Naturphänomene

LexiTV : Lichter und Leichen

Moore gelten als unheimliche Gefilde: Sagen erzählen von heimtückischen Moorgeistern; Leichenfunde lassen erahnen, welche Rolle dem Moor einst als Opferstätte zukam. Woher kommen die Mythen und Schauermärchen?

von Manuel Mohr

Moorlandschaft

"Vor undenklicher Zeit versank im Schwarzen Moor eine großes Dorf, weil die Einwohner von ihrem sündhaften Leben nicht ablassen wollten..." - Die Sage vom versunkenen Dorf ist nur eine von zahllosen Erzählungen, die mit dem Motiv des todbringenden Moors spielen. Heute wissen wir: In der Realität werden Ortschaften nicht von Mooren verschlungen. Als solche Sagen entstanden, waren Moorlandschaften jedoch schwer zugängliche und unerforschte Gebiete. Das ließ Platz für Spekulationen, und der Volksglaube griff Moore als Sinnbild für Unheilvolles und Bedrohliches auf.

Leuchten ins Verderben

Ein gutes Beispiel dafür ist ein Phänomen, welches sogar in Goethes "Faust" Erwähnung findet: das Irrlicht, auch als Irrwisch bekannt. Die Mythologie sagt dieser Erscheinung gleich mehrere unheilbringende Eigenschaften nach. Zum einen soll es sich bei Irrlichtern, die vornehmlich nachts in Mooren und Sümpfen zu beobachten sind, um die Seelen Verstorbener handeln. Die ruhelosen Seelen müssten so lange umher irren, bis sie eine zu Lebzeiten begangene Sünde verbüßt hätten. Zum anderen heißt es, Irrwische seien Naturgeister, die Wanderer vom Wege abbringen, ins Moor und damit in den sicheren Tod locken.

Glühwürmchen und faule Gase

Wissenschaftler kennen mehrere Ansätze, um das Phänomen der Irrlichter plausibel zu erklären - optische Täuschung durch biolumineszente Effekte beispielsweise. Biolumineszenz beschreibt die Fähigkeit von Lebewesen, Licht zu erzeugen. Bestimmte Algenarten oder Glühwürmchen könnten Ursache für das merkwürdige Leuchten im Moor sein.

Eine weitere Erklärung fanden Wissenschaftler bei der Untersuchung von Faulgasen, auch Sumpfgase genannt. Diese Gase entstehen, wenn Bakterien im Moor unter Sauerstoffabschluss biologische Stoffe zersetzen. Gelangen die gasförmigen Zersetzungsprodukte an die Oberfläche, kann es passieren, dass sie sich entzünden, aufflammen und so kurzzeitig Licht aussenden. Präzise Forschung wird allerdings durch das kurze und unvorhersehbare Auftreten der Lichter erschwert.

Konservierte Zeitzeugen

Den Ruf des Moors als unheilvoller Ort stützen nicht allein die Irrlichter. Auch Moorleichen tragen zum Gruselfaktor bei. Allein in Europa sind über die Jahrhunderte unzählige mumifizierte Leichen oder Leichenteile aus dem Moor aufgetaucht. Eine Zeit lang wurde solchen Phänomenen nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet: Achtlos beiseite geworfene Leichen vertrockneten und verschimmelten schnell, wenn sie einmal an der Luft waren. Auch unzureichende und nachlässige Lagerung hatte rasche Auflösung zur Folge. Eine Art der Nutzung immerhin gab es: Bis fast in die Gegenwart hinein verdienten zwielichtige Mediziner Geld, indem sie Teile von Moorleichen verarbeiteten und als heilbringende Medikamente verkauften.

Erst nach und nach kamen Wissenschaftler auf die Idee, Funde im Moor genauer zu erforschen und dementsprechend sorgsam zu behandeln. Immer wieder staunten sie über den guten Zustand von Körpern und Kleidungsstücken, die das Moor nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten frei gegeben hatte. Offenbar hatte die Umgebung die Überbleibsel auf natürliche Art konserviert.

Unter Luftabschluss

Die Konservierung, fanden Forscher heraus, geht dann optimal vonstatten, wenn ein Körper unmittelbar nach Eintritt des Todes vollständig im Moor versinkt und so von der Luftzufuhr abgeschnitten wird. Bei entsprechender Wassertemperatur und -tiefe erledigen die einmaligen biologischen und chemischen Gegebenheiten des Moors dann den Rest: In der sauren Umgebung hemmen Moose das Bakterienwachstum. Organisches Material wie Haut und Muskeln bleibt daher vom Verfall verschont. Gleichzeitig greift das saure Milieu die kalkhaltigen Knochen der Moorleichen an und löst sie nach und nach auf. Gerb- und Huminsäuren im Moorwasser schließlich setzen Prozesse in Gang, die denen in der Herstellung von Leder aus Tierhäuten gleichen. Gewebe, Knorpel und Haare verlieren zwar ihre ursprüngliche Farbe, werden aber für lange Zeit haltbar gemacht.

Kultstätte und Menschenopfer

Bei den meisten geborgenen Moorleichen stellen Wissenschaftler natürliche Todesursachen fest. Einige Funde weisen jedoch Spuren längst vergessener Opferriten auf. Gefesselte Hände, Hieb- und Stichwunden und andere Hinweise auf ein gewaltsames Ende lassen erahnen, dass Moore einst als Orte von Opferdarbietungen gedient haben könnten. Auch für Bestrafungen wurde das Moor genutzt. Der römische Historiker Tacitus schreibt über die Sitten der Germanen: "Verräter und Überläufer knüpfen sie auf den Bäumen auf, Feiglinge, Kriegsscheue und körperlich Geschändete versenken sie im Schlamm und Sumpf."

Das Leben der Vorfahren

Für Anthropologen und Naturforscher sind Moorleichen unschätzbar wertvolle Funde. Sie geben Aufschluss über unsere Vorfahren. Deren Lebensgewohnheiten, ihr Umgang untereinander und ihr gesundheitlicher Zustand lassen sich anhand von Entdeckungen im Moor verstehen. Bei manchen Leichen ist sogar der Mageninhalt teilweise erhalten. So lässt sich noch mehr als zweitausend Jahre nach dem Ableben die "Henkersmahlzeit" jener Menschen rekonstruieren, denen das Moor einst zum Verhängnis wurde.

Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2011, 15:16 Uhr

Die "Ehebrecher" von Windeby

Die Geschichte beginnt im Jahre 1952 in der Gemeinde Windeby, etwa dreißig Kilometer nördlich von Kiel an der Eckernförder Bucht. Torfarbeiter entdecken bei Entwässerungsarbeiten in einem kleinen Moor menschliche Knochen. Geistesgegenwärtig sperren sie die Fundstelle ab und überlassen den Spezialisten das Feld.

Karl Schlabow, Mitarbeiter des Landesmuseums Schleswig-Holstein, lässt den Fund mitsamt umliegenden Erdschichten ausheben und zur Untersuchung ins Museum transportieren. Haare, Haut und sogar die Knochen der Leiche sind gut erhalten. Im unmittelbaren Umfeld finden die Forscher einen Knüppel und einen Stein sowie ein Band, welches das Gesicht des Toten bedeckt. Die rechte Hand der Leiche ist geballt - Schlabow vermutet darin ein germanisches Symbol für unkeuschen Lebenswandel.

Weitere Anhaltspunkte dafür sieht der Archäologe in den einseitig kurz geschorenen Haaren der Leiche und den dazu passenden Ausführungen des römischen Historikers Tacitus: Die Strafe für Ehebruch, schreibt der Römer, "ist dem Manne überlassen: Er schneidet der Ehebrecherin das Haar, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreifen durch das ganze Dorf.“

Aber damit nicht genug. Knapp drei Wochen nach dem Fund der Moorleiche "Windeby I" wird nur wenige Meter entfernt ein weiterer Körper geborgen. Während der Anthropologe Ulrich Schäfer Windeby I nach eingehender Untersuchung als "ein 14-jähriges Mädchen" identifiziert, handelt es sich bei der zweiten Leiche um einen Mann. Dem Göttinger Archäologen Herbert Jankuhn genügen diese Anhaltspunkte, um beiden Menschen ein gemeinsames Eheverbrechen und einen gemeinsamen Tod zu bescheinigen. Jahrzehntelang wird die skandalträchtige Geschichte in Seminaren gelehrt; es herrscht Einhelligkeit über die Moorfunde vom Windeby.

Erst Ende der 1970er Jahre rollt Michael Gebühr, Archäologe des Landesmuseums Schloß Gottorf, den Fall wieder auf. Grabungsberichte und -fotos lassen die Geschichte der Ehebrecherin immer fragwürdiger erscheinen. Im Jahr 2002 folgt die entscheidende Wendung: Eine Radiokarbondatierung der sterblichen Überreste bringt zu Tage, dass die Leichen im Moor nicht zeitgleich, sondern im Abstand von mehr als 140 Jahren beigesetzt wurden. Zudem untersucht die kanadische Gerichtsmedizinerin Heather Gill-Robinson die DNA der "Ehebrecherin" - es stellt sich heraus, dass es sich um einen Jungen handelt.

Die These von den zwei Ehebrechern gilt damit als widerlegt. Wahrscheinlicher ist, dass das Moor als Begräbnisstätte der einfachen Leute diente und die beiden Leichname rein zufällig an fast derselben Stelle die letzte Ruhe fanden.

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