrhundert war Mohandas Karamchand (genannt Mahatma) Gandhi (1869 bis 1948). Gandhis Philosophie der Satyagraha stützte sich auf die Lehren des Hinduismus und Jainismus. Kern der Satyagraha ist ein Appell an Herz und Gewissen der Gegner durch eigene Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft zu Leiden und Schmerz. Legendär ist Gandhis "Salzmarsch" im Jahr 1930: In 24 Tagen legten Gandhi und 78 Mitstreiter 385 Kilometer zur Westküste Indiens zurück (Schmerz und Leiden). Dort angekommen, hob Gandhi Salz vom Strand auf (Gewaltlosigkeit) und verstieß damit gegen das britische Salzmonopol - ein Symbol für koloniale Ausbeutung. Es war nur eine kleine Geste, doch stieß sie Ereignisse an, die 1949 in Indiens Unabhängigkeit mündeten.

An Gandhi orientierten sich in den 1950er und 1960er Jahren auch Martin Luther King und andere Bürgerrechtler in den USA, um die institutionelle Rassentrennung zu überwinden. Eine beliebte Aktionsform waren Sit-ins: Afroamerikaner setzten sich in Restaurants, zu denen nur Weiße Zutritt hatten. Häufig wurden sie dafür beschimpft, nicht selten bedroht und geschlagen. Auch auf die so genannten Freedom Rides reagierten weiße Mobs mit Gewalt: Afroamerikaner fuhren mit Bussen durch die USA, um auf die faktisch unverändert weiter bestehende Rassentrennung in Bahnhöfen und Verkehrsmitteln aufmerksam zu machen. Sowohl Gandhi als auch King, die beide zeitlebens für Gewaltlosigkeit eintraten, fanden einen gewaltsamen Tod durch die Hand von Attentätern.

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