Gesundheit

LexiTV : Teure Muskeln

Doping im Freizeitsport ist weit verbreitet. Experten schätzen, dass bundesweit zwischen zwei- und vierhunderttausend Freizeitsportler Missbrauch mit Anabolika oder anderen Substanzen treiben. An die gefährlichen Nebenwirkungen denken dabei die Wenigsten.

Mark schwitzt. Immer wieder hebt er das Kilo schwere Gewicht. Nur noch drei, noch zwei, noch eins - geschafft. Der Blick in den Spiegel entschädigt für die Quälerei. Mark spannt den Bizeps an, sieht zufrieden auf seine Muskeln. Eine kurze Pause, dann geht es zum nächsten "Foltergerät". Tagtäglich spielen sich Szenen wie diese in deutschen Fitness-Studios ab. Hunderttausende stemmen hierzulande Gewichte, um die Muskeln zu stärken und den Körper zu modellieren. Schon zwölfjährige, gerade erst in die Pubertät gekommene Jungs trainieren Arm-, Bauch- und Brustmuskulatur - um dem über Medien und Werbung transportierten Ideal vom Körper so nah wie möglich zu kommen.

Keine Randerscheinung

Der Knackpunkt an der Sache: Das Training ist hart - und dauert lange. Vielen einfach zu lange. Verführerisch scheint die Möglichkeit, mittels leistungsfördernder Mittel den Muskelaufbau zu beschleunigen. Doping im Freizeitsport ist keine Randerscheinung, sondern, verglichen mit dem Profi- und Hochleistungsport, das zahlenmäßig ungleich größere Problem. Experten schätzen, dass bundesweit zwischen zwei- und vierhunderttausend Freizeitsportler Missbrauch mit Anabolika oder anderen Substanzen treiben.

Krankhaftes Verhalten

Und anders als im Hochleistungssport geht es hier nicht vorrangig um Geld. Psychologen glauben, dass häufig krankhaftes Verhalten hinter dem Doping steckt. Zum einen vermittle der in unserer Gesellschaft herrschende Körperkult ein oft realitätsfernes Ideal, zum anderen haben manche ein gestörtes Selbstbild - die so genannte Dysmorphophobie, also Angst vor einem "missgestalteten" Körper -, das dadurch noch verstärkt werden kann. So erstaunt es auch kaum, dass die Liste der Dopingfälle von Bodybuildern angeführt wird. Wie Studien ergaben, hilft rund jeder fünfte der in dieser Szene aktiven Sportler chemisch nach. Neben dem Verführungspotenzial macht die leichte Verfügbarkeit der Substanzen Anabolikamissbrauch zu einem Massenphänomen. Vom Internet über einschlägige Fitness-Studios bis hin zum Dealen auf Schulhöfen reiche das Spektrum der Möglichkeiten, sich spezielle Pillen und Hormonpräparate zu beschaffen, weiß der ehemalige Bodybuilder Jörg Börjesson.

Schon mit 14 Jahren

Alarmierend sei die wachsende Zahl junger Doper. Anabolikakarrieren begännen heute nicht selten schon im Alter von 14 Jahren. Börjesson, nach eigener Aussage einst ein "wandelnder Giftschrank", hat eine Anti-Doping-Initiative gegründet und versucht, durch Vorträge in Studios und Schulen vor allem junge Sportler über die Gefahren des Dopings aufzuklären. Seine eigene Geschichte, glaubt er, sei Abschreckung und Warnung genug: Krämpfe, Schmerzen, Tumore. "Ich bin heute ein Wrack."

Leberversagen, Nierenversagen…

Vor schwerwiegenden gesundheitlichen Auswirkungen des Anabolika-Missbrauchs warnen auch Ärzte. Untersuchungen belegen, dass daraus massive Organschädigungen resultieren können: "Das kann über Herz-Kreislauf-Versagen bis hin zu Leberversagen, Nierenversagen und auch zum Tode führen", erklärt Luitpold Kistler, der anlässlich seiner Doktorarbeit Todesfälle von Bodybuildern analysierte. Besonders häufig seien Kistler gravierende Gewebeschädigungen der Leber bis hin zum Auftreten gutartiger Tumore aufgefallen.

Gefährlicher Teufelskreis

Kaum jemand ist sich im Klaren über die gefährlichen Nebenwirkungen des Muskel-Dopings. Viele probieren es nur mal aus, freuen sich über die raschen Erfolge - und erschrecken, wenn sich nach Absetzen des Mittels die Muskulatur ebenso schnell wieder zurückbildet. An diesem Punkt beginnt dann ein gefährlicher Teufelskreis: Statt einfach aufzuhören, erhöht mancher die Dosis, bis sich erste Nebenwirkungen und Schmerzen bemerkbar machen. Die werden dann nicht selten mit Morphium oder Amphetaminen betäubt. Von hier aus ist der Weg zu Heroin und Kokain nicht weit.

Ulrike Wolf (02.05.2007)

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2009, 10:20 Uhr

Anabolika

Der Begriff Anabolika bezeichnet Mittel, die das Muskelwachstum durch Steigerung des Proteinaufbaus fördern. Die bekanntesten Vertreter sind anabole Steroide. Hierzu zählen neben dem männlichen Sexualhormon Testosteron auch künstlich hergestellte Steroide.

Akne, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Leberschäden sind charakteristische Nebenwirkungen.

Bei Männern kann es darüber hinaus zur Einstellung der Spermienproduktion kommen; bei Frauen führt die Einnahme zu vermehrter Körperbehaarung, Veränderungen des Menstruationszyklus' und der Stimmlage.

Beta-2-Sympathomimetika dienen ursprünglich der Behandlung asthmatischer Beschwerden. Die bronchienerweiternde Wirkung ist ebenso erwünscht wie ihre fettab- und muskelaufbauenden Nebenwirkungen. Krämpfe und Kopfschmerzen sind dagegen unerwünschte Folgen.

Anabole Wirkung haben auch Wachstumshormone, die das Zell- und Körperwachstum steuern

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