eine Damen- und eine Herrentoilette
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LexiTV Heikle Historie

Die Kulturgeschichte der Toilette beschreibt nicht den Weg von spontaner Darmentleerung hin zur sanitären Hochkultur. Schon vor 2.800 Jahren machte man sich in Mesopotamien Gedanken um zweckmäßige Bedürfnisanstalten: Resultat waren gut ausgebaute Abortanlagen. In den Ruinen des Palastes Sargons II. fanden Archäologen gar sechs Toilettenräume mit Wasserspülung!

von Kathleen Niebl

eine Damen- und eine Herrentoilette
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Cloaca Maxima

Im alten Rom entwickelten findige Konstrukteure das öffentliche Toilettenwesen schnell weiter: eine Untersuchung der Niederländischen Organisation für wissenschaftliche Forschung ergab, dass die Römer sogar mehrere Systeme der Wasserzu- und -ableitung kannten: so können heute neben Regentanks, Brunnen und Senkgruben auch Kanalisationen besichtigt werden. Mehr als bloße Bedürfnisanstalten waren die gar nicht so stillen Örtchen in Rom, auch als Stätten der Begegnung schätzte man sie: nur anmutiger Dekor trennte die Sitze voneinander. Unter den marmornen Bänken spülte Wasser die antiken Exkremente in die Cloaca Maxima, den größten Abwasserkanal Roms. Zur standesgemäßen Reinigung stand ein Wassereimer mit Schwämmchen bereit. Beaufsichtigt wurde der Stuhlgang von Cloacina, der Schutzgöttin der Abzugskanäle und Kloaken.

Düstere Zeiten

Mit dem Römischen Imperium ging auch die hoch entwickelte antike Toilettenkultur unter: für den öffentlichen Hygienebetrieb begannen düstere Zeiten. So verrichtete der mittelalterliche Dorfbewohner sein Geschäft meist in aller Öffentlichkeit; auf dem Feld, dem Misthaufen oder in der Senkgrube. Wer keinen Misthaufen in seiner Stadtwohnung hatte, war gezwungen, seinen Nachttopf auf der Straße auszuleeren. Nächtliche Spaziergänger mussten gar vorausgehende Begleiter anheuern, die den Schritt des Flaneurs durch den Straßenkot lenkten. Noch um 1500 gab es an Nürnberger Bürgerhäusern Abwassergruben, die nur alle sieben Jahre entleert wurden.

Burgraben und hölzerne Aborte

Wer das Glück hatte, auf einer Burg zu wohnen, dem war der Burggraben zu Nutze: waagerechte Schlitze in den Mauern dienten dort als Klosetts. Andernorts verrichtete die werte Ritterschaft ihr Geschäft schlicht in ein Loch im Fußboden: die Auswürfe landeten - im günstigsten Fall - dann im darunter gelegenen Keller. Fortschrittliche Burgbewohner kannten noch einen dritten Weg mittelalterlicher Entleerung: so gab es an manchen Burgen Türen, die ins Freie führten. An diesen Türen nun waren hölzerne Aborte angebracht, die die ritterlichen Exkremente - so die Windverhältnisse es zuließen - ebenfalls in den Burggraben beförderten.

Ein Toilettenhäuschen mit einem Herz in der Holztür
Hat mittlerweile fast überall ausgedient - das gute, alte Plumpsclo. Meist ruhig und idyllisch gelegen - doch ohne Wasserspülung. Bildrechte: IMAGO

Schafwolle und Spitzendeckchen

Eleganter ging es bei Königs zu. Statt sich wie das gemeine Volk hinzuhocken, sehnten sich französische Monarchen nach einer weniger entwürdigenden Art des Wasserlassens: ein Thron musste her. Gereinigt wurde das adlige Popöchen dann unter anderem mit Schafwolle. Madame Dubarry - Mätresse Ludwigs XIV. - tat es gar nur mit Spitzen besetzen Stoffdeckchen.

Wandelnde Klohäuschen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts - die allgemeine Mobilität hatte zugenommen - wuchs das Bedürfnis, sich auch außerhalb der eigenen vier Wände zu erleichtern: die Stunde so genannter Pelerinenmänner und Abtritt-Anbieterinnen hatte geschlagen. Die vor allem im schottischen Edinburgh aktiven Pelerinenmänner trugen neben großen Eimern auch weit geschnittene Umhänge, unter denen "Bedürftige" ihr Geschäft verrichten konnten. Ähnliches hatten auch die zu Messezeiten in Frankfurt tätigen ambulanten Abtritt-Anbieterinnen im Angebot.

Das erste Wasserklosett

Die Idee für das erste Wasserklosett kam um 1589 dem Engländer John Harrington. Der hochkomplizierte Apparat fand allerdings nur eine Abnehmerin: Königin Elisabeth I. Erst das rund zweihundert Jahre später entwickelte Modell Alexander Cummings - ausgestattet mit einem doppelt gekrümmten Abfallrohr, dem Siphon - konnte ab 1860 auch in Durchschnittshaushalten Interesse wecken.

Toilettenkult in Japan

Avantgardistisches Toilettendesign kommt heute aus Japan; so verfügen die dort üblichen Washlets über zahlreiche Funktionen: die zuvorkommenden Klosetts öffnen und schließen sich selbstständig, verfügen über Heizung, Klimaanlage und Massagefunktion. Außerdem messen medizinische Sensoren Blutzuckerwerte im abgegebenen Urin. Auch Blutdruck, Puls und Körperfettanteil lassen sich mit den multifunktionalen Toiletten sachkundig bestimmen.

Toilette bedeutet Würde Die GTO (German Toilet Organisation) gibt an, dass rund 2,6 Milliarden Menschen weltweit keinen oder nur einen unzureichenden Zugang zu Toiletten haben; das sind immerhin 42 Prozent der Weltbevölkerung. Allein siebenhundert Millionen Inder müssen tagtäglich ihr Geschäft im Freien verrichten: an Mauern oder Bahngleisen.

Resultat des Hygienemangels: jährlich sterben ungefähr 50 Millionen Menschen an Durchfallerkrankungen, die nicht zuletzt durch fehlende Sanitäreinrichtungen übertragen werden.

Bis 2015 will die GTO, in Verbindung mit ihrem Dachverband, der World Toilet Organization, 1,3 Milliarden Menschen den Zugang zu Aborten ermöglichen.

Unter dem Motto "Toilette bedeutet Würde" wurde im März 2006 eine Ausstellung auf dem Potsdamer Platz in Berlin eröffnet: zu sehen sind Pappfiguren, die sich, nur mäßig durch Einkaufstüten und Koffer geschützt, in aller Öffentlichkeit erleichtern.

Versehen sind die Gestalten mit der Frage "Wo würden Sie sich verstecken?"

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2015, 12:54 Uhr