Waffenstillstandsurkunde vom 1. Weltkrieg
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

LexiTV Der Krieg, den Europa verlor (Teil 1)

Alle waren Verlierer: Nach diesem Krieg hatte Europa seine bis dahin fast unbestrittene Führungsposition in der Welt eingebüßt. Historisch ist die Selbstzerfleischung eines ganzen Kontinents ohne Beispiel.

von Michael Schmittbetz

Waffenstillstandsurkunde vom 1. Weltkrieg
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Mehr als neun Millionen Menschenleben forderte der große Krieg, der im August 1914 begann, allein auf den Schlachtfeldern Europas. Brennpunkt war die Westfront auf belgischem und französischem Gebiet. Vom Scheitern der deutschen Offensive an der Marne im September 1914 bis zum November 1918 vegetierten hier Millionen von Männern hinter Drahtverhauen und in Schützengräben, oft metertief in der Erde - und oft zur Reglosigkeit verdammt.

Hilflose Militärführer

Denn sobald die Generale den Angriff befahlen, zeigten sich rasch alle Tücken des Stellungskriegs - im Verbund mit Maschinenwaffen, Artillerie und Eisenbahnen hinter der Front: Jeder Angreifer erlitt alsbald unerträgliche Verluste, jede Attacke blieb früher oder später stecken, weil der Verteidiger Reserven schneller heranführen konnte als die Gegenseite. Jede Operation bedeutete den Tod Zehntausender, nicht selten für wenige Quadratkilometer Geländegewinn. Der Krieg hatte jene, die ihn führten, strategisch zu Gefangenen gemacht: Halbblind rannte man gegeneinander an; hilflose Führer warfen immer neue Massen ins Gefecht, deren tote Körper mancherorts in Schichten über den Leichen ihrer Vorgänger lagen.

"Stacheldrahtkauende" Offensiven

"Zermürbung" des Gegners sollte den Sieg garantieren: Nichts Klügeres als der Gedanke, den Feind "ausbluten" zu lassen, lag etwa dem deutschen Durchbruchsversuch bei Verdun zugrunde. Die "Abnutzungsschlacht" im Frühjahr und Sommer 1916 kostete auf beiden Seiten rund eine Million Gefallene. Letztlich glaubten nicht einmal mehr die Generale im frontfernen Chateau, Cognacglas und Telefonhörer in der Hand, an ihre "stacheldrahtkauenden" Offensiven.

Europa blutet aus

Gefangen im jahrelangen strategischen Patt, rann den ratlosen Politikern Europas der Reichtum des Kontinents durch die Finger: Nicht lediglich Armeen, Europa blutete aus! Experten beziffern die unmittelbaren Kosten des Krieges auf 208 Milliarden US-Dollar zum damaligen Wert. Hinzu kommen langfristig wirkende Folgeschäden: "Die ökonomische Misere der Nachkriegsjahrzehnte - eine Zeit von Deflation, Inflation und Arbeitslosigkeit, von abnehmendem Handel und Schuldenkrisen - stellte den Gegensatz zur Wirtschaftsblüte der Jahre 1896 bis 1914 dar... der Erste Weltkrieg zerstörte das erste goldene Zeitalter wirtschaftlicher 'Globalisierung'." schreibt der britische Historiker und Ökonom Niall Ferguson.

Auf belgischem Boden vernichtet

Darüber hinaus zerstörte dieser "große Krieg der weißen Männer", so der Titel eines Romanzyklus' von Arnold Zweig, die Dominanz Europas im weltpolitischen Zusammenhang. Beispielhaft für den weltweiten Einflussverlust Europas sei hier der ab 1918 unaufhaltsame Niedergang des britischen Empire genannt. Neben dem wirtschaftlichen Ruin - Großbritannien wurde vom größten Gläubiger der Welt zu einem der größten Schuldner - fielen personelle Ursachen ins Gewicht: Über mehr als ein Jahrhundert hinweg hatten wenige Hunderttausend britische Beamte und Militärs Millionenmassen fremder Völker verwaltet, beherrscht und unterdrückt. Doch bereits im ersten Jahr des Weltkriegs war nahezu die gesamte britische Kolonialtruppe in Kämpfen auf belgischem Boden vernichtet.

Gentlemen unter Feuer

Im Verlauf des Krieges "verloren die Briten eine ganze Generation - eine halbe Million Menschen unter dreißig, die vor allem aus der Oberschicht stammten und zu 'Gentlemen' erzogen worden waren … Ein Viertel der unter fünfundzwanzigjährigen Studenten aus Oxford und Cambridge, die im Jahr 1914 eingezogen worden waren, wurde getötet", hebt der Historiker Eric Hobsbawm hervor. In allen am Krieg beteiligten Nationen dezimierten überproportional hohe Offiziersverluste soziale Eliten. Ähnlich dramatisch waren die Opfer unter Spezialisten und Facharbeitern aus verschiedensten Bereichen. So existierten, trotz des Sieges der Entente, am Ende keine europäischen Gewinner: "Es gab Sieger und Besiegte, wir alle haben verloren", brachte der spätere französische Präsident Charles de Gaulle die Sache auf den Punkt. Stattdessen erweiterten die USA, als nunmehr weltgrößte Gläubigernation, ihre zunächst vorwiegend wirtschaftliche Macht.

Düstere Prognose

"In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir werden es nicht mehr erleben, dass sie angezündet werden." Mit seiner düsteren Prognose drückte der britische Außenminister Edward Grey schon am 3. August 1914 eine pessimistische Stimmung aus, die im Gegensatz stand zur oft behaupteten - und neuerdings von Historikern bezweifelten - Kriegsbegeisterung großer gesellschaftlicher Gruppen. Tatsächlich ist das Verlöschen der Lichter Europas Begleiterscheinung und Folge des fast vierjährigen Gemetzels: Humanität, Zivilisation, Kultur - also europäisch geprägte Denk- und Verhaltensmuster - schienen bald nicht mehr zeitgemäß und machten anderen, vermeintlich "vitaleren" Vorstellungen Platz.

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2010, 10:25 Uhr