Gesundheit

LexiTV : Störung im System

Das menschliche Gehirn ist das leistungsfähigste aller Lebewesen und bringt es auf 30 bis 100 Milliarden Nervenzellen. Gehen Nervenzellen großflächig zugrunde, sind ernsthafte und belastende Störungen die Folge. Vor allem durch die steigende Lebenserwartung nehmen altersbedingten Nervenerkrankungen wie Morbus Alzheimer und die Parkinson-Krankheit zu.

Nervenbahnen

"Zu meiner Überraschung bemerkte ich (in Venedig) eine Erstarrung oder Undeutlichkeit der Empfindung in der Gegend der Schläfe über meinem linken Auge", schreibt der englische Adlige Augustus Frederick d'Este (1773 bis 1848) in sein Tagebuch. "In Florenz begann ich an einer Störung des Sehvermögens zu leiden: Um den 6. November (1827) herum nahm das Übel soweit zu, dass ich alle Dinge doppelt sah... Mit jedem Tag stellte ich fest, dass mich schrittweise meine Kraft verließ. Eine Taubheit und Empfindungsstörungen traten an Steißbein und Damm auf. Schließlich hatte mich die Kraft der Beine um den 4. Dezember herum fast ganz verlassen."

Beschwerden in Schüben

Zweiundzwanzig Jahre lang lebt d'Este mit der seltsamen Krankheit, die er in seinem Tagebuch schildert: In Schüben stellen sich Beschwerden wie Sehstörungen, Taubheitsgefühle, Schwäche und Müdigkeit ein, die nach wenigen Wochen fast vollständig verschwinden. Erst im späteren Krankheitsverlauf werden die Leiden dauerhaft, ab 1844 braucht d'Este einen Rollstuhl. Die Ärzte behandeln mit den üblichen Methoden: Blutegel, Auslösen von Erbrechen, Aderlass. Eine Erklärung für die Krankheit haben sie nicht.

Zerstörtes Mark

Heute weiß man: Augustus d'Este litt an Multipler Sklerose (MS), einer Nervenkrankheit, die der französische Neurologe Jean-Martin Charcot erstmals 1868 beschrieb. Zum Ausbruch der Krankheit kommt es durch Entzündungen im Rückenmark und im Gehirn, bei denen körpereigene Stoffe das Mark um die Nervenbahnen herum angreifen und zerstören. Dadurch werden Signale entlang der Bahnen verlangsamt oder gar unterbrochen.

Wahrnehmen und Steuern

Für den Körper bedeutet das: die "interne Kommunikation" funktioniert nicht mehr richtig. Denn Nerven übermitteln einerseits Sinneseindrücke wie Gerüche und Berührungen, Wärme, Kälte und Schmerz an das Gehirn. In die andere Richtung geben sie Befehle des Gehirns an Organe und Muskeln weiter und steuern so den Organismus. Sind die Nervenbahnen gestört, kann der Körper also Sinneseindrücke nicht mehr korrekt wahrnehmen und Körperfunktionen nicht mehr richtig steuern - das erklärt die Symptome der MS.
Durch Multiple Sklerose hervorgerufene Beschwerden klingen in der Anfangszeit der Krankheit jedoch meist wieder ab, weil sich die in Mitleidenschaft gezogenen Nervenbahnen regenerieren können: das Mark, das sie umgibt, wird nach einem Schub der MS zumindest teilweise wiederhergestellt. Anders hingegen sieht es aus, wenn eine Krankheit oder ein Unfall Neuronen, also Nervenzellen, zerstören. Sie verabschieden sich auf ewig.

Ungelenkes Schlurfen

Bis zu eine Billion Neuronen soll es geben im menschlichen Gehirn - wenn nur wenige den Dienst versagen, ist das zunächst nicht schlimm. Gehen Nervenzellen jedoch großflächig zugrunde, sind Störungen die Folge. Die Parkinson-Krankheit zum Beispiel tritt auf, wenn siebzig Prozent der dopaminergen Neuronen verfallen sind. Diese Nervenzellen stellen den für die Motorik wichtigen Botenstoff Dopamin her - fehlt der Botenstoff, zeigen sich Symptome, die ein anonymer Betroffener 2005 in der ZEIT so beschrieb: "Man beginnt nicht nur zu zittern, sondern verfällt in fahrige Fehlbewegungen, Haltungs- und Balancestörungen, ungelenkes Schlurfen, manchmal ist es, als würde der Körper, losgelöst vom eigenen Willen, sekundenlang gefrieren, ehe der gewünschte Schritt möglich wird oder die angestrebte Bewegung des Armes."

Verdopplung bis 2030

Vor allem ältere Menschen sind von Parkinson betroffen. Die ersten Symptome treten meist in der sechsten Lebensdekade auf; nur fünf bis zehn Prozent der Erkrankten sind jünger als vierzig Jahre. Mehr als vier Millionen Parkinson-Kranke gibt es weltweit, in Deutschland sind es rund eine Viertelmillion. Nach Ansicht von Experten wird sich die Zahl der Erkrankten weltweit bis 2030 verdoppeln! Denn: die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen steigt - und mit dem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit, an Parkinson zu erkranken.

"Reise ins Vergessen"

Alzheimer
Jeder dritte Mensch über 65 Jahre ist von Alzheimer betroffen.

Ähnliche Prognosen machen Forscher für die Demenzkrankheit Alzheimer. Eiweißablagerungen im Gehirn (so genannte Plaques) "vergiften" hier Nervenzellen regelrecht. Die Zellen sterben ab, und damit auch langsam aber sicher das Gedächtnis und die Persönlichkeit des Erkrankten - häufig wird die Krankheit als "Reise ins Vergessen" bezeichnet. Jeder dritte Mensch über 65 Jahre ist betroffen. Die Absolutzahl der Kranken werde sich von heute 26 Millionen auf 106 Millionen im Jahr 2050 erhöhen, prophezeien der Mediziner Ron Brookmeyer und seine Kollegen von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Alzheimer könnte damit das Ausmaß einer globalen Epidemie erreichen.
Die steigende Lebenserwartung ist ein Grund, warum wohl in Zukunft mehr und mehr neurologische Krankheiten diagnostiziert werden. Stetig verbesserte Verfahren, zum Beispiel die Computer- oder die Magnetresonanztomografie, machen es Ärzten leichter, Diagnosen zu stellen. Und: das Bewusstsein für neurologische Erkrankungen hat zugenommen. "Früher hat man vielen älteren Menschen, die vergesslich wurden, erklärt, das sei halt so im Alter", kommentiert der Kieler Neurologe Jens Volkmann gegenüber Spiegel-online. Heute hat man in den meisten Fällen eine bessere Erklärung dafür: Alzheimer.

Mehr Diagnosen

Doch auch die Multiple Sklerose, die eher junge Menschen betrifft - siebzig Prozent der Betroffenen erhalten die Diagnose im Alter zwischen 20 und 40 Jahren -, diagnostizieren Ärzte heute häufiger als noch vor ein paar Jahrzehnten. Eine Studie des National Institute of Neurological Disorders and Stroke in den USA hat ergeben, dass sich die Häufigkeit der Krankheit seit 1982 um die Hälfte erhöht hat.

Eher Frauen als Männer

Als Erklärung dafür kommen nicht nur neue Diagnosemöglichkeiten in Frage. Denn: Biostatistiker von der University of Alabama at Birmingham haben herausgefunden, dass inzwischen drei- bis viermal mehr Frauen als Männer an MS erkranken - in den 1940er Jahren lag das Verhältnis noch bei 2:1. Forscher vermuten eine Reihe von Faktoren hinter der stärkeren Zunahme von Krankheitsfällen bei Frauen, zum Beispiel die Einnahme der Verhütungspille, die steigende Anzahl von übergewichtigen und rauchenden Frauen sowie ein höheres Alter bei der Geburt des ersten Kindes.

Kontakt mit Umweltgiften

Insgesamt wissen Mediziner aber noch sehr wenig über die Auslöser von neurologischen Krankheiten. Wer erkrankt, lässt sich schwer vorhersagen. Es gibt lediglich vage Hinweise, dass ein Ausbruch von MS zusammenhängen könnte mit Vitamin-D-Mangel oder Infektionen. Parkinson scheint vermehrt bei Leuten aufzutreten, die häufig in Kontakt mit Umweltgiften wie Pestiziden kommen.

Nicht die Nerven verlieren

Eine eindeutige Prognose gibt es allenfalls für Alzheimer - wenn man dem Münchner Psychiater und Neurologen Hans Förstl glauben darf: Alzheimer sei eine Alterserscheinung und eigentlich gar keine Krankheit, erklärte er 2006 in einem Interview mit der ZEIT. "Wir müssen uns ... klar machen, dass jeder Mensch an Alzheimer erkrankt, vorausgesetzt, er wird alt genug, um das zu erleben. Die Wahrscheinlichkeit, bis zum Alter von 100 Jahren eine Demenz zu entwickeln, beträgt fast 100 Prozent." Angesichts solcher Prognose hilft wohl nur eins: nicht die Nerven verlieren.

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2009, 13:52 Uhr

Nerven

Mehrere Millionen Kilometer lang verlaufen Nervenbahnen (Axone) durch den Körper des Menschen. Sie vernetzen Neuronen über so genannte Synapsen miteinander und leiten Impulse elektrisch weiter: vom Zentralen Nervensystem (ZNS), also Gehirn und Rückenmark, zum Peripheren Nervensystem (PNS) und zurück.

Das ZNS ist Schaltstelle und Kontrollzentrum aller neurologischen Vorgänge im Körper. Es sammelt Informationen über die Umwelt und den eigenen Körper, verarbeitet sie und steuert darauf das Verhalten von Organen und Bewegungsapparat.

Erfolgt auf einen Reiz eine automatische Reaktion des Organismus, die kein Denken erfordert, so spricht man von einem Reflex.

Das Saugen und Greifen bei Neugeborenen gehört dazu, ebenso wie das Würgen beim Berühren der Hinterwand des Rachens.

Übrigens können Nervenimpulse Geschwindigkeiten von hundert Metern pro Sekunde erreichen, also locker jeden Rennwagen der Formel 1 überholen.

MS, Parkinson und Alzheimer

Keine der drei Krankheiten ist bisher heilbar, doch ihre Symptome lassen sich behandeln und der Verlauf verlangsamen.

Die Behandlung von Multiple-Sklerose-Patienten zielt einerseits darauf ab, Häufigkeit, Schwere und Dauer von Schüben zu verringern und die ursächlichen Entzündungen zu hemmen.

Andererseits mildern Medikamente Symptome wie Müdigkeit, Schmerzen und Funktionsstörungen beim Sprechen oder Schlucken.

Den Dopaminmangel bei Parkinson-Patienten können ebenfalls Medikamente teilweise ausgleichen, Bewegungs- und Sprechtherapien können den Verlust der Beweglichkeit verlangsamen. Es gibt auch die Möglichkeit zur Tiefenhirnstimulation mittels Hirnschrittmacher, der fehlgesteuerte Hirnregionen animiert.

Alzheimer-Symptome lassen sich bisher nicht wirklich behandeln. Vorbeugung scheint jedoch wirksam zu sein: Menschen, die bis ins hohe Alter körperlich, geistig und sozial aktiv sind, haben ein geringeres Risiko für Demenzen. Seit einigen Jahren wird auch an einer Alzheimer-Impfung geforscht, die die Bildung von Plaques verhindern und vorhandene Plaques entfernen soll.

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