Gesundheit

LexiTV : Gespensterjagd

Nach Einführung der Pille folgte der sogenannte Pillenknick: die Geburtenrate in Deutschland ging von durchschnittlich 2,5 auf 1,4 im Jahr Kinder pro Frau deutlich zurück. Deutschland schrumpft – nach Meinung vieler Experten mit verheerenden Folgen.

von Kathleen Niebl

Nuckel
Deutschen Frauen bekommen im Durchschnitt nur 1,4 Kinder.

Ein Thema hält das Land in Atem: die Republik stehe am demografischen Abgrund, tönen Meinungsmacher. Statt künftige Arbeitskräfte in die Welt zu setzen und privat Geld für die Versorgung im Alter zurückzulegen, verpulvern dreiste Zeugungsverweigerer ihr Einkommen lieber im Luxusurlaub auf Mallorca. Die Folgen der Bevölkerungskatastrophe meinen Experten schon heute absehen zu können: die Wirtschaft büße qualifiziertes Humankapital ein, das umlagefinanzierte Rentensystem kollabiere und die verbliebenen Germanen sähen sich einer unkontrollierbaren Masse verrohter Zuwanderer gegenüber.

Interessengelenkt

Angesichts der mageren Quote von nur 1,4 statistischen Kindern pro Frau, also künftigen Angestellten, bilden sich nun auf Business-Hemden erste Schweißflecken. Doch was wäre so schlecht daran, wenn es in Zukunft, bei weiterhin mieser Nachfrage weniger Anbieter von Arbeitskraft gäbe? Die Antwort liegt auf der Hand: das Heer der Erwerbslosen erzeugt indirekt Druck auf alle Beschäftigten. Glaubt sich der Arbeitnehmer jederzeit ersetzbar, wird er weniger Gehalt verlangen und sich unter Umständen mit einem befristeten Vertrag zufrieden geben. Sinkt die Zahl der Arbeitslosen, müssten höhere Löhne gezahlt und Beschäftigungsverhältnisse stabilisiert werden.

Folge des Werteverfalls?

Wertewächter - nicht selten nach allen Seiten abgesicherte Wohlstandsmenschen - beklagen zudem den Verlust familiären Tugendbewusstseins. Kurz: Karrieregeilheit und Egomanie trieben junge Frauen aus dem Kreissaal in den Chefsessel. Dass es in den meisten Fällen nicht das Streben nach Beförderung, sondern die Angst um die berufliche Existenz ist, die die Frauen in den unfreiwilligen Gebärstreik zwingt, passt freilich schlecht in die Argumentationslogik der Edelgesinnten. Denn auch Flexibilisierungsdruck ist es, der den "Marktwert" einer berufstätigen Mutter ins Bodenlose fallen lässt. Treue, Beständigkeit, häusliche Pflichterfüllung: in einer globalisierten Arbeitswelt sind das schwer zu realisierende Werte.

Verzicht auf lebendige Altersvorsorge

Und die Rente? Droht den Ruhegeldbeziehern von morgen - so sie nicht privat vorgesorgt haben - tatsächlich die finanzielle Katastrophe? Immerhin steht einem Erwerbstätigen 2050 fast ein Rentner gegenüber. Den Verantwortlichen für den Altersgeldschlamassel haben gewisse Meinungsführer wenigstens schon einmal ausgemacht: hätte der alte Bismarck 1881 nicht den deutschen Sozialstaat inklusive seiner Luxuspensionen erfunden, kein Deutscher käme heute auf die Idee, auf Nachkommen, also auf seine lebendige Altersversorgung, zu verzichten. Doch ist der Kollaps des Rentensystems noch aufzuhalten?

Rettung für die Rente

Zutreffend ist, dass bei unserem umlagefinanzierten Rentensystem die Jungen den Lebensunterhalt der Alten finanzieren. Sollen Rentenbeiträge nicht endlos steigen, gilt es, Stellschrauben innerhalb des Systems zu bewegen. Stiege in Zukunft etwa die Erwerbstätigenquote, würden heute noch Arbeitslose sozialversicherungspflichtig beschäftigt, müsste der gebeutelte Sozialstaat diese nicht mehr alimentieren - die gesparten Millionen kämen den Rentnern zu Gute. Auch ein Stopp der Frühverrentung - so denn genügend Arbeit für ergraute Arbeitnehmer vorhanden ist - würde die Rentenkassen sprudeln lassen: das Renteneintrittsalter müsste überdies nicht angehoben werden.

Kinderschwund, na und?

Zu fragen wäre, ob das Schreckbild der kinderlosen Nation nicht eine Chimäre ist; und ob ein so hoch entwickeltes und flexibles Land wie Deutschland nicht in der Lage sein wird, die bevorstehenden Umbrüche zu bewältigen. Widerstand gegen das Deutungsmonopol der Demografen beginnt sich zu regen: "Kinderschwund, na und?" titelte die Zeit Ende März.

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2009, 14:30 Uhr

Familienpolitik gegen Bevölkerungsschwund

Auch in der DDR warnten Demografen vor Bevölkerungsschwund: verlief die Geburtenrate bis in die 1970er Jahre ähnlich wie in der Bundesrepublik, konnten familienpolitische Eingriffe der Regierung ab 1972 einen kurzfristigen Anstieg der Geburtenzahlen auf 1,94 Kinder pro Frau herbeiführen.

So bauten die Verantwortlichen zunächst in großem Umfang Kinderkrippen und Hortplätze aus. 1976 führte man das Babyjahr mit vollem Lohnausgleich und die Vierzig-Stunden- Woche für Mütter von wenigstens zwei Kindern ein.

Zudem gewährte der Staat eine Geburtenbeihilfe von bis zu tausend Mark. Ferner versüßten zinslose Kredite für junge Paare und die Ausweitung des Wohnungsbaus so manchem DDR-Bürger das Kinderkriegen bis 1990.

Nach der Wende fiel die Geburtenrate in den östlichen Bundesländern auf 0,77 Kinder pro Frau. Zur Zeit nähert sie sich den Werten in Westdeutschland an.

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