Karl-Marx-Plastik in Chemnitz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

LexiTV Stadt der Arbeit

Den Spitznamen "sächsisches Manchester" erwarb sich Chemnitz während der Industrialisierung. Wie Pilze schossen damals Maschinenhallen und Fabriken aus dem Boden.

von Urte Paul

Karl-Marx-Plastik in Chemnitz
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"In Chemnitz wird gearbeitet, in Leipzig gehandelt und in Dresden geprasst", so beschreibt eine Redensart das Verhältnis der drei größten Städte Sachsens. Während Leipzig als Messestadt Bedeutung erlangte und Dresden mit barocken Prachtbauten den Spitznamen "Elbflorenz" erwarb, stand Chemnitz ab dem 19. Jahrhundert für das industrialisierte Sachsen: Mit einer Spinnmühle im Ortsteil Harthau begann im Jahr 1798 in Sachsen die Industrielle Revolution. Während der folgenden Jahrzehnte wuchs Chemnitz zu einer der innovativsten und reichsten Städte Deutschlands heran.

Reißwölfe und Spinnmaschinen

Stützpfeiler des Erfolgs war eine junge, doch zukunftsträchtige Branche: der Maschinenbau. Der Zimmermann Carl Gottlieb Haubold eröffnete 1811 eine mechanische Maschinenbauanstalt, die in den 1820er Jahren zu boomen begann. Das Unternehmen stellte unter anderem Reißwölfe, Spinnmaschinen und Krempelmaschinen her und lockte sogar Arbeiter aus dem Ausland nach Chemnitz. Viele dieser jungen, hervorragend ausgebildeten Maschinenbauer gründeten später eigene Unternehmen, so dass Haubold heute als "Vater des Chemnitzer Maschinenbaus" gilt.

Ausländische Spezialisten

Im Zuge des Wachstums machten familiengeführte, überschaubare Werkstätten bald Großfabriken Platz und es bildete sich auch in Chemnitz eine Arbeiterklasse heraus. Deren Selbstbewusstsein bekam Richard Hartmann zu spüren: Ehemals Angestellter bei Haubold, hatte der tatkräftige Hartmann 1837 sein eigenes Maschinenbaugeschäft gestartet und war 1848 in die Lokomotivfabrikation eingestiegen. Lokomotiven aus Chemnitz fuhren bald durch ganz Sachsen, ein Teil wurde auch exportiert, das Unternehmen wuchs und gedieh. Unter den Arbeitern aber regte sich 1850 Unmut, weil Hartmann ausländische Spezialisten zu besseren Bedingungen eingestellt hatte als Chemnitzer Arbeiter.

Zuckerbrot und Peitsche

Auf die Forderungen seiner Angestellten nach gleicher Bezahlung reagierte der Unternehmer, indem er den Arbeitern den Rauswurf androhte. Er wusste aber auch, dass jeder Tag, an dem die Maschinen still standen, Verluste brachte und dass er im Moment des Aufschwungs jeden Arbeiter brauchte. Ein Geistesblitz Hartmanns rettete für ihn die Lage: Statt höheren Löhnen bot er seinen Arbeitern eine "Fahrt mit dem Dampfwagen" nach Leipzig zur Industrieausstellung an! Begeistert ergriffen dreihundert Arbeiter, die nie aus Chemnitz herausgekommen waren, die einmalige Gelegenheit. Nicht nur, dass sich Hartmann so öffentlichkeitswirksam als fürsorgender Patriarch präsentierte, es gelang dem Unternehmer auch, die Arbeiterschaft zu spalten. Ein Teil der Belegschaft fuhr nach Leipzig. Andere aber, die weiter agitierten, wurden verhaftet und aus der Stadt ausgewiesen.

Ausgleich von Interessen

Die Chemnitzer Arbeiter waren damals noch weitgehend unorganisiert und ohne politische Rückendeckung. Erst nachdem 1862 im Königreich Sachsen das Koalitionsverbot aufgehoben wurde, entstanden Gewerkschaften im Chemnitzer Raum. 1866 gründete sich unter Mitwirkung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sächsische Volkspartei als Allianz zwischen bürgerlich-liberalen Kräften und Angehörigen von sozialistischen Arbeiterbildungsvereinen. Dieser "Chemnitzer Kompromiss" suchte den Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital, zwischen Unternehmer- und Arbeiterinteressen. Die Zustimmung bei den Wahlen 1867 blieb nicht aus: Die junge Partei entsandte drei Abgeordnete in den Reichstag des Norddeutschen Bundes.

Preise in London und Paris

Derweil strebte die Industrieregion Chemnitz stetig nach oben. Die sächsische Stadt hatte sich den Ruf eines "sächsischen Manchester" erworben - einerseits wegen des Rußschleiers, den unzählige Schornsteine über die Stadt legten, andererseits wegen des wirtschaftlichen Erfolgs. Chemnitzer Produkte errangen Preise bei zahlreichen Ausstellungen, unter anderem in London und Paris; unzählige Innovationen kamen aus Westsachsen. Nicht zufällig entstand das Deutsche Patentrecht von 1877 unter Federführung des Chemnitzer Oberbürgermeisters Wilhelm André: Der wollte die zahlreichen Erfindungen, die in seiner Stadt gemacht wurden, vor Nachahmern schützen. Am Ende des 19. Jahrhunderts war Chemnitz die reichste Stadt Deutschlands.

Auf Konfrontationskurs

Gleichzeitig gewann der Kampf der Arbeiter für bessere Bedingungen an Schärfe, zwischen Unternehmern und Arbeitern standen die Zeichen auf Konfrontation. Deutlich machte das im Jahr 1871 der bis dahin größte Streik in Deutschland. Ausgangspunkt war wiederum die Firma des Lokomotivherstellers Richard Hartmann: Dort trat die Belegschaft im Oktober 1871 in den Ausstand, wenig später schlossen sich sämtliche Metallarbeiter der Stadt dem Streik an. An deren Spitze stand kein Arbeiter mehr, sondern ein Politiker: der Sozialdemokrat Johann Most.

In den Reichstag

Mit Versprechungen und Drohungen gelang es den Unternehmern, die geschlossene Front der Streikenden zu brechen. Nach dem Zusammenbruch wurden fast zweitausend Streikende, vor allem Wortführer, aus der Anstellung entlassen, manche sogar der Stadt verwiesen. Kompromisslos hatten sich die Unternehmer durchgesetzt. Das wiederum beflügelte das politische Engagement der Arbeiter: Der Einfluss der Sozialdemokratie stieg, die Gewerkschaften organisierten sich straffer und Johann Most wurde in den Reichstag gewählt. Fast ununterbrochen bis zum Ende des Kaiserreichs konnte die Sozialdemokratie diesen Reichstagssitz behaupten.

Minister für elf Tage

Zum bekanntesten und einflussreichsten Arbeiterführer in Chemnitz, der "roten Hochburg", stieg ab 1902 der Maurer Fritz Heckert auf. Ihm gelang es, als Geschäftsführer des „Deutschen Bauarbeiterverbandes“ fast sämtliche Bauarbeiter der Stadt zu organisieren. Als Weggefährte Rosa Luxemburgs gehörte Heckert zum Spartakusbund innerhalb der Sozialdemokratie und später zu den Gründern der Kommunistischen Partei Deutschlands. Er wurde mehrmals in den Reichstag der Weimarer Republik gewählt; auch war Heckert 1923 als Wirtschaftsminister Mitglied der sächsischen Linksregierung, die Reichspräsident Friedrich Ebert aus Angst vor einem kommunistischen Umsturz nach elf Tagen von der Reichswehr entmachten ließ.

Eine "hohe Ehre"

Als Fritz Heckert 1936 in Moskau starb, hatte die Industrie in seiner Heimatstadt Chemnitz schon wegen der Weltwirtschaftskrise geblutet. Zahlreiche Traditionsunternehmen mussten in der Folge aufgeben oder fusionieren. Der ganz große Tiefschlag folgte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Industriegüter, die nicht den Bomben der Alliierten zum Opfer gefallen waren, wurden als Reparationen in die Sowjetunion geschafft. Viele Unternehmen zogen in den Westen. Der Rest ging in Volkseigentum über. Der traditionsreichen Industriestadt Chemnitz wurde zudem noch symbolisch der Garaus gemacht: 1953 benannte die DDR-Staatsführung die Stadt in Karl-Marx-Stadt um. "Die Verleihung des Namens 'Karl Marx' ist für die Chemnitzer Arbeiter und für die gesamte deutsche Arbeiterklasse eine hohe Ehre", übertönte Ministerpräsident Otto Grotewohl in der Festrede den Unmut der Stadtbewohner.

Strukturwandel und Dynamik

Von dieser Ehre nahmen die Chemnitzer im April 1990 wieder Abstand: Eine große Mehrheit sprach sich noch vor dem Ende der DDR für die Rückbenennung ihrer Stadt aus, die seit dem 1. Juni 1990 wieder Chemnitz heißt. Der Strukturwandel nach der Wiedervereinigung hat die Region besonders hart getroffen; ein Fünftel der Menschen zog weg. Doch es ist gelungen, nach allerlei Startschwierigkeiten an die erfolgreiche Industriegeschichte anzuknüpfen. Mehr als siebentausend Unternehmen haben sich seit 1995 in der Region angesiedelt; sogar ausländische Firmen entscheiden sich heute bewusst für diesen Standort. In der öffentlichen Wahrnehmung sind zwar Leipzig und Dresden die aufstrebenden Städte Sachsens. Doch Chemnitz muss sich nicht verstecken: Im Ranking der 50 dynamischsten Städte Deutschlands belegte es 2009 Platz 14 - zwar hinter Leipzig, aber noch vor Dresden, Berlin und Köln.

Chemnitz - ein Überblick Vom sorbischen Wort Kamjenica ("Steinbach") leitet sich der Name des Flusses Chemnitz her, an dessen Ufern die gleichnamige Stadt liegt. Benediktiner gründeten dort im 12. Jahrhundert ein Kloster, 1143 erhielt es das Marktrecht. Aus dem ersten Jahrhundert der Stadtgeschichte stammt auch der Unterteil des Roten Turms, des Wahrzeichens der Stadt. Die Siedlung Chemnitz bekam im 14. Jahrhundert das Bleichrecht verliehen und wuchs zu einem Wirtschaftszentrum heran. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete die Stadt: Mehrmals von den Kaiserlichen und von den Schweden besetzt, von Feuern, Pest und Hungersnöten heimgesucht, waren 1648 zwei Drittel der Wohnhäuser zerstört und die Bevölkerungszahl fast um die Hälfte gesunken.

Der Industriellen Revolution hatte Chemnitz im 19. Jahrhundert den Aufschwung zur zeitweise reichsten Stadt in Deutschland zu verdanken; Maschinenbau und später der Fahrzeugbau waren wichtige Wirtschaftszweige. 1883 erreichte Chemnitz die 100.000-Einwohner-Marke; bis 1930 stieg die Einwohnerzahl auf mehr als 360.000. Das historische Chemnitz, sagen Einheimische heute, sei zweimal zerstört worden: durch den Bombenhagel im März 1945 und durch den sozialistischen Wiederaufbau. Die Innenstadt erstand zu DDR-Zeiten nach sozialistischem Muster neu, mit Plattenbauten und breiten Straßen für Aufmärsche und Demonstrationen. Auch unter dem Namen Karl-Marx-Stadt, den Chemnitz von 1953 bis 1990 führte, war die Stadt wirtschaftlich bedeutend: Der Bezirk Karl-Marx-Stadt steuerte ein Drittel zur Industrieproduktion der DDR bei.

Heute hat sich der Wirtschaftsstandort Chemnitz als ein Zentrum des Maschinen- und Anlagenbaus, der Automobil- und Zulieferindustrie und der Mikrosystemtechnik etabliert. Investoren schätzen unter anderem die Nähe zur Forschung, etwa an der Technischen Universität und am Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik. In Zukunft möchte sich Chemnitz noch stärker als Wissenschaftsstandort positionieren und hat das Jahr 2011 zu einem "Jahr der Wissenschaften" erklärt. Etwa 243.000 Menschen wohnen derzeit in der Stadt - fast 25 Prozent weniger als 1990. Der Abwanderungstrend ist gestoppt, doch Experten schätzen, dass Chemnitz bald die europäische Stadt mit der ältesten Bevölkerung sein könnte.

Chemnitzer Persönlichkeiten Als "Stadtleybarzt" stellt Chemnitz 1531 Georgius Agricola (1494 bis 1555) ein. Der gebürtige Glauchauer ist Universalgelehrter, hat Medizin, Theologie, Philosophie und Sprachen studiert und forscht in zahlreichen weiteren Disziplinen von Pädagogik über Hüttenwesen bis Pharmazie. In Chemnitz verfasst Agricola Grundlagenwerke zu geo- und montanwissenschaftlichen Themen und begründet so die Geowissenschaften und die Mineralogie mit. Viermal ist er zudem Chemnitzer Bürgermeister.

Zu den bedeutendsten Unternehmern in Chemnitz zählt der gebürtige Ungar Johann von Zimmermann (1820 bis 1901), der ab 1848 in seinen Fabriken Werkzeugmaschinen herstellt. Das Geschäft mit Drehbänken, Bohrmaschinen und dergleichen gilt als nicht lukrativ, doch Zimmermann hat Erfolg. 1862 stellt er in London aus. Dort ist man sehr beeindruckt: "Very good indeed" ("in der Tat sehr gut") lautet das Urteil des Jury-Mitglieds Sir Joseph Withworth. Zimmermann gewinnt auch in den Folgejahren viele Preise. Die sächsische Regierung ernennt den Unternehmer später zum Geheimen Kommerzienrat und er wird Ehrenbürger der Stadt Chemnitz.

Im heutigen Chemnitzer Stadtteil Rottluff wird 1884 Karl Schmidt geboren. Mit seinem Schulfreund Erich Heckel und den Mitstudenten Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl gründet er 1905 in Dresden die Künstlervereinigung Die Brücke. Zu dieser Zeit nennt sich der junge Mann schon Karl Schmidt-Rottluff. Der freie Künstler malt vor allem Landschaften und Stillleben in starken Farben; sein Stil ist vom Impressionismus beeinflusst. Später, unter dem Einfluss Picassos, verwendet er auch kubistische Elemente und Formen. Schmidt-Rottluffs Werke werden von den Nationalsozialisten als "entartete Kunst" diffamiert. Mit Malverbot belegt, zieht sich der Maler nach Chemnitz zurück. 1947 geht er nach Berlin, wird Professor an der Hochschule für Bildende Künste und malt wieder - jetzt vor allem großflächige Aquarelle. Er stirbt 1976.

Der Philosoph Karl Marx ist Chemnitz zeitlebens (1818 bis 1883) nicht einmal nahe gekommen und soll doch in dieser Liste nicht fehlen. Immerhin trug die Stadt von 1953 bis 1990 seinen Namen, und das Gesicht des Philosophen dürfte das bekannteste Chemnitzer Gesicht sein: Seit 1971 steht in der Stadt ein sieben Meter hoher, vierzig Tonnen schwerer Bronze-Kopf des Philosophen. Der Nischel (sächsisch für "Kopf") entstand nach Entwürfen des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel. Er ist den Chemnitzern so ans Herz gewachsen, dass sämtliche Nach-Wende-Initiativen, ihn abzureißen oder zu verkaufen, scheiterten.

Zuletzt aktualisiert: 19. Mai 2016, 16:40 Uhr