Tierwelt

LexiTV : Tierversuche: Pro & Contra

Affen mit implantierten Elektroden im Hirn, Mäuse mit Tumoren, Kaninchen mit entzündeten Augen - diese Bilder von Tierversuchen verdrängen wir schnell. Der Anblick der wehrlosen Kreaturen im Dienst der Forschung ist für uns Menschen schwer zu ertragen. Doch viele lebensrettende Medikamente stünden uns ohne diese schrecklich anmutenden Prozeduren nicht zur Verfügung.

von Eva Jobst / Ulrike Wolf

zwei Menschen stehen vor einem zwinger mit einem Hund.

Rund zweieinhalb Millionen Tiere werden jedes Jahr in Deutschland zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt. Weltweit benötigt die Forschung jährlich über hundert Millionen Tiere für Experimente in der Grundlagenforschung, bei toxikologischen Tests sowie beim Entwickeln und Überprüfen von Medikamenten. Solche Zahlen bereiten Tierschützern Sorgen. Lange schon fordern sie eine generelle Abschaffung der in ihren Augen sinnlosen Tierquälerei. Wissenschaftler halten dagegen, dass viele Erfolge medizinischer Forschung ohne Tierversuche vielleicht nicht möglich gewesen wären: Insulintherapie, zahlreiche Antibiotika oder Impfstoffe gegen Pocken, Influenza und andere Krankheiten sind das Ergebnis tierexperimenteller Praxis. Doch heiligt der Zweck die Mittel?

Die Frage, ob medizinischer Fortschritt auf Kosten des Tierschutzes gehen darf, wird heftig diskutiert. LexiTV hat die wichtigsten Argumente aus der Debatte zusammengetragen und lässt Vertreter beider Positionen zu Wort kommen:

Dr. med. Wolf-Dieter Hirsch

ist stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung "Ärzte gegen Tierversuche e.V."

Dr. vet. med. Roland Jung

ist stellvertretender Tierschutzbeauftragter an der TU Dresden und als leitender Tierarzt zuständig für die Versuchstiere.

1. Sind die Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragbar?

Die Frage nach der Übertragbarkeit von Testergebnissen auf den Menschen ist der größte Streitpunkt unter Gegnern und Befürwortern von Tierversuchen.

Contra: verkehrter Ansatz

Kritiker warnen, dass Tierversuche eine falsche Sicherheit vortäuschten: Immer wieder hätten im Tierexperiment für sicher gehaltene Medikamente beim Menschen schwerwiegende oder sogar tödliche Nebenwirkungen hervorgerufen. Zeigten schon Versuche bei unterschiedlichen Tierrassen oftmals gegensätzliche Ergebnisse, so sei die Übertragbarkeit auf den Menschen, der vielfältige Unterschiede zum Tier hinsichtlich Körperbau, Organfunktion und Stoffwechsel aufweist, kaum gewährleistet.

Darüber hinaus habe eine künstlich beim Versuchstier hervorgerufene Krankheit außer einer Reihe vergleichbarer Symptome nur wenig mit der zu erforschenden Erkrankung des Menschen zu tun; viele Aspekte der Krankheitsentstehung, etwa Umwelteinflüsse, würden außer Acht gelassen. Ergebnisse aus Tierversuchen seien von rein spekulativem Wert und bedeuteten ein unkalkulierbares gesundheitliches Risiko für den Menschen.

Pro: viele Gemeinsamkeiten

Abhängig von der Ähnlichkeit des Versuchsmodells mit den menschlichen Verhältnissen seien Tierversuche durchaus geeignet, Rückschlüsse auf den Menschen zuzulassen, behaupten dagegen Befürworter. Zu siebzig bis achtzig Prozent würden im Tierversuch Wirkung und Nebenwirkungen von Arzneimitteln vor der Anwendung beim Menschen erkannt. Nach jahrzehntelanger Forschung habe sich zudem gezeigt, dass ausgesuchte Tierarten für bestimmte Fragestellungen besonders gute Übertragungswerte ergeben, zum Beispiel Ratten und Kaninchen für eine keimschädigende Wirkung oder Mäuse für Gift.

Tierexperimentelle Untersuchungen zur Funktionsweise des Nervensystems oder des Herz-Kreislauf-Systems sowie zur Wirkungsweise von Hormonen hätten wertvolle Ergebnisse erzielt. Und auch die Chirurgie profitiere von den Tierversuchen, neue Techniken seien entwickelt und zahlreiche Operationsmethoden verfeinert worden, etwa auf dem Gebiet der Transplantationsmedizin.

2. Sind Tierversuche Tierquälerei?

In Paragraph 1 des deutschen Tierschutzgesetzes heißt es, der Mensch habe aus Verantwortung für das Tier dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Ohne vernünftigen Grund dürfe dem Tier kein Leid zugefügt werden. Paragraph 7 desselben Gesetzes definiert Tierversuche jedoch als "mit Schmerzen, Leiden oder Schäden" verbundene Eingriffe und Behandlungen, die für die medizinische Forschung "unerlässlich" sind. Haben menschliche Interessen Priorität vor den Interessen anderer Lebewesen?

Contra: nicht zu verantworten

"Nein!" lautet die klare Antwort der Tierversuchsgegner. Dem Tier als fühlendem Subjekt stünde wie dem Menschen eine Behandlung nach moralischen Kriterien zu. Das Töten von Tieren und das Zufügen von Schmerzen seien moralisch unzulässig. Die Realität aber sehe anders aus: Tiere würden in Forschungslaboren zu Messinstrumenten degradiert, die man mit diversen Apparaturen traktiere oder denen Medikamentenwirkstoffe in zigtausendfach höherer Dosierung als beim Menschen verabreicht würden. Und auch abseits des eigentlichen Experiments sei die Tierversuchspraxis mit Leiden verbunden, da die Haltung der Tiere in engen Käfigen kaum als artgerecht bezeichnet werden könne.

Pro: strenge Kontrollen

Von den Bedingungen, unter denen Versuchstiere gehalten werden, seien Ergebnisse in großem Maße abhängig, führen Wissenschaftler an. Nicht nur aus moralischen sondern auch aus ganz praktischen Erwägungen heraus sei es daher geboten, dass die Tiere optimal gepflegt werden und während der Versuche möglichst stressfrei leben. Kranke oder nicht artgerecht gehaltene Tiere seien für Tierversuche unbrauchbar. Das Tierschutzgesetz lege strenge Maßstäbe an die berufliche und fachliche Qualifikation der Personen, die in Tierversuchslaboren arbeiten. In jeder dieser Einrichtungen gebe es zudem Tierschutzordnungen und Tierschutzbeauftragte, welche die Forscher beraten und sie bei den Genehmigungsanträgen, die für jeden einzelnen Tierversuch gestellt werden müssen, unterstützen.

3. Sind Tierversuche unverzichtbar?

Tierversuche zu unterlassen, wäre verantwortungslos und bedeutete eine Verlangsamung des medizinischen Fortschritts, betonen Forscher. Für zwei Drittel aller heute bekannten Krankheiten gebe es noch immer keine befriedigende Therapie oder gar Heilung, daher müsse die Tierversuchsforschung unbedingt weitergehen. Eben die Tatsache, dass so viele Krankheiten trotz jahrzehntelanger tierexperimenteller Studien nicht therapier- geschweige denn heilbar geworden sind, zeige aber, wie wenig Tierversuche bisher zum medizinischen Fortschritt beigetragen haben, kritisieren Gegner. Statt weiterhin Millionen Tiere auf dem "Opferaltar des Fortschritts" leiden zu lassen, sollte mehr Geld in die Entwicklung alternativer Verfahren, wie etwa In-vitro-Methoden (die Forschung an Mikroorganismen oder Zellkulturen im Reagenzglas) oder Computersimulationen, investiert werden.

Genau hier stoße die Wissenschaft aber an ihre Grenzen, erklären Befürworter. Vor allem komplexe Fragestellungen, wie etwa die Verteilung eines Arzneistoffs im Körper oder das Zusammenwirken mehrerer Organsysteme, ließen sich nur am lebenden Organismus untersuchen. Alternative Verfahren könnten den "intakten Organismus" nicht ersetzen; zum Erforschen von Funktionsverknüpfungen auf höheren Ebenen als der zellulären seien Tierversuche unverzichtbar. An Gewebekulturen würden sich die Ursachen beispielsweise für Hirnstörungen nicht klären lassen. Und für Computersimulationen unter realistischen Bedingungen müsse man die zu erforschenden Prozesse in vielen Fällen schon kennen. Nach heutigem Stand der Wissenschaft seien Tierversuche unumgänglich.

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2011, 14:37 Uhr

Zahlen und Fakten

Laut Statistik des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) wurden im Jahr 2009 rund 2,79 Millionen Tiere in Deutschland für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke eingesetzt.

Den weitaus größten Forschungsbereich macht dabei die biologische Grundlagenforschung mit rund 917.000 Versuchstieren (33 Prozent) aus. Es folgen die Bereiche Forschung und Entwicklung mit über 587.000 Versuchstieren (21 Prozent) und die Herstellung und Qualitätskontrolle von Arznei- und Medizinprodukten mit fast 224.000 Versuchstieren (8 Prozent). Für toxikologische Untersuchungen und andere Sicherheitsprüfungen wurden knapp 202.000 Tiere verwendet (7 Prozent).

Die größte Gruppe der eingesetzten Versuchstiere mit mehr als 87 Prozent stellen die Nagetiere (67 Prozent Mäuse, 18 Prozent Ratten und 2 Prozent Meerschweinchen, Hamster und andere Nager). Die nächst größeren Gruppen bilden Fische mit über 4 Prozent, Vögel mit unter 4 Prozent und Kaninchen mit etwas über 3 Prozent.

Menschenaffen dienten nicht als Versuchstiere; die Zahl anderer Affen und Halbaffen lag 2009 bei 2.313 Tieren, 55 Prozent davon wurden für toxikologische Tests eingesetzt. In Tierversuchen werden vorwiegend Krankheiten von Menschen oder Tieren erforscht. Tierversuche zur Entwicklung von Kosmetika, Waschmitteln und Tabakerzeugnissen sind in Deutschland grundsätzlich verboten.

Die Geschichte der Tierversuche

beginnt in der Antike. Durch Vivisektionen (Experimente an lebenden Tieren) entdeckte der griechische Arzt Alkmaion (um 500 v. Chr.) die Verbindung der Sinnesorgane mit dem Gehirn.

Berühmt geworden sind auch die Studien des griechisch-römischen Arztes Galenus (129 bis 199 n. Chr.). Mit Versuchen an Schweinen, Affen und Hunden gewann er grundlegende Erkenntnisse über physiologische Vorgänge, etwa das Funktionieren des Herzens und die Arbeit der Lungen, sowie über die Struktur des Nervensystems. Galenus begründete damit die erste Ära der experimentellen Forschung - und mit ihm endete sie vorerst auch.

Statt sich mit dem systematischen Beobachten des Körpers zu beschäftigen, berief man sich während der nächsten Jahrhunderte lieber auf die Schriften antiker Gelehrter. Erst in der Renaissance wuchs das Interesse an anatomischen Studien wieder. Der flämische Anatom Andreas Vesalius (1514 bis 1564) veröffentlichte 1543 die Erkenntnisse aus seinen Beobachtungen an menschlichen und tierischen Leichen in dem Epoche machenden Werk "De Humani Corpori Fabrica" (Über den Aufbau des menschlichen Körpers).

In der Folgezeit rückten die Prozesse im Körper mehr und mehr ins Zentrum der Forschung: 1628 entdeckte der englische Arzt William Harvey (1578 bis 1657) das Geheimnis des Blutkreislaufs. Neben Sektionen von Leichen stützte Harvey seine Theorie auch auf Tierversuche. Diese Praxis erfreute sich immer größerer Beliebtheit, um wichtige biomedizinische Fragen zu beantworten.

Mit der Zunahme an Tierversuchen wuchs jedoch auch der Rechtfertigungszwang: Nicht jeder Wissenschaftler sah im Tier einen "seelen- und gefühllosen Automaten" wie der französische Philosoph René Descartes (1596 bis 1650); und so gewann das Argument der Forscher, einem übergeordnetem Ziel - dem menschlichen Wohle - zu dienen, an Bedeutung. Das Leid der Tiere müsse man im Interesse der Wahrheit ertragen.

Öffentliche Stimmen, die nach der Berechtigung von Tierversuchen fragten, verstummten jedoch nie. Anfang des 19. Jahrhunderts gründeten sich erste Bewegungen gegen Tierversuche. Doch der Bedarf an Versuchstieren nahm weiter zu: Zum einen, da mit der Entdeckung der Anästhetika nun auch Tiere vor schmerzhaften Eingriffen betäubt werden konnten, zum anderen, weil Anfang des 20. Jahrhunderts die industrielle Herstellung von Antiseren, Impfstoffen und Medikamenten begann.

Parallel zur Etablierung neuer medizinischer Fachgebiete, wie etwa Toxikologie, Virologie und Immunologie, verstärkte sich die öffentliche Diskussion. Trotz zahlreicher Tierschutzgesetze, das erste wurde 1876 in Großbritannien erlassen, und vieler Verbesserungen im Umgang mit Versuchstieren, ruft die tierexperimentelle Forschung bis heute Proteste hervor.

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