Gesundheit

LexiTV : Zurück zum Kraut

Gegen (fast) alles ist ein Kraut gewachsen: ob gegen Kopf- und Nierenschmerz, Schweißfüße oder Fieber, Harndrang, Impotenz oder Seelenpein. Das Wissen um diesen Sachverhalt ist alt: Schon Ötzi, der verunglückte Bergsteiger, soll Birkenporlinge mit sich geführt haben, gut als Wundauflage und bei Magenbeschwerden.

Kräuter
Gegen (fast) alles ist ein Kraut gewachsen.

Kräuterbücher sind aus sämtlichen Schriftkulturen überliefert: Heilpflanzen samt Anwendung beschreibt der ägyptische Papyrus Ebers, anderthalb Jahrtausende vor Christus; medizinische Handbücher des Orients enthalten diverse Hinweise; und die unvermeidliche Hildegard von Bingen griff auf Heilkräuter zurück.
Was sollte man sonst auch tun, lange vor dem Anbruch der Moderne? Denn es gab ja weiter nichts. Es gab auch nichts, an dessen Wirkung man sonst glauben konnte, außer ans Gebet. Und bekannt ist immerhin, wie sehr der Glaube die Heilung unterstützt. Die Präparate aus Pflanzenteilen wirkten eben, wie Erfahrung zeigte. Experten sprechen von evidenzbasierter Medizin. Dem im Zwanzigsten Jahrhundert als Placebo geschmähten Johanniskraut etwa hätte bis weit in die Neuzeit niemand die stimmungsaufhellende Wirkung abgesprochen. Warum gingen Wissen, Glaube - und damit Wirkung - zwischenzeitlich verloren? Warum müssen wir heute erst wiederfinden, was einst Allgemeingut war?

Fabriken statt Wiesen

Schuld ist die industrielle Revolution. Diesen ungeheuren Umbruch aller Lebens-, Denk- und Verhaltensweisen charakterisierte eine massenhafte Urbanisierung: Überall zog man in die Städte, um Arbeit zu suchen; Mietskasernen ragten empor, wo früher Gräser blühten. Mensch und Kraut rückten - schon räumlich - auseinander. Im Jahr 1800 lebten noch drei Viertel der deutschen Bevölkerung auf dem Lande. Wenige Generationen später hatte sich das Verhältnis nahezu umgekehrt. Findige Unternehmer ließen - ob in Europa oder in den USA - auf städtischen Brachen Fabriken errichten. So gesehen ist es kein Ausnahmefall, dass der Geschäftsmann Karl Pfizer aus Ludwigsburg 1849 bei New York eine Firma etablierte. Sein Verkaufsschlager hieß Santonin - ein Mittel, welches gegen Bandwürmer verwendet wird.

Lärm und schlechte Luft

Urbanisierung und Entstehen der pharmazeutischen Industrie, die beiden Prozesse bedingten sich gegenseitig: Dem gewachsenen Heilkraut entfremdete Konsumenten, denen Lärm, Luft und Enge der Städte auf Körper und Seele gingen, erwarteten gründliche Hilfe von chemischen Präparaten. Großmutters Kräuterwissen schien in der neuen Umgebung unangebracht. Bevor Großmutters Wissen die Gosse hinunter ging, entwich allerdings der Glaube. Das hing zusammen mit der neuen Bedeutung von Zeit im städtisch-industriellen Leben: Weil chemische Stimmungsaufheller schneller wirken als das eher gemächliche Johanniskraut, welkte das Vertrauen in Letzteres dahin. Weil Aspirin den Schmerz rascher auslöscht als ein Kräutertee, gab man Letzteren der Lächerlichkeit preis. Nun war es bloß noch ein Schritt, bis finanzstarke Pharmakonzerne Studien in Auftrag gaben. Deren Resultat stand von vornherein fest: Die Wirkung der alten Kräutlein gehört zum weiten Feld der Placebo-Effekte! Um die Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts scheint die Phyto-(Pflanzen-)Medizin im westlichen Kulturkreis endgültig der Vergangenheit anzugehören. Überdies tauchen Krankheiten auf, denen in den alten Kräuterbüchern keine Belegstelle Genüge tut: Der Krebs fordert seine Opfer; Aids, diese Geißel der Menschheit, folgt später.

Pillen für Milliarden Dollar

Und um Depressionen - Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts die Volkskrankheit Nummer eins - zu kurieren, geben Pharmahersteller riesige Summen aus. Dank immer ausgeklügelterer und teurerer Antidepressiva fließt freilich ein mehrfacher Betrag in die Kassen zurück. Die Firma Pfizer, nur ein Beispiel für einen global agierenden Pharmakonzern, setzt 2005 mit weltweit 106.000 Beschäftigten rund 48 Milliarden US-Dollar um.

Auszug aus den Städten

Doch die Kräuter wachsen weiter. Dass wir sie seit einigen Jahrzehnten wieder deutlicher im Blickfeld haben, kommt nicht von ungefähr: Suburbanisierung nennen Soziologen den anhaltenden Vorgang der Ent-Städterung: Relativ einkommensstarke Angehörige von Mittelschichten ziehen aus den während der Industrialisierung entstandenen städtischen Ballungszentren hinaus in die Suburbs (in die Vorstädte), vielleicht auch gleich aufs Land.

Kräuter-Mode

Dort ist der Kräutergarten nicht nur möglich, er ist sogar ein kleines Statussymbol: Wer "ganzheitlich" denkt, wer sich der "ChemoMedizin" gegenüber kritisch verhält, der meint wohl, gebildeter, informierter zu sein als medikamentengläubige Zeitgenossen. Alternativmedizin wird vor allem bei höheren Einkommensgruppen Mode. Das Pendel schwingt in die andere Richtung.

Die Kassen klingen

Umsatzeinbußen beschert dies den Pharmaherstellern kaum. Deren Werbestrategen haben den Trend längst begriffen: Warum soll der angebotene Wirkstoff nicht "rein pflanzlich" sein? Es ist eine Sache des Glaubens. Es ist der Glaube, der heilt. Die "Hildegard-Medizin" füllt die Kassen; der Buchhandel freut sich, wenn der Absatz von Kräuterbüchern steigt. Auf höherer Ebene kommen pharmazeutische Studien zu passenden Resultaten: Johanniskraut wirkt wieder, ja, es war nie ein Placebo-Präparat. Der Clou: Es wirkt wirklich. Weil gegen alles ein Kraut gewachsen ist, sind wir nun froh. Natürlich auf pflanzlicher Basis!

Michael Schmittbetz (21.09.2007)

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2009, 16:17 Uhr

Hildegard von Bingen (1098 bis 1179)

Ganz schön mystisch war sie tatsächlich: Vor allem nachdem die adlige Nonne 1136 Äbtissin geworden war - und beachtlichen politischen Einfluss erlangte -, glaubten viele ihren Visionen.

Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) ist heute eine Ikone des "ganzheitlichen" Denkens und gilt als dessen früheste Vertreterin. Spezialisierung war eben zu ihrer Zeit noch nicht angesagt. Voller Selbstvertrauen befasste sich die im 16. Jahrhundert heilig gesprochene Dame mit Allerlei, darunter auch mit der Kräutermedizin.

Im Vordergrund stand das Ziel der Einheit und Ganzheit am Ende des Weges zum gesunden Menschen. Hinwendung zum Glauben sollte das Mittel sein. Das Interesse an diversen Hildegard-Themen ist mittlerweile weltweit ausgeprägt: Hildegard-Forscher(innen) kommen nicht zuletzt aus Asien und den USA.

Johanniskraut

Dämonen soll es angeblich vertreiben - das Johanniskraut. Diese magische Pflanze der Sommersonnenwende ist seit jeher für ihre depressionslindernde Wirkung berühmt.

Welcher Wirkstoff das verursacht ist wie bei vielen pflanzlichen Heilmitteln nicht endgültig geklärt: Vermutlich arbeiten Hypericin und Hyperforin, die in allen Pflanzenteilen enthalten sind, zusammen.

Um Effekte zu erzielen ist eine Dosis von minimal 600 Milligramm Extrakt (nicht lediglich geraspeltes Pulver) pro Tag nötig. Präparate mit ausreichend hoher Wirkstoffkonzentration sind in Deutschland apothekenpflichtig.

Seit einigen Jahren wird die Wirksamkeit des Johanniskrauts von einer Mehrzahl pharmazeutischer Studien wieder anerkannt. Vorher galt es lange als teurer "Edel-Placebo".

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