Gesellschaft

LexiTV | 18.11.2009 | 14:30 Uhr : Depression

Gedrückte Stimmung und Traurigkeit kennt jeder von uns, sie gehören zum Leben. Depressive Verstimmung nennen Fachleute diese an sich gesunde Reaktion von Körper und Psyche auf schwierige Lebensumstände. Doch wie viel Verstimmung ist normal, und wann beginnt eine behandlungsbedürftige Depression? Damit befasst sich LexiTV in einer Sondersendung.

von Urte Paul

depressiv in der Ecke sitzendes Mädchen

Ein "Krake" - mit diesem Bild beschreibt eine Betroffene ihre Depression: Wie ein Tintenfisch mit unzähligen Fangarmen umklammert die Krankheit das tägliche Dasein, saugt sich fest und spritzt "Gift" in ihr Opfer. Wen der Krake überfällt, dem raubt er die Energie: das Aufstehen wird zur Qual, das Zähneputzen zur Kraftanstrengung, der Alltag zur fast unlösbaren Aufgabe. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Hinzu kommen Verzweiflung und Scham, weil man die einfachsten Dinge nicht mehr hinbekommt. Die Welt ist nur noch grau, nichts ist mehr schön, im Innern breitet sich Leere aus ...

"Reiß dich zusammen"

Familienangehörige und Freunde können oft nicht nachfühlen, was ein depressiver Mensch durchlebt, was in ihm vorgeht. "Reiß dich zusammen", lautet ein gut gemeinter Rat. Mit "Zusammenreißen" lässt sich eine Depression aber nicht aus der Welt schaffen, immerhin sind biochemische Vorgänge im Gehirn für die Krankheit mitverantwortlich: Bei einer Depression ist die Konzentration der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin im Kopf zu niedrig. Die beiden Stoffe sind an der Weitergabe von Informationen von einer zur anderen Nervenzelle beteiligt. Bei Mangel ist die Signalübertragung gestört, sind Denken und Fühlen gehemmt.

Vielfältige Ursachen

Zu den körperlichen kommen psychische Ursachen hinzu. Häufig treten Depressionen auf, wenn sich etwas Entscheidendes im Leben ändert, ein neuer Abschnitt beginnt. Das können negative Ereignisse sein wie der Verlust eines nahen Angehörigen oder das Scheitern der Ehe, aber auch positive Ereignisse wie der Studienabschluss. Wie ein Mensch mit solchen Schwellensituationen umgeht, hängt ab von den psychischen Bewältigungsstilen, die er sich seit frühester Kindheit angeeignet hat - sind seine Strategien unzureichend, fühlt er sich überfordert und kann in eine Depression verfallen.

Verstecktes Leiden

Doch nicht jede Depression lässt sich auf einen konkreten Auslöser zurückführen - in vielen Fällen gibt es gar keinen. Das macht das Erkennen von Depression so schwierig: Auch Menschen, in deren Leben alles gut läuft, können unter Antriebslosigkeit, Freud- und Lustlosigkeit leiden. Sie kommen aber selten auf den Gedanken, dass es sich dabei um eine Krankheit handelt. Selbst Ärzte treffen nicht immer die richtige Diagnose. Das liegt auch darin begründet, dass sich Depressionen häufig hinter körperlichen Leiden "verstecken" - Betroffene gehen dann wegen Magenschmerzen, Verdauungsstörungen oder Nierenproblemen zum Arzt. Nur jede zweite behandlungsbedürftige Depression, so schätzen Experten, wird erkannt.

Auswege aus der Niedergeschlagenheit

Viele Menschen, bei denen die Diagnose Depression feststeht, sind erleichtert: Jetzt weiß ich endlich, was mit mir los ist! Und endlich lässt sich auch etwas gegen die Krankheit unternehmen. Die Behandlung von Depression fußt auf zwei Säulen: Medikamente und Therapie. Die medikamentöse Behandlung setzt bei den Botenstoffen im Gehirn an. Sogenannte Antidepressiva hemmen den Abbau oder die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin und erhöhen so relativ deren Vorkommen. Ergänzt wird die Medikamentengabe durch therapeutische Behandlung: Depressive Patienten lernen und üben, ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, soziale Kontakte zu pflegen, Hobbys nachzugehen, Bestätigung zu erfahren. Durch tiefenpsychologisch fundierte oder analytische Psychotherapie ist es außerdem möglich, den psychischen Ursachen der Depression, zum Beispiel den schon erwähnten Bewältigungsstilen, nachzuspüren und daran zu arbeiten.

Kein Patentrezept

Weil jede Depression anders ist, unterscheidet sich die Behandlung von Fall zu Fall. Patentrezepte gibt es nicht - ob ein Medikament oder eine Therapieform die gewünschte Wirkung hat, stellt sich häufig erst nach Wochen heraus. Was vielen Patienten Mut macht: Jede depressive Episode geht irgendwann vorbei; chronische Verläufe gibt es so gut wie nie. Von "Heilung" sprechen Ärzte aber nicht, lediglich von "guter Behandelbarkeit". Denn leider lässt sich nicht ausschließen, dass die Krankheit wiederkommt: Mancher Betroffener gerät im Abstand von mehreren Jahren immer wieder in die Fänge des "Kraken" Depression.

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2009, 10:57 Uhr

Alarmzeichen für Depressionen

Häufige Merkmale dieser ernstzunehmenden Erkrankung sind:

- Antriebslosigkeit
- Innere Unruhe und Schlafstörungen
- Fehlende Lebensfreude
- Innere Leere und Traurigkeit
- Vermindertes Selbstwertgefühl
- Schwindendes Interesse
- Konzentrationsschwäche
- Unentschlossenheit
- Schuldgefühle, Selbstanklagen
- Gestörte Farbwahrnehmung
- Angstzustände
- Selbstmordgedanken
- Körperliche Beschwerden
- Appetitlosigkeit

Hilfe bei Depressionen

Wichtig ist, dass eine Depression rechtzeitig erkannt und konsequent behandelt wird. Wer glaubt, depressiv zu sein, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen: Hausarzt, Fachärzte - also Psychiater oder Neurologen - oder Psychotherapeuten sind die richtigen Ansprechpartner.

Eine erste Einschätzung liefern Selbsttests wie der auf den Internet-Seiten des Kompetenznetzes Depression. Informationen zu Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen in der Nähe gibt es auf der Website des Deutschen Bündnisses gegen Depression.

Depression - eine lebensbedrohliche Krankheit

Etwa zehntausend Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben, mindestens zehnmal so viele versuchen es. Zwischen fünfzig und siebzig Prozent aller Suizide gehen nach Einschätzung von Experten auf depressive Erkrankungen zurück. Suizidgedanken sind zudem häufig ein Symptom der Depression. Für zehn bis fünfzehn Prozent aller schwer depressiv erkrankten Menschen nimmt der Leidensdruck derart überhand, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen.

Was können Betroffene und Angehörige tun, um diesem Schicksal vorzubeugen? Neben akuter Krisenbewältigung ist das rechtzeitige Erkennen und Behandeln der Erkrankung unerlässlich, um Suizide zu vermeiden, erklärt die Deutsche Stiftung Depressionshilfe auf ihrer Website. Das Problem: Zwar gebe es heute wirksame Medikamente und Therapien, allerdings würden Depressionen häufig übersehen oder nicht ernst genommen. Besonders Männern falle es schwer, Hilfe anzunehmen. Und so ist bei ihnen die Gefahr von Suizidversuchen und Suizid als Folge einer unbehandelten Depression deutlich höher als bei Frauen.

Hinzu kommt, dass die Volkskrankheit Depression, unter der immerhin um die vier Millionen Deutsche leiden, kaum Akzeptanz in der Öffentlichkeit erfährt. Dabei sind nicht nur Selbstmorde für die erhöhte Mortalität bei Depressiven verantwortlich: Medizinische Untersuchungen wiesen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Depression und anderen Erkrankungen, wie etwa Diabetes mellitus und Herzerkrankungen, nach.

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