Tierwelt

LexiTV | : Sinn und Sinnlichkeit

"Kannst Du Dich nicht wie ein normaler Junge beschäftigen?" Diese Frage bekam Vladimir Nabokov (1899 bis 1977) als Kind immer wieder zu hören, wenn er seine Gerätschaften für die Schmetterlingsjagd zum Picknick mitnahm. Bereits mit sieben Jahren begeisterte sich der später berühmte Schriftsteller für Schmetterlinge.

Dabei stieß Nabokov nicht nur bei Verwandten auf Unverständnis: Am Schwarzen Meer beschuldigte ein russischer Wachposten Nabokov, er gebe mit seinem Kescher einem britischen Kriegsschiff Zeichen. In den USA wurde er mehrmals auf Schilder mit der Aufschrift "Angeln verboten" hingewiesen, und einmal verfolgte ihn eine neugierige schwarze Stute.

Nabokovs Leidenschaft für Schmetterlinge ging über ein bloßes Hobby hinaus: während der 1940er Jahre arbeitete er im Museum des Instituts für Vergleichende Zoologie an der Harvard-Universität. Fast täglich saß er im Labor und studierte Schmetterlingsgenitalien unter dem Mikroskop - eine gebräuchliche Methode, Arten auseinanderzuhalten und zu ordnen. In seiner freien Zeit ging Nabokov häufig auf die Jagd. An den Tagen, an denen Schmetterlingsausflüge geplant waren, soll Nabokov morgens alle Uhren im Haus vorgestellt haben, damit seine Frau Véra sich etwas beeile und sie schneller fort kämen.

Magie und Bezauberung

Die Gattin kommentierte Nabokovs Passion einst so: "Wenn man mit ihm reden will, muss man ihn nicht etwa aus dem Schlaf, sondern von den Schmetterlingen aufwecken." Lange bevor der Roman "Lolita" Nabokov weltberühmt und wohlhabend machte, hatte er sich einen Ruf als Schmetterlingsforscher erworben. Die Leidenschaft für Schmetterlinge kollidierte häufig mit dem Wunsch, zu schreiben: für eines von beiden blieb immer zu wenig Zeit. Eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen Schreiben und Faltern, zwischen Kunst und Naturwissenschaft, gab es für Nabokov jedoch nie - im Gegenteil: "In der Natur entdeckte ich die zweckfreien Wonnen, die ich in der Kunst suchte. Beide waren eine Form der Magie, beide waren ein Spiel intrikater Bezauberung und Täuschung..."

Autor mit Leidenschaft

Vor allem wehrte sich Nabokov gegen die Vorstellung von Natur als etwas Rationalem, er polemisierte gegen die Evolutionstheorie Darwins und dessen Modell der zielgerichteten Entstehung der Arten. Nabokov war der Meinung, die Natur habe ein "künstlerisches Gewissen"; er fand es bestätigt in der Existenz von ästhetischen, zweckfrei schönen Elemente - zum Beispiel Schmetterlingen.

"Schönes" in der Natur

Eine seiner Publikationen widmete Nabokov einem tropischen Schmetterling, dessen Flügel den Kopf einer giftigen Schlange imitierten. Im Sinne Darwins könnte der Falter als Beweis für zielgerichtete Entwicklung dienen, die Form das Abschrecken von Feinden bezwecken. Nabokov widerlegte diese Interpretation: der Schmetterling war ungenießbar und hatte keine natürlichen Feinde. Sein außergewöhnliches Aussehen diente also keinem Zweck - die Natur hatte einfach etwas "Schönes" geschaffen.

Die Einzelheit ist alles

Nicht nur entdeckte Nabokov die Wonnen der Kunst in der Natur, auch entdecken Leser die Wonnen der Wissenschaft in seiner Ästhetik: Kritiker beschreiben Nabokovs Werke als streng in der Sprache und detailversessen im Inhalt. Er selber sagte einmal: "In großer Kunst wie in reiner Wissenschaft ist die Einzelheit alles." Müßig ist die Frage, ob Nabokovs wissenschaftliche Arbeit seine Kunst oder die Kunst die Wissenschaft beeinflusst habe. Für ihn waren Tatsachen und Phantasie, Inspiration und Verstand stets gleichberechtigte Elemente in beiden Schaffensprozessen: "Es gibt keine Wissenschaft ohne Phantasie und keine Kunst ohne Tatsachen."

Ekstase und Dankbarkeit

In Erinnerung bleiben wird Vladimir Nabokov als Autor, Lolita ist zu einem Klassiker der Moderne geworden. Das Schreiben hat ihm Ruhm und Reichtum gebracht, gewissermaßen "Sinn" gemacht. Weitgehend zweckfrei, weil ohne praktische Anwendung, blieb hingegen die Schmetterlingsforschung. Doch stand für Nabokov der Wissensgewinn nie im Vordergrund. Vor allem genoss er es, "unter seltenen Schmetterlingen und ihren Futterpflanzen" zu stehen: "Das ist Ekstase... Es ist wie ein kurzes Vakuum, in das alles strömt, was ich liebe. Ein Gefühl der Einheit mit Sonne und Stein. Ein Schauer der Dankbarkeit."

Urte Paul (27.02.2008)

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2009, 14:24 Uhr

Schmetterlingsforscher Vladimir Nabokov

Sie heißen Lycaeides idas nabokovi, Cyllopsis pyracmon nabokovi oder Hesperia nabokovi - 7 Gattungen, 3 Arten und 10 Unterarten der Schmetterlinge tragen den Namen Vladimir Nabokovs. Manche benannte der Autor selber, andere wurden ihm zu Ehren getauft. 19 wissenschaftliche Arbeiten über Schmetterlinge veröffentlichte Nabokov; sein Spezialgebiet waren die Polyommatinen, ein Tribus der Bläulinge. Nabokovs bekanntester Falter ist vermutlich der Karner-Bläuling, der offizielle Schmetterling von New Hampshire.

Insekten

Rund zwei Drittel aller bekannten Lebewesen gehören zur Klasse der Insekten. Über eine Million Arten wurden bisher gezählt - nur ein Bruchteil von den dreißig bis fünfzig Millionen Arten, die nach Schätzungen von Wissenschaftlern existieren.
Insekten rechnet man zu den ersten Lebewesen auf der Erde. Sie zeichnen sich unter anderem durch außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit aus. Insekten sind sowohl in den kältesten als auch in den heißesten Gebieten der Erde zu Hause. Das Meer haben allerdings nur wenige Arten für sich entdeckt.

Bemerkenswert ist, dass seit der Trias-Periode (vor 230 Millionen Jahren) nur eine einzige Insektenordnung ausgestorben ist.

Insekten kennzeichnet ihr Körperbau. Er gliedert sich durch Einkerbungen (Insecta = "Eingeschnittene") in Kopf, Brust und Hinterleib. Der Kopf besteht aus sechs zusammengewachsenen Segmenten. Dort befinden sich die Facettenaugen, drei Paar Mundwerkzeuge und zwei Fühler. Der Brustbereich ist aus nur drei Segmenten zusammengesetzt, die je ein Beinpaar haben (Hexapoda = "Sechsfüßer").

Bei höheren Arten liegen hier auch noch die Flügelpaare. Der Hinterleib ist ursprünglich in elf Segmente unterteilt, die aber im Laufe der Evolution teilweise zusammengewachsen sind. Dort haben Geschlechtsorgane und Eingeweide ihren Platz.

Neben Krebsen, Tausendfüßern und Spinnentieren gehören die Insekten zum Stamm der Gliedertiere. Spinnen sind also keine Insekten. Sie unterscheiden sich dadurch von Insekten, dass Kopf und Brustteil verschmolzen sind und dass sie acht statt sechs Beine haben.

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