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Mit dem erscheinen der Detektivgeschichte "Eine Studie in Scharalachrot“ des Arztes Sir Conan Arthur Doyles im Jahr 1887 ging der wohl populärste Kriminalroman-Detektiv aller Zeiten, Sherlock Holmes, erstmals auf Verbrecherjagd. Mit Logik und Aufmerksamkeit selbst für das winzigste Detail rekonstruiert er das verbrecherische Geschehen und kommt so auf die meist verblüffende Lösung des Rätsels.

Detektiv
In vier Romanen und 52 Erzählungen ließ Sir Arthur Conan Doyle Sherlock Holmes auf die Jagd nach Verbrechern gehen.

"Aha, es steckt ein Rätsel dahinter", ruft Watson und reibt sich die Hände. "Ich bin froh, dass du mich mit ihm zusammengebracht hast. Du weißt, die Menschheit studiert man am besten am Menschen." "Studiere ihn nur", entgegnet sein Freund Stamford. "Du wirst dabei manche Nuss zu knacken haben. Ich wette, er kennt dich bald besser als du ihn." 1887 lässt Arthur Conan Doyle in seinem Roman Eine Studie in Scharlachrot den exzentrischen Detektiv Sherlock Holmes erstmals die literarische Bühne betreten, an seiner Seite den jungen Armeearzt Dr. John H. Watson.

Eifrig und gefühllos

Stamford warnt den Freund: Holmes habe seltsame Angewohnheiten und eine Leidenschaft für die Wissenschaften. Was er genau mache, wisse niemand; er sei in der Anatomie gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Nur scheine er weder Medizin noch ein anderes Fach bis zum Abschluss studiert zu haben. Dennoch sei er bei seinen Studien mit Feuereifer bei der Sache, wenn auch etwas überspannt und unmethodisch. Sherlock Holmes verfüge über umfangreiches Wissen auf verschiedensten Gebieten. Nach Stamfords Geschmack ist er jedoch "allzu sehr Wissenschaftler. Das grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, dass er einem guten Freund eine kleine Dosis von einem neuen Gift verabreichen würde. Nicht aus Bosheit, nur um die Wirkung zu erforschen."

Superhirn mit Depressionen

Watson, vor kurzem aus dem Krieg der Briten in Afghanistan zurückgekehrt und auf Wohnungssuche, lässt sich von derlei Warnungen nicht schrecken. Gemeinsam beziehen Holmes und Watson, die unterschiedlicher nicht sein könnten, eine Wohnung in der Baker Street 221b. Watson, oft als bieder und naiv beschrieben, ist ein nüchterner Durchschnittsengländer, geradlinig und mit gesundem Menschenverstand. Im Kontrast dazu steht Holmes, der geniale Ermittler: sprunghaft, arrogant und eitel; ein Einzelgänger mit sozialen Defiziten und Defekten. So lässt sein Schöpfer das Superhirn an Depressionen leiden - kriminalistische Genialität und die Fähigkeit, die Perspektiven von Opfern und Tätern zu übernehmen, fordern ihren Preis. Und Holmes lechzt nach Drogen: Kokain und Morphium mildern die Langeweile in Zeiten mangelnder intellektueller Herausforderung.

Angenehme Wirkungen

Dies scheint so gar nicht zum "unfehlbaren" Meisterdetektiv zu passen. Doch was manchen heute befremden mag, ist zur Zeit Conan Doyles im viktorianischen England keine große Sache. Morphine gibt es rezeptfrei in jeder Apotheke. Man schätzt die angenehmen Wirkungen von Kokain, damals noch nicht als Droge tabuisiert, und genießt es in vielen Situationen des Alltags.

Kraft des Verstandes

Nicht nur auf diesem Hintergrund ist Sherlock Holmes ganz Kind seiner Zeit. In seinen Arbeitsmethoden spiegeln sich Rationalismus und Wissenschaftsoptimismus der Epoche. Conan Doyles Geschichten wurzeln in einer für die damalige Zeit spezifischen Welt- und Menschenanschauung; sie zeigen ein geordnetes System, in dem jede Veränderung dem Prinzip von Ursache und Wirkung folgt. Wird diese Ordnung gestört, beispielsweise durch ein rätselhaftes Ereignis oder ein Verbrechen, überwindet die Kraft des menschlichen Verstandes alle Probleme und stellt die verlorene Harmonie wieder her

Logik und Aufmerksamkeit

Holmes ist ein Meister der Deduktion, der logischen Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen. Der "Größte aller Schlüssezieher" (wie ihn ein Fan einmal nannte) sammelt akribisch die Fakten, in den Berichten seiner Klienten und durch eigene Beobachtungen. Mit Logik und Aufmerksamkeit selbst für das winzigste Detail rekonstruiert er das verbrecherische Geschehen und kommt so auf die meist verblüffende Lösung des Rätsels. Conan Doyle, als Arzt selbst auf der Höhe des zeitgenössischen Wissensstands, lässt seinen Meisterdetektiv bei der Aufklärungsarbeit nicht nur geistig brillieren, er gibt ihm auch die neuesten kriminalistischen Untersuchungsmethoden an die Hand.

Seiner Zeit voraus

Interessanterweise steckt die Kriminalwissenschaft, als Conan Doyle zu schreiben beginnt, noch in den Kinderschuhen. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickeln sich erst langsam Techniken zur Identifizierung von Tätern und zur Aufklärung von Todesfällen. Mitunter ist der Autor seiner Zeit voraus: Unter den vielen fortschrittlichen Methoden, die sich Holmes zu Nutze macht, sind unter anderem die Analyse von Fingerabdrücken und die Erkenntnis, dass jede Schusswaffe eine spezifische Spur auf der abgefeuerten Kugel hinterlässt. Und bereits im ersten Roman verweist Conan Doyle auf Holmes' Interesse an der Toxikologie, damals noch ein Stiefkind der Forschung.

"Hauptstadt des Verbrechens"

Daneben erhalten die Geschichten durch das Spiel vor zeitgenössischer Kulisse - mal in London, damals größtes urbanes Zentrum der Welt und weithin bekannt als "Hauptstadt des Verbrechens", mal in der die Metropole umgebende englischen Countryside - sowie durch zahlreiche Details des viktorianischen Zeitalters ihren authentischen Charakter. Conan Doyle entwickelt ein Panorama des gesellschaftlichen Lebens - wenn auch oft stereotypenhaft und nicht immer konsequent.

Schwach und hilflos

So ignoriert er etwa die aufkommende Frauenbewegung: weibliche Figuren sind bei ihm meist schwach und hilflos; ihr Leben kann nur durch einen Mann, wie Holmes, wieder in geordnete Bahnen gelangen. Conan Doyle stellt das viktorianische Gesellschaftssystem nicht in Frage. Seine Protagonisten entstammen vor allem der Mittelschicht und der Upper Class. Die unteren Schichten spielen kaum eine Rolle - falls doch, ergeben sie sich ihrem Schicksal.

Ausnahmedelikte, Ausnahmefiguren

Conan Doyles spannende Geschichten um Mord, Betrug und Erpressung schildern nicht typische Verbrechen im damaligen England: Deren Ort ist der kriminelle Alltag auf der Straße, bevölkert von unzähligen Armen, die sich ihren Lebensunterhalt durch Taschendiebstahl, Raub oder Prostitution "verdienen". Conan Doyle hingegen beschreibt Ausnahmedelikte; seine Schurken sind entweder professionelle Verbrecher oder Mitglieder der privilegierten Schichten, die als Ausnahmefiguren individuelle Schuld auf sich laden.

"Höhere Gerechtigkeit"

Gern regelt man das "Problem" im Kreis Gleichgestellter. Diskretion geht allem anderen vor; wie degoutant, vor simplen Polizeibeamten, denen man bestenfalls den Status von Lakaien zumisst, die schmutzige Wäsche zu waschen. So können Delinquenten gelegentlich unbehelligt bleiben, etwa, wenn "höhere Gerechtigkeit" ihre Tat legitimiert. Das Gesetz gilt buchstabengetreu eben bloß für die Unterschichten, freilich die Masse der Menschen zu Holmes' Schaffenszeit. Von deren Lebenswelt aber ist der intelligente Meisterdetektiv Lichtjahre entfernt. Sie engagieren ihn nicht. Conan Doyle allerdings befreite die Detektivliteratur auf solche Weise vom Schmuddelimage der Anfangsjahre: Was in besseren Kreisen spielt, werden bessere Kreise lesen. Und was bessere Kreise lesen, setzt die Maßstäbe für den Erfolg.

Ulrike Wolf (21.04.2009)

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2009, 10:58 Uhr

Sir Arthur Conan Doyle

Am 22. Mai 1859 wird Arthur Ignatius Conan Doyle in Edinburgh geboren. Nach dem Schulabschluss in einem englischen Internat studiert er ab 1876 Medizin in Edinburgh. Die Doktorwürde in der Tasche, wird Conan Doyle zunächst Schiffsarzt; 1882 lässt er sich in Southsea bei Portsmouth nieder.

Ende 1887 erscheint Sherlock Holmes' erstes Abenteuer: Eine Studie in Scharlachrot. Ab 1891 gibt es die Geschichten um den genialen Meisterdetektiv regelmäßig im Strand Magazine.

Bald jedoch wird der Schriftsteller seines Helden überdrüssig: Am 4. Mai 1893 stürzt Holmes die Reichenbachfälle im Berner Oberland hinab - sehr zum Unmut der in die Zehntausende gehenden Leserschaft.

Der Autor schreibt, mit weniger Erfolg, weiter: Sachbücher, Fachbücher, historische Romane. Während des Burenkriegs geht Conan Doyle freiwillig als Feldarzt nach Südafrika und verfasst eine Chronik, in der er Englands Kolonialpolitik verteidigt. Für seinen Einsatz wird ihn König Edward VII. 1902 zum Ritter schlagen.

1901 erscheint eine weitere Holmes-Erzählung, die chronologisch vor dem Tod des Detektivs spielt: Der Hund der Baskervilles. 1903, befördert durch den Druck der Fans und durch ein großzügiges Angebot seines Verlegers, lässt Conan Doyle Sherlock Holmes tatsächlich zurückkehren.

Neben dem Schreiben engagiert sich der Autor politisch, unter anderem im Fall George Edalji und als Freimaurer. 1912 erscheint sein wohl bekanntester Roman außerhalb der Holmes-Reihe: Die vergessene Welt.

Conan Doyle widmet sich verstärkt Spiritismus und Mystizismus, finanziert Studien zum Seelenleben des Menschen und wird Mitglied in der Gesellschaft für Parapsychologie.

1927 erscheint die letzte Holmes-Erzählung im Strand Magazine. Sir Arthur Conan Doyle stirbt am 7. Juli 1930 an einer Herzkrankheit.

Der Fall des Juristen George Edalji (1876 bis 1953)

Verstümmelte Pferde, Fremdenfeindlichkeit, falsches Spiel von Polizei und Justiz, ein Unschuldiger im Zuchthaus: Im Dezember 1906 beginnt Arthur Conan Doyle sich für den Fall des Juristen George Edalji (1876 bis 1953) zu interessieren. Edalji wuchs als Sohn eines aus Indien stammenden Vikars in einer ländlichen Gemeinde in England auf, wo man Fremden gegenüber wenig freundlich war: Die Familie war rassistischen Vorurteilen ausgesetzt, wurde beleidigt und bedroht. Als 1903 in der Gegend jemand des Nachts Pferden, Kühen und Schafen die Bäuche aufschlitzte, bezichtigten anonyme Briefe George Edalji der Tat. Ein lokales Gericht verurteilte den studierten Juristen zu sieben Jahren Zuchthaus - aufgrund wenig stichhaltiger Indizien und eines Handschriftengutachtens, das Edalji selbst sogar die Autorschaft der Briefe unterstellte. Drei Jahre saß der Verurteilte im Zuchthaus, auch nachdem der wahre Pferdeverstümmler gefasst und verurteilt worden war und obwohl sich herausstellte, dass der Handschriftenexperte in mindestens einem anderen Fall geirrt hatte. Erst 1906 kam Edalji durch eine von zehntausend Bürgern unterzeichnete Petition frei. Im gleichen Jahr erfährt Arthur Conan Doyle von dem Fall und strengt, ganz im Stil seiner Romanfigur Sherlock Holmes, eigene Ermittlungen an. Er lässt handschriftliche Gutachten anfertigen, weist nach, dass der Schlamm an Edaljis Schuhen nicht vom Tatort stammt und dass die Verletzungen der Tiere nicht von den Rasiermessern herkommen, die als Indizien zu Edaljis Verurteilung beigetragen hatten. Im Januar 1907 trifft Arthur Conan Doyle Edalji. Auf den ersten Blick ist er überzeugt, dass der Jurist, der wegen der Vorstrafe nicht mehr praktizieren darf, unschuldig sein muss: Der Mann ist stark kurzsichtig und leidet unter einer Hornhautverkrümmung; unmöglich kann er nachts auf unwegsamem Gelände unterwegs gewesen sein, um Tiere zu verletzen. Conan Doyle erreicht, dass sich eine Kommission des Innenministeriums mit Edaljis Fall befasst. Tatsächlich wird der unschuldig Verurteilte freigesprochen, seine Vorstrafe wird aufgehoben. Haftentschädigung erhält Edalji jedoch nicht, ein Fehlverhalten der örtlichen Polizei und Justiz stellt die Untersuchungskommission nicht fest. Conan Doyle strebt noch mehrmals nach einer vollständigen Entlastung und einer Entschädigung für Edalji - erfolglos. Die Bürokraten zeigen sich unnachgiebig darin, einander zu beschützen vor Bürgern, die Gerechtigkeit suchen. Einen Erfolg jedoch gibt es: Im Jahr 1907 entsteht das erste britische Berufungsgericht, angestoßen durch eine öffentliche Debatte über Fehlurteile, die unter anderem vom Edalji-Fall gespeist wurde.

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