Kunst und Kultur

Der Music Manager

Georg Friedrich Händel wurde am 23. Februar 1685 in Halle an der Saale geboren. Mit 18 zieht er nach Hamburg, einige Jahre später erobert er bereits Italien und England. Neben Johann Sebastian Bach gilt er als der zweite Großmeister der Barockmusik und genoss schon zu Lebzeiten den Rang eines Klassikers. Noch zu Lebzeiten wird ihm in London ein Denkmal gesetzt.

Händel-Denkmal in Halle
Georg Friedrich Händel zeigte Sinn fürs Geschäft, knüpfte Kontakte und Allianzen, schuf seine Werke mit Blick auf den Effekt.

Spätbarock heißen die fünf Jahrzehnte nach 1720: Perückenzeit. Perücke war freilich nicht gleich Perücke: Es gab kleine, bescheidene Dienstperücken, ferner mittlere Exemplare, und gigantische Lockenwunder, deren Pflege allmorgendlich ein spezialisierter Lakai übernahm. Händels Perücke war beachtlich - etwa wie bei einem Oberhausmitglied, einem reichen Landbesitzer, oder einem Höfling. Wenn eine Vorstellung dem Menschen Händel nicht gerecht wird, dann die vom einsam schaffenden, in seiner Klause vergrabenen Kreativen, der die Welt ignoriert. Immer stand dieser Mann im Rampenlicht, inszenierte sich selbst, setzte seine Musik wie seine Erscheinung ein, um wohlkalkulierte Effekte zu erreichen.

Nur die Kasse

Händels Lebensstil wirkt auf uns überraschend modern, sein Arbeitsstil ebenso: "Händel komponierte niemals, ohne eine Aufführung direkt zu planen, oder sie gar schon gesichert zu wissen", stellt Christopher Hogwood fest, Händels Biograf. London, wo Händel von 1712 bis zu seinem Tod 1759 fast ununterbrochen lebte, bot in markttaktischer Hinsicht ja auch ein heißes Pflaster: politische Rücksichten, die Launen des Publikums, nicht minder launische Stars in den Opernhäusern... "Ich werde nur von der Kasse sprechen, ob das Theater voll oder leer war, denn davon hängt alles ab, sei es gut oder schlecht", schreibt 1729 ein Händel eng verbandelter Kollege.

Harte Bandagen

Der Kern des Problems ist beinharte Konkurrenz. Berühmt ist die große Opernkrise der 1730er Jahre: Unweit von Händels "King's Theatre" am Haymarket eröffnet 1733 die "Adelsoper" in Lincoln's Inn Field. Händel, Finanzchef, künstlerischer Leiter und Marketingboss in einer Person, stellt sich dem ruinösen Wettbewerb. Gekämpft wird mit harten Bandagen: Stars werden abgeworben, Gerüchte gestreut, Partys auf Tage gelegt, an denen im anderen Haus Premiere ist. 1737 sind beide Unternehmen pleite. Händels Gegner sind allerdings etwas mehr pleite als er.

Moses' Song

Händel bekommt seinen ersten Schlaganfall, komponiert aber, nach längerem Kuraufenthalt, weiter. Er entwickelt mitten in der Krise sogar ein neues Produkt: Statt Opern im italienischen Stil sollen bald Oratorien die Kasse füllen - vertonte Bibelpassagen, gesungen in englischer Sprache und gespielt nach dem Geschmack der Londoner Oberschicht. Moses' Song lautet der Arbeitstitel des ersten Projekts. Später wird daraus Saul.

Riecher fürs Geschäft

Der Sachse Händel - mit seiner Opera seria, deren ernst gemeinte aber triviale Libretti in italienischer Sprache zur Persiflage reizen - ist in London nicht durchweg beliebt. Weite Teile des Publikums reden einer "nationalen Musik", einer "nationalen Oper" das Wort. Henry Purcell (1659 bis 1695), Englands erste musikalische Größe des 17. Jahrhunderts, ist ihr Idol. Die Abneigung gegen Händel hat aber noch vertracktere Gründe: 1714 wird der Kurfürst von Hannover, Händels einstiger Arbeitgeber, als Georg I. englischer König. Der neue Monarch, kaum ein Geistesriese, weigert sich Englisch zu sprechen und stößt die Aristokratie vor den Kopf. Wer fortan den König aus Hannover meint, prügelt den Deutschen Händel. Das ist weniger riskant.

Neue Werke bei Bedarf

Doch Händel ist gewohnt, sich durchzubeißen. 1685 in Halle an der Saale geboren, hat der junge Mann früh gelernt, zu erfassen, wo seine Chancen liegen, wo Stellen vakant sind, wo es Opernhäuser mit hochwertigem Personal und guter Ausstattung gibt. Weltoffenheit steht obenan: Hamburg, Jahre im Opernland Italien, Hannover, dann London - das sind die Stationen. Überall knüpft Händel Kontakte, mehr noch, er legt sich aus eigenen wie aus fremden Kompositionen ein Inventar an Versatzstücken zu, woraus er, bei Bedarf, neue Werke generiert. Des Komponisten Verhältnis zum geistigen Eigentum kann man mit modernen Maßstäben nicht messen.

"Catfight"

An musikalisch-szenischen Mitteln ist in Händels Londoner Theater erlaubt, was Beifall entlockt, oder was auf beliebige Weise aufmerken lässt: die gigantischen Chöre, die riesigen Kesselpauken der Artillerie aus dem Tower, skandalumwitterte Sänger, bei einer Gelegenheit der "Catfight" zweier verfeindeter Star-Aktricen auf offener Bühne (zu dem der Meister höchstselbst, unbewegten Gesichts, besagte Kesselpauken betätigt). Überwiegend sind Parkett und Logen gut gefüllt. Falls nicht, zahlt Händel unterbeschäftigten Musikern einen Obolus, damit sie Publikum spielen.

Göttliche Inspiration?

Späteren Generationen war die Legende lieb und teuer, der Messias, Händels bekanntestes Werk, sei "göttlicher Inspiration" entsprungen. Tatsächlich ist auch dieses Oratorium Resultat sorgsamen Planens: William Cavendish, Vizekönig von Irland, hatte Händel im Namen von Wohltätigkeitsvereinen zur Oratoriumssaison 1742 nach Dublin geladen. "Die Aussicht auf ein neues Publikum, der gute Zweck, und das Angebot mehrerer Konzerte waren für Händel Anreiz genug, die Planung einer Reihe von Darbietungen in Angriff zu nehmen", schreibt Biograf Hogwood.

Umstrittene Persönlichkeit

Das Archiv der Versatzstücke wurde geöffnet, manches sogar eigens neu komponiert. Verwerflich ist dies gewiss nicht, ebenso wenig wie "politische Gesten" aus Opportunismus, die sich in Händels Stücken häufig finden. Es ist nur eben meilenweit vom romantischen Ideal des nur seinem Genie verpflichteten Künstlers entfernt. Das aber entstammt, wie der Name schon sagt, einer späteren Epoche. Der Mensch des Barock, weltläufig nach damaligen Begriffen, meist sachlich, geschäftstüchtig und irdischem Glanz durchaus zugeneigt, hätte es für versponnen gehalten.

Gerüchte über Gerüchte

Händel, der Opern-Manager, war Zeit seines Lebens umstritten. Die Glorifizierung setzte erst nach seinem Tode ein. Zu Lebzeiten scheint man Privates deshalb wohlweislich gehütet zu haben. Dann, im Begeisterungstaumel, war Verfängliches nicht mehr gefragt. Heute können wir nur spekulieren, ob das Privatleben des genialen Komponisten wirklich so dürftig war wie die Informationen, die darüber erhalten sind. Große Leidenschaften, ob zu Weib oder Mann - Fehlanzeige! Was bis in unsere Tage hinüberkam, sind Gerüchte: Da soll einerseits die hochgestellte Geliebte gewesen sein; da ist andererseits von homosexueller Orientierung die Rede. Nichts davon ist belegt.

Eitel und depressiv

Zeitgenossen unterstreichen Händels Eitelkeit und trockenen Humor. Auf geschäftliche Misserfolge reagierte er zeitweise depressiv. 1754 veröffentlichte eine Londoner Gazette eine boshafte Karikatur: Händel, gezeichnet als Vielfraß, sitzt an der Orgel, umgeben von Flaschen und erlegtem Geflügel. "Seine Gestalt war die eines großen und sehr stattlichen Mannes", hielt Sir John Hawkins 1776 fest. Da war Händel schon anderthalb Jahrzehnte tot. "Sein Gang war immer schlendernd und recht schwerfällig, denn er wiegte sich dabei ein wenig wie ein Mann mit O-Beinen. Seine Gesichtszüge waren fein und sein Ausdruck im allgemeinen friedlich, er sprach von Würde und Wohlwollen und jeder Eigenschaft des Herzens, die Vertrauen und Hochschätzung weckt."

Mehr als 20.000 Pfund

Ab 1751 beginnt Händels Sehkraft zu schwinden; ab Mai 1752 ist er blind. Unverdrossen aber stellt der Komponist Teile alter Stücke zu neuen Werken zusammen, schreibt sogar neue Arien und überarbeitet älteres Material. Am Samstag, dem 14. April 1756, um 8 Uhr morgens, stirbt Georg Friedrich Händel.

Ein Denkmal

Beigesetzt wird er, wie von ihm gewünscht, in der Westminster Abbey. "Überall wurde betont, dass er bei seinem Tod über ein Vermögen von mehr als 20.000 Pfund verfügte", schreibt Hogwood. "Die vereinten Chöre der Chapel Royal, von St. Paul und Westminster sangen William Crofts Begräbnismesse. Es soll ihm ein Denkmal errichtet werden, das seine Werke zweifellos überdauern", steht im Universal Chronical vom 28. April.

msz (03.10.2007)

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2009, 14:50 Uhr

Engländer oder Deutscher?

Nur scheinbar ist diese Frage in Bezug auf Händel leicht zu beantworten. Natürlich, Georg Friedrich Händel kam am 23. Februar 1685 in Halle an der Saale zur Welt. An der deutschen Herkunft besteht also kein Zweifel.

Andererseits verbrachte er den größten - und produktivsten - Teil seines Lebens auf englischem Boden, nämlich die Jahre ab 1712.

Vor allem im 19. Jahrhundert reklamierte britischer Nationalstolz den Komponisten unverhohlen für sich: "Es ist wahr, Händel wurde nicht als Engländer geboren, doch nie gab es jemanden, der in Hinblick auf die besten englischen Eigenschaften selbst englischer gewesen wäre", meinte zum Beispiel der Schriftsteller Samuel Butler (1835 bis 1902).

Händels Musik war für viele Briten im Zeitalter des Nationalismus Ausdruck von Überlegenheitsgefühl, manifestiert in Kolossalaufführungen mit fast militärischem Anstrich.

Noch 1920 beteiligten sich viertausend Musiker aus allen Regionen des Landes am Großen Händelfestival im Kristallpalast in London.

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