Neuere Geschichte

LexiTV : Alternativlos

Zwanzig Jahre sind vorüber. Eine Generation ist herangewachsen, die das zweigeteilte Deutschland nur aus den Erzählungen der Eltern und aus Geschichtsbüchern kennt. Die deutsche Einheit ist für diese Generation selbstverständlich. Mehr und mehr wird die Wiedervereinigung zum Lehrstoff, und hat scheinbar mit den Sorgen der Gegenwart wenig zu tun.

von Michael Schmittbetz

Deutsche Einheit

Wenn Ältere zurückblicken auf die Zeit nach dem 3. Oktober 1990, ist das anders: Immer ist der Vergleich da - ein Vergleich zwischen damals Erwartetem und Realität. Je nach individueller Biografie fällt die Bilanz positiv oder negativ aus. Für alle aber liegen die Probleme von heute offen zu Tage: Das Leben ist härter geworden, die Gesellschaft kälter. Ist das, was im Oktober 1990 passierte, also das Ende der deutschen Zweistaatlichkeit, daran schuld?

Wandel im Westen

Die deutsche Wiedervereinigung war kein isoliertes Ereignis. Sie vollzog sich im Herzen Europas, in einer längst angebrochenen Epoche schmerzhaften Wandels. Eines Wandels, der "schleichend" erfolgte, und weniger spektakulär war als die politisch-ökonomische Talfahrt des Ostens: Wachsende Arbeitslosigkeit, Überlastung der sozialen Sicherungssysteme, immer ungleichere Verteilung von Einkommen und Eigentum - all das machte den fortgeschrittenen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften Westeuropas seit Beginn der 1980er Jahre zu schaffen. Diesen Wandel im Westen, Fachleute bezeichnen ihn als "Krise der Arbeitsgesellschaft", hätte es gegeben auch ohne den Untergang des staatssozialistischen Systems. Den Schwächen und dem unaufhaltsamen Abstieg der eigenen Ordnung Tag für Tag ausgesetzt, sahen viele Menschen im Osten nicht, was jenseits des Eisernen Vorhangs geschah: Die erfolgreiche Arbeitsgesellschaft des Westens verbreitete immer noch Glanz; das Goldene Zeitalter der sechziger und siebziger Jahre allerdings war vorbei.

Seite der Sieger?

Eben jenen Zusammenhang zweier sich überlagernder Prozesse hat der Publizist und Politologe Christian Graf von Krockow im Sinn, wenn er Ursachen für die Folgeprobleme der deutschen Wiedervereinigung analysiert: "Die große Mehrheit der Menschen in der zerfallenden DDR verschwor sich nicht den Idealen der Bürgerrechtler, sondern sie wollte aus der erfolglosen in die erfolgreiche Arbeitsgesellschaft umsteigen. Doch man geriet in deren Zerfallsphase ... hinein." Zur Erfahrung der Wendegeneration gehört in der Tat auch das Gefühl, nicht auf die Seite der Sieger, sondern nur einmal mehr auf die Verliererseite geraten zu sein. Hier, glaubt Krockow, stecke die Wurzel von DDR-Nostalgie und -verklärung.

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Sonneberg und Neustadt - Einheit durch Annäherung

Geographisch liegen Neustadt in Franken und Sonneberg in Thüringen dicht bei einander. Die politische Entwicklung der Nachbarstädte ist ein Spiegel der deutschen Einheit.

01.10.2010, 14:30 Uhr | 03:52 min

Ein neues Kapitel

Warum es sich um Verklärung handelt, und nicht um berechtigte Sehnsucht nach vergangenen, aber besseren Tagen, liegt auf der Hand: Für die DDR gab es keinerlei Perspektive. Ihr zentrales Versprechen, soziale Sicherheit für alle auf unabsehbare Frist, war nicht einzulösen. Damit ist ihr Abschied aus der Geschichte alternativlos gewesen. Was die große Mehrheit der Menschen im Osten nun wollte, war Marktwirtschaft - und garantierte soziale Sicherheit dazu. Das gebrochene Versprechen der DDR sollte auf andere Weise in Erfüllung gehen. Im neuen Westen blieb das - wie sich rasch herausstellte - Illusion. Am 3. Oktober 1990 begann mit dem offiziellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland ein neues Kapitel in der Geschichte unseres Landes.

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2010, 15:53 Uhr

Meilensteine zur Einheit

Am 18. März 1990 ging die große Mehrheit der DDR-Bürger zum ersten Mal demokratisch wählen. Gewählt wurde zur voraussehbar letzten Volkskammer der DDR. Die Beteiligung war hoch. Sie lag bei 93 Prozent. Drohendes wirtschaftliches und politisches Chaos zwangen dazu, die Wahl vom ursprünglich geplanten Termin, dem 6. Mai, um anderthalb Monate vorzuverlegen. Eine legitime und handlungsfähige Regierung war Gebot der Stunde. Zu vergeben waren 400 Mandate. Als Favorit galt die soeben gegründete "Sozialdemokratische Partei in der DDR" (SDP, später SPD). Insofern war das Wahlergebnis überraschend: Die SPD kam auf lediglich 22 Prozent der Stimmen; es siegte mit 41 Prozent die "Allianz für Deutschland", bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU, der CSU-nahen "Deutschen Sozialen Union" (DSU) und dem "Demokratischen Aufbruch" (DA). Die SED-Nachfolgepartei PDS erreichte 16,4 Prozent. Lothar de Maizière, Spitzenkandidat der Allianz für Deutschland, bildete am 12. April 1990 auf Basis einer Großen Koalition die letzte DDR-Regierung.

Die Weichen zur raschen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat, waren damit gestellt. "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr", lautete der Slogan, den sich viele DDR-Bürger zu Eigen machten. Obwohl kritische Stimmen vor einem zu hohen Tempo warnten, setzten sich die Befürworter durch. Mit einem Kurs von 2:1 wurde die alte DDR-Mark in D-Mark umgerechnet. Dass dies nicht dem realen Produktivitätsunterschied entsprach, nahm man in Kauf. Die bisherigen Absatzmärkte der meisten DDR-Betriebe im Inland und im Ausland brachen zusammen, da für alle Produkte ab sofort Devisen verlangt werden mussten. Massenentlassungen folgten. DDR-Kombinate und andere Volkseigene Betriebe gelangten unter Treuhand-Verwaltung. Übernommen wurde auch das in der Bundesrepublik übliche System sozialer Sicherungen. West- und Ostdeutsche hatten nun die D-Mark als gemeinsame Währung.

Anhaltendes wirtschaftliches Chaos zwang das Kabinett de Maizière, die Große Koalition war inzwischen zerbrochen, die Regierung der Bundesrepublik Anfang August um eine rasche Wiedervereinigung zu bitten. So kam es nach komplizierten innen- und außenpolitischen Verhandlungen am 31. August 1990 zur Unterzeichnung des Einigungsvertrages. Wichtige Bestandteile des Einigungsvertrages waren der Beitrittstermin sowie die Festlegung, dass die fünf neuen Länder im Osten Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland werden. Die DDR-Volkskammer votierte am 20. September für den Einigungsvertrag, ebenso der Bundestag. Der 3. Oktober 1990 wurde zum Datum des Vollzugs.

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