Gesundheit

In der Zwickmühle

Hochleistungssportler stehen unter einem großen Druck: sie müssen gewinnen. Ein zweiter Platz ist oft schon eine Enttäuschung. Um überhaupt konkurrenzfähig zu sein und die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen, sind Athleten nach Meinung der Experten praktisch gezwungen, auf "unterstützende Mittel" zurückzugreifen.

Radrennen
Wenn nicht bloß Siege zählen sondern immer neue Rekorde, wird Doping im Leistungssport beinahe zwangsläufig.

23. April 2007: "Mehrere Proben von Tour-Sieger Landis positiv"; 24. April 2007: "Neue Vorwürfe gegen Giro-Sieger Basso"; 25. April 2007: "Dopingverdacht: Olympisches Komitee sperrt sechs Österreicher auf Lebenszeit" - täglich erreichen uns Schlagzeilen wie diese. Die Medien informieren über den Fortgang der Ermittlungen gegen Jan Ullrich oder spekulieren darüber, ob bei den Erfolgen des siebenfachen Tour de France-Gewinners Lance Armstrong alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Kriminelle Einzeltäter?

Auffällig bei der Berichterstattung ist die Konzentration auf die Athleten. Häufig stehen die "Dopingsünder" ganz allein im Mittelpunkt des Interesses - und am Pranger: Unsportlich und unmoralisch hätten sie sich verhalten, als sie versuchten, sich mit unerlaubten Dopingmitteln und unlauteren Methoden Vorteile gegenüber ihren Gegnern zu verschaffen. Doch sind des Dopings überführte Sportler tatsächlich bloß Einzeltäter, deren Wille zum Sieg - gepaart mit krimineller Energie - sie zu verbotenen Substanzen greifen ließ? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick auf die Ursachen und die Strukturen des Dopings.

In bester Gesellschaft

"Doping ist ein System", sagt der Sportsoziologe Uwe Schimank. Nach Meinung des Experten laufe der kommerzialisierte Leistungssport zwangsläufig auf Doping hinaus. Daher gehe es dopenden Athleten in den meisten Fällen auch nicht darum, besser als die anderen zu sein - viel eher wollten sie einen vermuteten Nachteil ausgleichen. Lügt ein des Dopings verdächtiger Jan Ullrich also, wenn er - darum wissend, in bester Gesellschaft unterwegs gewesen zu sein - behauptet, er habe niemanden betrogen?

Ein "WM-Tourist"

Marc Blume würde diese Frage mit einem eindeutigen "Ja!" beantworten. Der Leichtathlet läuft die hundert Meter in 10,13 Sekunden. Damit ist Deutschlands derzeit schnellster Sprinter 35 Hundertstel langsamer als die US-amerikanische Konkurrenz - und ein "Versager". Während die Weltrekordhalter in dieser Disziplin Millionengagen einstreichen, erntet Blume den Hohn manches Sportjournalisten: Ohne Neun vor dem Komma ist man ein "WM-Tourist" oder "Hinterherläufer". Nun, dass die Oberschenkel seiner schnelleren Gegner doppelt so dick sind wie seine eigenen, wundert Blume nicht.

35 Hundertstel langsamer

Faule Ausrede eines gekränkten Verlierers? Oder die Wut eines - nach eigenen Angaben - "sauberen" Athleten über die Ungerechtigkeit des Wettkampfs? Marc Blume jedenfalls fühlt sich betrogen. Nur 35 Hundertstel trennen ihn von Ruhm, Ehre - und einem Leben als Millionär: Förder- und Sponsorengelder, Werbeverträge und nicht zu vergessen die Siegprämien - sportlicher Erfolg ist bares Geld wert.

Nur wird das Siegen in Zeiten, in denen die Leistungsdichte an der Spitze und der Konkurrenzdruck wachsen, immer schwerer. Geht der Impuls, die Leistung mit unfairen Mitteln zu steigern, doch allein von den Athleten aus?

Siege erwartet

Am Rekord des Athleten hänge ein ganzes Netzwerk von Profiteuren, weiß die ehemalige Leistungssportlerin Ines Geipel. Die Arbeit der Trainer bemisst sich an den Leistungen ihrer Schützlinge, Bezahlung und Ansehen sind oft abhängig vom Erfolg der "modernen Gladiatoren". Sportverbände und ganze Nationen sonnen sich im Glanz ihrer Helden - und sie erwarten nichts anderes als Siege. Ein zweiter Platz bei der Tour de France oder im Gesamt-Medaillenspiegel der Olympischen Spiele ist da schon eine Enttäuschung.

Helfende Strukturen

Dann wäre auch noch die Frage, woher all die Medikamente kommen. Man geht ja nicht einfach in die Apotheke und kauft sich irgendein Mittel, um Muskeln chemisch aufzupumpen, die Ausdauer zu erhöhen oder die Regenerationszeit zu verkürzen. Nein, in Laboren wird lange geforscht, um Dopingmittel zu mixen, die nicht nur gut und lange wirken, sondern auch extrem schwer nachzuweisen sind. Ärzte und Mannschaftsbetreuer versorgen ihre Schützlinge mit passenden Substanzen, injizieren die richtige Dosis und sorgen für die Unterbringung der verbotenen Stoffe. Doping ohne "helfende" Strukturen ist im Profi-Sport kaum möglich.

Das "schwarze Schaf" ist der Sportler

Die Heuchelei aber ist grenzenlos. Was sich hinter den Kulissen abspielt, ist den meisten Akteuren im Sportgeschäft bewusst. Doch es kann nun mal nicht sein, was nicht sein darf: Athleten - die so dumm waren, sich erwischen zu lassen - sind die "schwarzen Schafe", werden kriminalisiert, stehen vor dem Nichts. Die heile Welt des "sauberen" Sports soll aufrecht erhalten werden.

Unter Generalverdacht

Doch ist ihre Glaubwürdigkeit nicht schon längst zerstört? Steht nicht jeder Spitzenathlet heute unter Generalverdacht, mittels unlauterer Methoden zum Erfolg gelangt zu sein? Die Erwartungen, die Sponsoren, Funktionäre und Fans an die Sportler stellen, sind riesig. Sponsoren können nur mit Vorbildern Marketing betreiben, das Publikum will "ehrliche" Gewinner. Natürlich erwartet es auch Spitzenleistungen, nach dem Motto: Höher, schneller, weiter. Experten glauben, dass Athleten im Hochleistungssport praktisch gezwungen sind, auf "unterstützende Mittel" zurückzugreifen, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein und die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen.

Selbstbetrug

Wem es also nicht genügt, dem Sieger eines Rennens zuzujubeln, sondern ständig nach neuen Rekorden verlangt und dann glaubt, dass die allein durch intensives Training zustande kommen - der betrügt sich nur selbst. Und unterstützt darüber hinaus ein System, das Sportler erst in die Dopingspirale treibt.

Ulrike Wolf (02.05.2007)

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2009, 16:35 Uhr

Doping

Die Vielfalt der verwendeten Wirkstoffe und Methoden erschwert eine einfache Definition des Begriffs Doping. Die offizielle Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) listet eine Reihe von Zuständen und Handlungen auf, die als Doping geahndet werden: So das Vorhandensein eines nicht freigegebenen Wirkstoffs, seiner Stoffwechselprodukte oder Marker im Gewebe oder in der Körperflüssigkeit des Sportlers - also chemische Veränderungen im Organismus, die einen Hinweis auf Doping geben.

Die Anwendung oder Verabreichung eines verbotenen Wirkstoffs oder einer verbotenen Methode. Das Verweigern oder Versäumen einer Dopingkontrolle. Die heimliche Manipulation der Dopingkontrolle. Der Besitz eines verbotenen Wirkstoffs oder Hilfsmittels auch durch das Hilfspersonal des Athleten. Der Verkauf oder die Weitergabe von verbotenen Wirkstoffen und/oder Methoden.

Um welche Methoden es sich handelt, und welche Wirkstoffe verboten sind, steht genau in der Verbotsliste der WADA, der so genannten Prohibited List, die jährlich aktualisiert wird: Zu den unerlaubten Hilfsmitteln gehören muskelaufbauende (anabole) Wirkstoffe, Wachstumshormone, Stimulanzien und harntreibende Mittel, die den Nachweis verbotener Substanzen verschleiern, indem sie deren Konzentration durch erhöhte Ausscheidung unter die analytische Nachweisgrenze bringen.

Das so genannte Blutdoping - die Verbesserung des Sauerstofftransports durch Verabreichung eigenen oder fremden Blutes - ist eine sehr häufig angewandte verbotene Methode.

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