Gesundheit

LexiTV : Teufelskreis Kaufsucht

Ganz Deutschland verfällt phasenweise in einen wahren Kaufrausch - bei Schluss- und Sonderverkäufen oder im vorweihnachtlichen Einkaufsmarathon. Kaufen ist in der modernen, konsumorientierten Gesellschaft gern gesehen, wenn nicht gar ausdrücklich erwünscht. Frust- und Belohnungskäufe gelten noch als normal - problematisch wird es, wenn der Frustkauf zur Sucht wird.

 Kaufsucht
Fünf Prozent der Erwachsenen sind "stark" und zwanzig Prozent "deutlich" kaufsuchtgefährdet.

Seinen Anfang nahm das rauschhafte Kaufen zur Zeit des Wirtschaftswunders in den 1950er und '60er Jahren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den langen Hungerjahren füllten sich in Deutschland langsam wieder die Teller. Für viele rückte der Traum vom guten Leben mit steigenden Einkommen in greifbare Nähe. Früher kaum erschwingliche Luxuswaren wandelten sich nun in Gebrauchsgüter: Kühlschrank und Waschmaschine waren 1965 schon in den meisten deutschen Haushalten vorhanden. Der Konsum entwickelte sich zum Motor der Wirtschaft. Moderne Warenhäuser und Supermärkte prägten jetzt das Stadtbild - das "Einkaufserlebnis" setzte sich durch.

Frust und Belohnung

Konsum spielt seitdem in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle, die durch die Werbung noch überhöht wird: Sie verspricht psychischen Ausgleich und Problemlösung durch Konsum. Wie gefährlich das ist, zeigt das inzwischen weit verbreitete Phänomen der Kaufsucht. Laut Untersuchungen der Universität Stuttgart-Hohenheim sind fünf Prozent der Erwachsenen "stark" und zwanzig Prozent "deutlich" kaufsuchtgefährdet. Frust-, Belohnungs- oder auch manch überflüssige Schnäppchenkäufe gelten noch als normal - problematisch wird es aber, wenn persönliche Defizite regelmäßig durch Käufe überwunden werden, der Frustkauf zur Sucht wird.

Unerkannte Sucht

Kaufsucht ist eine unauffällige Sucht, häufig bleibt sie vom Süchtigen selbst und von seiner Umwelt lange unerkannt. Übermäßiges Einkaufen gehört scheinbar zur Normalität, während Nikotin- und Alkoholsucht gesellschaftlich negativ belegt sind. In ihrem Verlauf ist die Kaufsucht jedoch durchaus mit anderen Süchten vergleichbar: Es kommt zur Abhängigkeit vom Kaufen, die bis zum Verlust der Selbstkontrolle führen kann. Das Kaufen bleibt dem Süchtigen als alleiniges Ausgleichs- und Befriedigungsmittel. All seine Interessen zielen auf das Suchterleben - fällt es weg, folgen Entzugserscheinungen

Eine unauffällige Sucht

Der unwiderstehliche, stets wiederkehrende Drang, kaufen zu müssen, hat finanzielle wie psychische Konsequenzen. Was mit einem regelmäßig überzogenen Konto beginnt, kann zur Verschuldung in Millionenhöhe führen. Das Gefühl von Einengung und Vereinsamung, von Scham und schlechtem Gewissen verstärkt den Leidensdruck noch. Aus Verzweiflung flüchten sich die Betroffenen wieder in den Kaufrausch - ein Teufelskreis.

Euphorie...

Wie bei jeder anderen Sucht, verschafft nicht das Suchtmittel selbst Befriedigung, sondern das Suchterleben. Kaufsüchtigen dient dazu der Akt des Kaufens, nicht der Besitz oder das anschließende Konsumieren der gekauften Güter. Die während des Kaufens empfundenen euphorischen Glücksgefühle wandeln sich zu Hause schnell in Schuld und Angst: Gekaufte Dinge werden gesammelt, unausgepackt gelagert, versteckt, verschenkt oder weggeworfen.

...und Sehnsucht

Kaufen kann dem Süchtigen kurzfristig erlauben, innere Unruhe zu betäuben, Ängste und Depressionen zu unterdrücken. Auf der anderen Seite wirkt es aber auch wie ein stimulierendes Aufputschmittel: Es verschafft Glücksgefühle, sich selbst zu beschenken, um eine innere Leere zu füllen. Die aufregende "Jagdlust" beim Kaufen hilft außerdem, den deprimierenden Alltag zu vergessen. Man weicht Problemen aus und entflieht so der Realität. In jedem Fall aber ist der Kaufzwang Symptom für persönliche psychische Defizite, für die Sehnsucht nach Liebe, Zuneigung, Respekt und Beachtung.

Ich kaufe - also bin ich

Kaufen dient immer auch einer Bestätigung des Selbst, ist Symbol für selbstständiges Entscheiden, für Überfluss und intensives Leben. Es ist Ersatz für fehlende Anerkennung in anderen Bereichen des Daseins, bietet emotionale Unterstützung und Schutz vor Minderwertigkeitskomplexen.Wie der sprichwörtliche Hamster im Laufrad strebt der Kaufsüchtige, getrieben von seiner Sucht, in die Konsumtempel und verschafft sich so schnelle Befriedigung. Die eigentlichen Probleme, vom Rausch des Kaufens zunächst verdeckt, bleiben jedoch und vergrößern sich am Ende sogar. Die schon erwähnte gesellschaftliche Akzeptanz und Unauffälligkeit der Kaufsucht ist das eigentliche Problem. Betroffene merken von ihrer Sucht zunächst gar nichts, oder wollen sich nicht eingestehen, abhängig vom Kaufen - als Ventil viel tiefer liegender Probleme - zu sein. Den normalen Akt des Kaufens erleben sie nicht als Zwang, sondern als eigenes Bedürfnis.

Gefahren lauern überall

Das Problematische ist, dass sie nicht wirklich abstinent leben können - auf das Kaufen kann man, im Vergleich zu Nikotin oder Alkohol, nicht verzichten, es gehört zum alltäglichen Leben. In einer Gesellschaft, in der Konsum Prestige und Anerkennung bedeutet, lauern für den Süchtigen überall Gefahren. Er muss selbst erkennen, was er braucht und was für ihn überflüssig, sogar schädlich ist.

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2009, 14:08 Uhr

Verschuldete Haushalte

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der überschuldeten Haushalte in Deutschland drastisch zugenommen. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, da in Deutschland über den Verschuldungsgrad privater Haushalte keine Statistik geführt wird.

Schätzungen des ersten Armuts- und Reichtums- berichts der Bundesregierung aus dem Jahr 2000 zufolge waren 1999 mehr als 2,7 Millionen Haushalte überschuldet, 1989 nur 1,2 Millionen.

Derzeit wird die Zahl der überschuldeten Haushalte auf 3 Millionen beziffert. Im ersten Halbjahr 2003 wurden rund 32.000 Privatinsolvenzen gemeldet. Von 1970 bis 2001 hat sich das Konsumentenkredit- Volumen von 14,8 Milliarden auf 219,8 Milliarden Euro erhöht.

Zwischen 1997 und 2000 stieg die Zahl der Verbraucherkredite um 30 Prozent.

Schuldnerberatungsstellen berichten, dass im Jahr 2000 knapp die Hälfte ihrer Klienten bis zu 15.000 Euro Schulden hatte, etwa 17 Prozent waren sogar mit über 50.000 Euro verschuldet.

Am stärksten betroffen ist die Altersgruppe der 30- bis 40-jährigen, 17 Prozent der Betroffen sind älter als fünfzig Jahre. Als häufigste Ursache für die private Verschuldung gelten Arbeitslosigkeit und gescheiterte Ehen. (Quelle: SCHUFA Schulden- Kompass 2003)

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