Rohstoffe

LexiTV : Tüten auf See

Die Welt macht mobil gegen Umweltverschmutzung - zumindest gegen Plastiktüten. Im Jahr 2008 startete Australien eine Anti-Tüten-Kampagne: Demnach könnte die Zahl von rund vier Milliarden Einkaufstüten, die dort jährlich aus den Geschäften getragen werden, bald der Vergangenheit angehören.

von Yvonne Schmidt

Plastiktüten

Und auch China sagt der "weißen Umweltverschmutzung" den Kampf an: Fortan sind Gratis-Plastiktüten ebenso verboten wie Tüten mit einer Stärke von weniger als 0,025 Millimetern, denn die lassen sich kaum recyceln. Doch was ist mit dem übrigen Plastikdreck? Ob Plastikflaschen, Feuerzeuge oder ausrangierte Barbies: Plastikmüll ist eine zunehmende Gefahr globalen Ausmaßes. Am schlimmsten betroffen sind die Meere. Von den jährlich etwa 100.000 Millionen Tonnen weltweit produzierten Plastiks landen ungefähr zehn Prozent in den Ozeanen - allmählich verwandeln sich die Weltmeere in gigantische Mülldeponien.

Da der Müll den Meersströmungen folgt, bilden sich riesige Müll-Mahlströme. Der größte dieser Art kreist im Nordpazifik, zwischen Kalifornien und Hawaii. Das dort herrschende Hochdruckgebiet erzeugt gewaltige Strudel, in denen der Müll mehrere Jahre zirkuliert, bis er schließlich an Land gespült wird. Das Ergebnis: ein geschlossener, drei Millionen Tonnen schwerer Teppich aus Plastik von der Größe Mitteleuropas.

Hartnäckiger Dreck

Salzwasser und UV-Strahlung - eine normalerweise aggressive und materialfeindliche Kombination - können dem Müll nichts anhaben. Plastik baut sich nicht ab wie organische Stoffe, die sich irgendwann von selbst auflösen. Stattdessen zerfällt es wegen der Strömung in immer kleinere Partikel - ähnlich wie Sand. Auf diese Art kann Plastikmüll für mehrere Jahrhunderte im Wasser treiben und die Ozeane verschmutzen.

Laut UN-Umweltorganisation UNEP schwammen im Jahr 2008 weltweit ungefähr 18.000 Plastikteile auf einem Quadratkilometer Meeresfläche. Unter Wasser sieht es noch schlimmer aus, denn siebzig Prozent des Mülls sinken auf den Grund. Greenpeace-Untersuchungen haben ergeben, dass auf einen Quadratkilometer durchschnittlich 100.000 Plastikartikel kommen.

Fatale Auswirkungen

Die schwimmenden Müllhalden haben fatale Auswirkungen. Expertenmeinungen zufolge verenden jedes Jahr eine Million Seevögel, hunderttausend Seehunde und andere Meeressäuger sowie unzählige Fische: Sei es, dass die Tiere sich in den Plastikgegenständen verheddern und erdrosseln, sei es, dass sie Plastikteilchen fressen, die sie irrtümlich für Nahrung halten.

Mit Plastik gefüllte Mägen

Auch in die Nordsee gelangen jedes Jahr rund 20.000 Tonnen Müll. So ergeben Studien von Meereswissenschaftlern aus den Nordsee-Anrainerstaaten, dass die meisten der dort lebenden Hochseevögel Plastikmüll in ihren Mägen haben.

Verschluckte Flaschendeckel, Feuerzeuge oder Luftballons führen zur Anreicherung von Giftstoffen im Gewebe der Tiere. Erkrankungen, erhöhte Sterblichkeit und eingeschränkte Fortpflanzung sind die Folgen - und zwar nicht nur für die Tiere: Durch den Verzehr von Fisch ist Plastikmüll auch für den Menschen ein Gesundheitsrisiko.

Zumindest ein Anfang

Versuche, diesen zerstörerischen Kreislauf zu durchbrechen haben bisher nur begrenzten Erfolg. So will ein internationales Umweltübereinkommen die Meeresverschmutzung durch Schiffe unter Androhung von Strafen verhindern - leider fehlt es noch immer an wirksamen Kontrollen. Biologisch abbaubare Kunststoffe sollen künftig Plastik ganz ersetzen - nur ist das Verfahren noch nicht ausgereift; ebenso wenig wie das Recycling, das vielerorts bereits jetzt an seine Grenzen stößt. Letztendlich schafft wohl nur ein verändertes Umweltbewusstsein Abhilfe - weltweit. Verbote von Plastiktüten sind zumindest ein Anfang.

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2012, 15:24 Uhr

Receycling

ist die Umwandlung eines Abfallproduktes in einen Sekundärrohstoff. Auch Plastik kann recycelt und als Werkstoff, Rohstoff oder Energieträger wieder verwendet werden.

Ziel der werkstofflichen Verwertung ist es, Plastik in seiner ursprünglichen Verwendungsform zu nutzen. Bei der rohstofflichen Verwertung hingegen wird der Kunststoff in seine Ausgangsbestandteile zerlegt, um Methanol und Synthesegas - beispielsweise als Ersatz für Schweröl - zu erzeugen.

Die energetische Verwertung dient der Energiegewinnung, um fossile Energieträger wie Gas, Kohle oder Öl zu ersetzen.

Welche der drei Verwendungsarten letztlich zum Einsatz kommt, ist abhängig von technischen, ökologischen und ökonomischen Faktoren.

"Tütenbann" für Deutschland?

Meist nur wenige Minuten benutzt, bedeuten Plastiktüten auf Erdölbasis eine jahrzehntelange Umweltbelastung. Deswegen berät das Bundesumweltministerium derzeit über ein generelles Verbot der schwer abbaubaren Wegwerfartikel.

Auch EU-Umweltkommissar Janez Potocnik spricht sich für einen Tütenbann aus - EU-weit. Sogar für ihre Umweltpolitik häufig gerügte Länder wie Frankreich und Italien haben die Erdöl-Tüten schon verboten. Irland verlangt eine Zusatzsteuer von 15 Cent pro Tüte.

Der deutsche Handelsverband sträubt sich gegen etwaige Gesetzesauflagen: "Deutsche Verbraucher sind Weltmeister im umweltbewussten Plastiktütenverbrauch". Nach Angaben des Verbandes benutzen Bundesbürger 65 Tüten jährlich, während es in den USA das Fünffache sei.

Für den Einzelhandel sind die Plastiktüten als mobile Reklameflächen unverzichtbares Werbemittel. Dagegen steht die Warnung der Vereinten Nationen: Plastikmüll mache mittlerweile rund achtzig Prozent der Meeresverschmutzung aus.

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