Zwei handelsübliche handelsübliche Salvarsanverpackungen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

LexiTV Schöngeist und Siechtum

Franz Schubert, Heinrich Heine, Paul Gauguin - viele Berühmtheiten aus Kunst und Literatur litten an Syphilis. Trotz körperlichen Verfalls setzten sie zu kreativen Höhenflügen an. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang?

von Melanie Brühler

Zwei handelsübliche handelsübliche Salvarsanverpackungen
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Als Franz Schubert 1824 das Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" komponierte, wusste er, dass er selbst den Tod schon in sich trug - und er konnte sich denken, dass der Grund dafür ein Mädchen war. Die Liebe wurde dem Komponisten zum Verhängnis. Er litt jedoch nicht an gebrochenem Herzen, nicht an den Liebesleiden, die in Dichtung und Kunst als Quell der Inspiration dienen. Seine Liebeskrankheit war weit prosaischer: Schubert hatte "Lues Venerea", die Lustseuche - Syphilis.

Erstmals 1495

Syphilis ist eine Infektionskrankheit, die durch sexuelle Kontakte übertragen wird. Erstmals wird der Begriff im Jahr 1530 in einem Gedicht eines veronesischen Arztes erwähnt, die Krankheit selbst ist jedoch älter: Die erste Syphilisepidemie verzeichneten Chronisten im Jahr 1495. Über dreihundert Jahre später infizierte sich auch Franz Schubert mit den Bakterien, die Syphilis auslösen.

Verfall und Schaffenskraft

Als er über der Symphonie Nr. 8 arbeitete, entdeckte der Komponist an seinem Körper erste Anzeichen der Krankheit. Zur damaligen Zeit galt Syphilis als unheilbar. Schubert wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er stürzte sich in die Arbeit. In den Jahren nach der Infektion komponierte er einige seiner größten Werke: die "Deutsche Messe", die "Winterreise", den "Schwanengesang", sowie unzählige Lieder und Stücke. Seine Kreativität schien durch die Krankheit gesteigert. Der körperliche Verfall stand einem Erstarken der geistigen Schaffenskraft gegenüber.

Im syphilitischen Fieberwahn

Damit war Schubert nicht allein. Die Liste berühmter Syphilitiker liest sich wie ein Who is Who der internationalen Schöngeister, der geistigen Elite: Keats, Schiller, Heine, Gauguin, Baudelaire, Dürer, Flaubert, Cellini, Poe, Goya, Schopenhauer, Toulouse-Lautrec - sie alle lebten mit der Krankheit. Beinahe scheint es, als sei Syphilis eine grundlegende Voraussetzung, um sich für den Olymp der Künstler zu qualifizieren. Unsterbliche Werke wurden im syphilitischen Fieberwahn geschaffen, Geschichte wurde geschrieben.

Auch der Adel

Neben zahllosen Künstlern ist auch der Adel eng mit Syphilis verbunden: Katharina die Große, Heinrich VIII., Karl VIII. und Franz I. waren infiziert. Dies inspirierte den - ebenfalls syphilitischen - Humanisten Erasmus von Rotterdam zu der Bemerkung, ein Adliger ohne Syphilis sei entweder nicht sehr adelig oder kein richtiger Mann. Auch Voltaire scherzte über den Adel und die Syphilis: In "Candide" erdichtet er als Satire auf adlige Stammbäume eine lückenlose Syphilis-Infektionskette, die bis Kolumbus zurückreicht.

Dichtung oder Wahrheit?

Vor allem Krankheit und Kunst aber sind so untrennbar verwoben, dass Künstlern bisweilen sogar Syphilis angedichtet wurde: Oscar Wilde erschien mit seiner schillernden Persönlichkeit, seiner ausschweifenden Lebensart und seinem Dandytum geradezu als idealer Syphiliskandidat; Beweise, dass er unter Syphilis litt, gibt es jedoch nicht. Friedrich Nietzsche wurde ebenfalls Syphilis zugeschrieben, doch auch bei ihm ist nicht sicher, ob es sich um Dichtung oder Wahrheit handelt: Seit einigen Jahren herrscht die Meinung vor, Nietzsches Syphiliserkrankung sei nur ein bewusst gestreutes Gerücht gewesen, um den Philosophen und seine Anhänger zu diskreditieren.

Hauch von Lebensart

Dabei war einst genau das Gegenteil der Fall: Eine Syphiliserkrankung ließ einen Künstler nur selten in Misskredit fallen. Viel öfter umwehte ihn dadurch der Hauch von Lebensart fernab des spießigen Bürgertums, eine Aura von Unangepasstheit und Wildheit. Die Legendenbildung um Syphilis begann. Es schien, als würde das große, unsterbliche Werk die Krankheit geradezu voraussetzen, als sei Syphilis ein Adelsprädikat für den Künstler. Besonders deutlich wird das in Thomas Manns Roman "Doktor Faustus": Manns Romanheld, der Komponist Adrian Leverkühn, infiziert sich wissentlich mit Syphilis, um Genialität zu erlangen.

Täglich viereinhalb Stunden

Die Glorifizierung der Syphilis als elitäre Eigenheit von Künstlern und Adligen lässt allzu leicht vergessen, dass die Krankheit eben auch ein hässliches Gesicht hat. Als Franz Schubert seine Winterreise komponierte, war sein Körper bereits vom Verfall gezeichnet: mit Ausschlägen übersät, aufgequollen und eitrig. Durch die Behandlung mit Quecksilber fielen dem Kranken die Haare aus, er musste eine Perücke tragen, sein Immunsystem war geschwächt. Dennoch war er in dieser Zeit unglaublich produktiv: Schubert komponierte durchschnittlich viereinhalb Stunden täglich, der Geist war weit leistungsfähiger als der Körper.

Von genialischen Höhenflügen...

Ist es also wirklich so einfach, durch Syphilis zum Genie zu werden, wie Thomas Mann das in Doktor Faustus nahelegt? Im letzten Stadium der Syphilis greift die Krankheit Nervengewebe im Rückenmark und im Hirn an. Mögliche Folgen sind Halluzinationen, Größenwahn, gesteigerte Denk- und Merkfähigkeit - und Kreativität.

...zu Demenz und Lähmungen

Wenn Syphilis unbehandelt bleibt, kann sie also tatsächlich genialische Höhenflüge verschaffen, bevor Demenz und Lähmungen eintreten, die Fähigkeit zum Sprechen verloren geht, das Gehirn den Dienst verweigert. Das Phänomen gesteigerter kognitiver Leistungen tritt außerdem nur bei ungefähr zwanzig Prozent aller Syphilis-Patienten auf, die nicht mit Medikamenten behandelt werden. Schubert war einer von ihnen, Manns Romanheld Leverkühn ebenso.

Pakt mit dem Teufel

Doch nur Leverkühn infiziert sich bewusst und willentlich. In Doktor Faustus lässt der Protagonist sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein, um den Durchbruch als Künstler zu schaffen. Er tauscht seine Gesundheit gegen kurzfristige Genialität. Für Leverkühn heiligt der Zweck die Mittel. Syphilis, die tödliche Krankheit, wird billigend in Kauf genommen: um das Bewusstsein zu erweitern, die Kreativität anzuregen. Alles für die Kunst!

Gesundheit gegen Genialität

Auch wenn diese literarische Beschreibung melodramatisch erscheint: Noch immer wählen manche Künstler den Teufelspakt - Gesundheit gegen Genialität. Das Mittel der Wahl allerdings hat sich geändert. Statt Syphilis sind es heute bewusstseinserweiternde Drogen. Der Effekt ist ähnlich, das Risiko allerdings auch.

Syphilis - medizinisch Die Syphilis ist eine Infektionskrankheit, die in Deutschland meldepflichtig ist. Der Hauptgrund für Infektionen sind sexuelle Kontakte, die Krankheit kann aber auch während der Schwangerschaft oder der Geburt von der Mutter auf das Kind übertragen werden. Auslöser sind Bakterien der Art Treponema pallidum, die in verletzte Schleimhäute eindringen.

Die Krankheit verläuft in drei Stadien: Nach einer etwa dreiwöchigen Inkubationsphase bilden sich in der ersten Phase an den Schleimhäuten am Infektionsort Geschwüre, Lymphknoten schwellen an. Nach drei bis sechs Wochen verschwinden diese Symptome in der Regel folgenlos. In der zweiten Phase kann es zu Ausschlägen und Schleimhautveränderungen im Mund- und Genitalbereich kommen, die Lymphknoten schwellen an, auch Fieber wird in dieser Phase häufig beobachtet. In der dritten Phase attackiert die Krankheit innere Organe und das Nervensystem. Diese Phase kann sich über Jahre oder gar Jahrzehnte erstrecken.

In allen Stadien ist Syphilis behandelbar. Als Therapie werden Penicillinspritzen eingesetzt, bei Allergien auch Antibiotika. Im Jahr 2006 haben sich in Deutschland etwa 3.150 Menschen mit Syphilis infiziert, die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Zahl der weltweiten Neuinfektionen auf rund zwölf Millionen.

Viele Namen für Syphilis Syphilis hat viele Ausprägungen und genauso viele Namen: Für die Geschlechtskrankheit gibt es mehrere hundert Bezeichnungen. In Deutschland ist Syphilis auch als Harter Schanker, Lues Venerea (Lustseuche) und Franzosenkrankheit bekannt. Andere Namen beziehen sich auf vermeintliche Ursachen, auf äußere Erkennungsmerkmale der Krankheit, auf Heilige, die um Beistand gebeten werden, oder auf das vermeintliche Herkunftsland.

Hier kann man beobachten, dass der vermutete Ursprung der Syphilis gern Nationen zugeschrieben wird, mit denen der jeweilige Namensgeber zum Ausbruchszeitpunkt in gespannter Beziehung stand:

Italien: Französische Krankheit,
Frankreich: Italienische Krankheit,
Schottland: Englische Krankheit,
Polen: Deutsche Krankheit,
Russland: Polnische Krankheit,
Mongolei: Russische Krankheit.

Syphilis wird wie kaum eine andere Krankheit moralisch bewertet - und ist wohl auch deshalb immer die Krankheit der anderen. Dem terminologischen Wirrwarr setzte der Veroneser Arzt und Philosoph Francastoro ein Ende, indem er die Krankheit in seinem Gedicht Syphilis, sive morbus gallicus nach dem Schafhirten Syphilis benannte. Der Hirte Syphilis hatte Apollon, den Gott der sittlichen Reinheit, derart erzürnt, dass der ihn mit der Krankheit bestrafte.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2016, 15:03 Uhr